„Damit rechnen, dass die eigene Annahme falsch sein kann“
Auf dem Campus der Freien Universität Berlin: Studiendekan Stefan Liebig erläutert in einer Rede vor Erstsemestern, wie Wissenschaft und Studium funktionieren – und was sich daraus für das soziale Miteinander an der Uni ableiten lässt
07.10.2026
Studienstart in Dahlem: Hunderte Erstsemester versammelten sich am 1. Oktober 2026 vor dem Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin zur Infoveranstaltung für neue Studierende. Am 12. Oktober geht die Vorlesungszeit los!
Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Am 12. Oktober beginnt die Vorlesungszeit im Wintersemester 2026/27 an der Freien Universität. Mehr als 7.000 junge Menschen haben sich neu immatrikuliert. Sie werden in diesen Tagen an ihren jeweiligen Fachbereichen und Instituten begrüßt. Am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften hat das unter anderem Studiendekan Stefan Liebig übernommen: Der Soziologieprofessor hielt am 5. Oktober 2026 eine Rede vor den Studierenden, die sich für ein Studium der Politikwissenschaft, Soziologie, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften oder Sozial- und Kulturanthropologie entschieden haben.
Die Gründung der Freien Universität Berlin im Jahr 1948 „ist aus dem Mut von Studierenden entstanden“, sagt Liebig: „Das ist ein Erbe, und es ist ein Auftrag.“ In seiner Rede erläutert er die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens: systematisch Fragen zu stellen, Methoden offenzulegen, überprüfbare Ergebnisse vorzulegen. Und: Immer damit zu rechnen, dass die eigene Annahme falsch sein kann. Aus diesen Prinzipien lasse sich auch ein Verhaltenskodex für ein respektvolles Miteinander auf dem Campus ableiten, sagt der Wissenschaftler: einander zuzuhören, Argumente auszutauschen, die Würde des Gegenübers zu achten.
Warum ist das wichtig?
An der Freien Universität Berlin studieren und arbeiten rund 40.000 Menschen aus mehr als 150 Nationen. Dieses Miteinander aus unterschiedlichen Herkünften, Religionen und Lebensgeschichten ist ein Reichtum und eine Stärke der Freien Universität. Um Konflikten vorzubeugen, regelt ein Code of Conduct den Umgang für Mitglieder der Freien Universität und Gäste, Unterstützung und Beratung zu verschiedenen Themen finden Universitätsmitglieder hier.
Willkommensansprache des Studiendekans
Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, Freie Universität Berlin
Erstsemesterbegrüßung Wintersemester 2026/27, 5. Oktober 2026
Stefan Liebig
Liebe Studienanfängerinnen und Studienanfänger,
die Dekanin hat Sie bereits im Namen des Fachbereichs begrüßt. Als Studiendekan möchte ich über etwas sprechen, das unmittelbar mit Ihrem Studium zu tun hat: wie wir hier miteinander lernen, diskutieren und streiten wollen, und wo die Grenzen dieses Streits liegen. Dafür lohnt es sich, zunächst zu schauen, wo Sie eigentlich angekommen sind.
I.
Die Gründungsgeschichte der Freien Universität haben Sie in diesen Tagen sicher schon gehört. Darum nur so viel: Diese Universität wurde 1948 von Studierenden gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Leben gerufen, weil sie frei von politischer Bevormundung lernen, lehren und forschen wollten. Sie ist aus dem Mut von Studierenden entstanden. Das ist ein Erbe, und es ist ein Auftrag. Was bedeutet dieser Auftrag für Ihr Studium?
Ich möchte Ihnen dazu einen Gedanken mitgeben. Frei von politischer Bevormundung heißt auch: Was als wahr gilt, entscheiden hier nicht Macht oder Lagerzugehörigkeit, sondern Argument und Prüfung. Daraus folgt ein Unterschied, der Ihr Studium prägen sollte: der Unterschied zwischen dem Blick der Bürgerin und des Bürgers auf die Gesellschaft und dem sozialwissenschaftlichen Blick. Als Bürgerinnen und Bürger urteilen wir. Wir haben Werte und Interessen, wir ergreifen Partei, wir wollen etwas verändern. Das ist legitim, und eine Demokratie lebt davon.
