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Nachlass Richard Thurnwald

14.10.2026

Kasten "Typen - Tracht" mit Glasplattendiapositiven aus Richard Thurnwalds Lehrmittel-Sammlung

Kasten "Typen - Tracht" mit Glasplattendiapositiven aus Richard Thurnwalds Lehrmittel-Sammlung
Bildquelle: Foto: Monika Sproll | FU Berlin, UA, V/N-127, Box 21 (alter Kasten 1)

Drei Beispiele für die Bekleidung Angehöriger einer gesellschaftlichen Elite aus dem Kasten "Typen - Tracht"

Drei Beispiele für die Bekleidung Angehöriger einer gesellschaftlichen Elite aus dem Kasten "Typen - Tracht"
Bildquelle: Foto: Monika Sproll | FU Berlin, UA, V/N-127, Box 21 (alter Kasten 1)

Der Nachlass des FU-Professors und Ethnologen Richard Thurnwald (1869–1954, vgl. Richard Christian Thurnwald – FU-Lexikon) gehört zu den Sammlungen der FU, die weit in die Vorgeschichte unserer Universität reichen. Zugleich ist er Gegenstand aktueller Forschungsfragen nicht nur um seine Person und sein radikal opportunistisches Agieren in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit. Er fordert auch dazu auf, sich mit der Herkunft von Sammlungen im kolonialen Kontext auseinanderzusetzen und als bewahrende Institution Stellung zu beziehen, wie mit diesen teils rassistischen, teils kolonialistischen Sammlungsgütern und Forschungsarbeiten heute im Archiv und in der Benutzung im Lesesaal umgegangen werden kann.

Richard Thurnwald gehörte bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten, auch international bekannten deutschen Ethnologen, bevor sein Denken und seine Theoriebildung, auch sein Karrierismus durch die Dissertation von Marion Melk-Koch neu befragt wurde, vgl. „Auf der Suche nach der menschlichen Gesellschaft: Richard Thurnwald“ (Reimer, Berlin 1989). Der überzeugte Sozialdarwinist und Mitgründer der weltweit ersten „Gesellschaft für Rassenhygiene“ (1905 mit dem Eugeniker Alfred Ploetz) begann seine Karriere nach einem Jurastudium als österreichischer Staatsbediensteter der österreichisch-ungarischen Verwaltung in Bosnien. Schon hier interessierte er sich für die Vielfalt und den Vergleich der Kulturen, zunächst des Altertums. Während seines Studiums der Ägyptologie und Assyrologie zwischen 1901 und 1906 war er am Berliner Museum für Völkerkunde tätig, um von dort beauftragt die erste seiner außereuropäischen Forschungsreisen zu unternehmen: 1906 bis 1909 führte er Feldforschungen auf unterschiedlichen pazifischen Inseln durch, von Melanesien, Palau, Yap, dem Bismarckarchipel über die Salomonen nach Bougainville, die zu den ehemaligen deutschen Kolonien gehörten. 1912, inzwischen deutscher Staatsbürger, erforschte er das Sepikgebiet in Neuguinea, musste jedoch nach der Übernahme dieser deutschen Kolonie durch die Australier im Zuge des 1. Weltkrieges in die USA ausreisen, wo er von 1915 bis 1917 an der Universität Berkely Tritt fasste. Zurück in Deutschland habilitierte sich Thurnwald 1919 in Halle (vgl. catalogus-professorum-halensis). Es folgten Professuren in Halle (1921–1923), an der ehemaligen Friedrich-Wilhelms-Universität (1923–1931), Gastaufenthalte an der Yale University (1931–1932) und zuletzt an der Freien Universität (ab 1951) mit der Denomination