Die Wissenschaft setzt anders an. Sie fragt nicht: Wer hat recht? Sie fragt: Was ist der Fall, und warum? Sie arbeitet systematisch, legt ihre Methoden offen und macht ihre Ergebnisse überprüfbar. Sie trennt die Frage, wie die Welt ist, von der Frage, wie sie sein sollte. Und sie rechnet damit, dass die eigene Annahme falsch sein kann.
Das ist heute wichtiger denn je. Viele Menschen ziehen sich in ihre politischen Echokammern zurück.1 Häufig gelingt es nicht einmal mehr, sich darauf zu verständigen, was der Fall ist. Mitunter scheint jedes Lager seine eigenen Fakten zu haben. Gestritten wird dann oft nicht mehr über Inhalte und politische Maßnahmen, über das bessere Argument oder die bessere Lösung. Stattdessen werden die anderen pauschal abgelehnt, oft bevor sie überhaupt ausgesprochen haben. Wer eine abweichende Position vertritt, landet schnell in einer Schublade. Und mit Schubladen muss man sich nicht mehr auseinandersetzen.
Deshalb kommt der Wissenschaft eine besondere Bedeutung zu. Sie will zunächst beschreiben, was ist, und dafür Erklärungen bereitstellen, die sich an der Wirklichkeit messen lassen. Erst auf dieser gemeinsamen Grundlage lässt sich sinnvoll darüber debattieren, was sein soll.
An der Universität muss es also anders zugehen. Seminare und Vorlesungen sind keine Arenen des politischen Schlagabtauschs, sondern Orte des wissenschaftlichen Diskurses. Hier setzen wir uns mit Argumenten auseinander, nicht mit Etiketten. Hier fragen wir, ob eine Position gut begründet ist, und nicht, aus welchem Lager sie kommt. Parolen, Lautstärke und Gesinnung ersetzen keine Begründung.
Ein solcher Diskurs hat Voraussetzungen. Er lebt von Regeln des Umgangs miteinander: dass wir einander ausreden lassen, dass wir Positionen kritisieren und nicht Personen herabsetzen, dass wir unsere Behauptungen begründen und bereit sind, sie überprüfen zu lassen. Diese Regeln gelten für Studierende ebenso wie für Lehrende. Wo sie missachtet werden, ist kein wissenschaftlicher Austausch möglich.
Lesen Sie auch das, was Ihnen nicht sofort gefällt. Lassen Sie zu, dass Ihr eigener Standpunkt infrage gestellt wird. Eine Überzeugung, die nie geprüft wurde, ist keine Erkenntnis.
Diese Regeln ruhen auf einer Grundlage, die nicht verhandelbar ist: dem Respekt vor der Würde jedes Einzelnen. An dieser Universität studieren und arbeiten Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft, Religion und Lebensgeschichte. Das ist eine große Stärke. Dass sich alle hier entfalten können, ist dabei nicht nur eine Frage der Haltung, sondern ein gesetzlicher Auftrag: Das Berliner Hochschulgesetz verpflichtet die Hochschulen, auf eine diskriminierungsfreie Bildung hinzuwirken.2
Aber nicht alle erleben die Universität als einen Ort, an dem sie selbstverständlich dazugehören. Viele berichten von Rassismus und Ausgrenzung, auch im Hochschulalltag. Niemand darf hier herabgesetzt werden, weder wegen seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder seines Glaubens noch wegen des Geschlechts, der geschlechtlichen Identität, der sexuellen Orientierung oder einer Behinderung. Wer hier studiert, lehrt oder arbeitet, gehört dazu: mit derselben Würde und demselben Recht, gehört zu werden.
II.
Ich habe eingangs an die Gründung dieser Universität erinnert. Es gibt eine zweite Geschichte, die zu ihr gehört. Sie gerät oft in Vergessenheit, und heute sollten wir besonders an sie erinnern. Im Jahr 1957, nur zwölf Jahre nach dem Ende der Schoa, formierte sich hier an der Freien Universität die erste Deutsch-Israelische Studiengruppe der Bundesrepublik.3 Noch im selben Jahr schrieben Studierende an die Hebräische Universität in Jerusalem und baten um akademischen Austausch. Nach dem Berliner Vorbild entstanden Gruppen an vielen westdeutschen Hochschulen. Sie setzten sich für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen ein, gegen Antisemitismus und für Begegnung mit Israel. Diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern gab es erst 1965. Studierende dieser Universität haben der Annäherung also den Weg bereitet, lange bevor die Politik so weit war.
In zwei Tagen, am 7. Oktober, jährt sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel zum dritten Mal. An diesem Tag ermordeten Terroristen der Hamas mehr Jüdinnen und Juden als an jedem anderen Tag seit der Schoa. Hinzu kam das Schicksal der Geiseln, die die Hamas verschleppte: Manche kehrten erst nach mehr als zwei Jahren zurück, andere nicht lebend. Und der Krieg, den dieser Angriff auslöste, hat über die Zivilbevölkerung in Gaza großes Leid gebracht.
Seither ist an den Hochschulen etwas zutage getreten, das uns an dieser Universität, mit ihrer Geschichte, besonders schmerzen muss: Antisemitismus zeigt sich so offen wie lange nicht. Jüdische Studierende berichten, dass sie sich auf dem Campus nicht mehr sicher fühlen. Viele verbergen ihre Identität: Sie legen die Kette mit dem Davidstern ab, geben sich nicht mehr als jüdisch zu erkennen oder meiden bestimmte Orte. Israelische Studierende vermeiden es, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen. Jüdische Lehrende werden angefeindet und bedroht, manche auch angegriffen. Auch unsere eigene Universität ist davon nicht verschont geblieben, bis hin zu Gewalt.
Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist legitim, wie Kritik an jeder Regierung. Wo legitime Kritik endet und Antisemitismus beginnt, ist keine Gesinnungsfrage. Es ist eine analytische Aufgabe, und sie gehört zu dem wissenschaftlichen Blick, den Sie hier lernen werden. Denn Antisemitismus tritt nicht immer offen auf. Oft ist er subtil und passt seine Sprache an. Wo früher von „den Juden“ gesprochen wurde, ist heute zunehmend von „den Zionisten“ die Rede. Das Wort wird zur Feindmarkierung, mit der Jüdinnen und Juden sowie alle, die sich solidarisch zeigen, ausgegrenzt werden: aus dem Seminar, aus der Lerngruppe, vom Tisch in der Mensa. Antisemitisch ist es auch, Jüdinnen und Juden überall auf der Welt für das Handeln der israelischen Regierung haftbar zu machen, Israel das Existenzrecht abzusprechen oder an diesen Staat Maßstäbe anzulegen, die für keinen anderen gelten. Und oft kehren alte Bilder im neuen Gewand wieder, etwa der Mythos von der geheimen Macht, die angeblich Medien, Finanzen oder Politik steuert. Wer solche Topoi erkennt, kann Kritik von Antisemitismus unterscheiden.
Antisemitismus ist ebenso wenig wie Rassismus eine Meinung, die man im wissenschaftlichen Diskurs gegen andere abwägt. Er ist aber keine bloße Spielart des Rassismus: Er stellt Jüdinnen und Juden nicht als unterlegen dar, sondern als übermächtig. Seine Begründungen wechseln, vom christlich-religiösen Antijudaismus über den völkisch-rassistischen Antisemitismus, der in die Schoa führte, bis zu einer Judenfeindschaft, die sich heute antizionistisch oder antikolonial gibt. Die Feindbilder bleiben erstaunlich ähnlich.
Und wir sollten ehrlich sein: Antisemitismus und Rassismus gehen nicht nur von Studierenden aus, sondern auch von Lehrenden. Lehrende tragen eine besondere Verantwortung, denn sie prägen, was im Seminar als sagbar gilt.
III.
Damit komme ich zu dem Punkt, der mir am wichtigsten ist. Es sind sehr wenige, die das Klima an einer Universität vergiften. Studien zeigen, dass antisemitische Einstellungen unter Studierenden deutlich seltener sind als in der Gesamtbevölkerung.4 Die große Mehrheit teilt solche Vorurteile nicht. Aber die große Mehrheit schweigt. Viele denken: Das geht mich nichts an. Sie gehen an der Schmiererei oder den Plakaten im Flur vorbei, an der Bemerkung im Seminar, die alle gehört haben und die trotzdem unwidersprochen bleibt. Jeder verlässt sich darauf, dass jemand anderes etwas sagen wird. Und am Ende sagt niemand etwas. So entsteht das Klima einer Universität: durch die
wenigen Lauten und durch die vielen Stillen. Gleichgültigkeit ist nicht neutral. Wer schweigt, überlässt den Lauten das Feld.
Ich bitte Sie deshalb: Schauen Sie nicht weg. Melden Sie antisemitische Plakate und Schmierereien, ebenso wie rassistische, sexistische, homophobe, transfeindliche oder ableistische. Und beziehen Sie Stellung. Widersprechen Sie, wenn eine Grenze überschritten wird. Stellen Sie sich sichtbar an die Seite derer, die angegangen werden, ob Kommilitonin, Dozent oder Kollegin aus der Verwaltung. Das kostet manchmal Überwindung. Aber es bewirkt viel.
An alle, die hier Ausgrenzung erfahren, und in diesen Monaten besonders an die jüdischen Studierenden unter Ihnen: Sie gehören hierher. Diese Universität ist Ihre Universität. Wenn Sie angegriffen oder ausgegrenzt werden, holen Sie sich Unterstützung. Für Antisemitismus gibt es an der Freien Universität eigene Ansprechpersonen, zwei Vertrauensdozierende, die vertraulich und auf Wunsch auch anonym beraten. Bei anderen Formen von Diskriminierung helfen die Beratungsstellen der Universität. Das Dekanat und die Lehrenden des Fachbereichs sind für Sie da. Sie stehen nicht allein.
Wer Antisemitismus und Ausgrenzung entgegentritt, stärkt die Demokratie, die zunehmend unter Druck gerät. Sie lebt von Menschen, die Zivilcourage zeigen und für andere einstehen, und von Orten, an denen mit Argumenten und Fakten gestritten wird, auch über Positionen, die der eigenen Meinung widersprechen. Diese Universität wurde von Studierenden gegründet, die nicht schweigen wollten. Und es waren Studierende dieser Universität, die nach der Schoa zu den Ersten gehörten, die um Austausch und Begegnung mit Israel gebeten haben. Knüpfen Sie an diese Tradition an.
Herzlich willkommen an der Freien Universität!
1 Vgl. Nils Teichler u. a.: Entkoppelte Lebenswelten? Soziale Beziehungen und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland. Erster Zusammenhaltsbericht des FGZ, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt 2023, DOI: 10.26092/elib/2517. Danach haben 62 Prozent der Anhängerinnen und Anhänger der Grünen politisch homogene Bekanntenkreise; bei potentiellen AfD-Wählerinnen und -Wählern berichten 50 Prozent, ihr Bekanntenkreis bestehe überwiegend aus AfD-Sympathisanten.
2 § 5b Abs. 1 Berliner Hochschulgesetz (BerlHG).
3 Zur Geschichte der Studiengruppen ausführlich: Jonas Hahn, Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen: Wallstein 2025.
4 Thomas Hinz, Anna Marczuk, Frank Multrus: Studentisches Meinungsklima zur Gewalteskalation in Israel und Gaza und Antisemitismus an deutschen Hochschulen, Universität Konstanz 2024 (gefördert vom BMBF). Danach teilen rund 8 Prozent der Studierenden allgemeine antisemitische Einstellungen, gegenüber 18 Prozent in der Gesamtbevölkerung.
Weitere Informationen
Die Rede hielt Soziologieprofessor und Studiendekan am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften Stefan Liebig am 5. Oktober 2026 vor Erstsemesterstudierenden.


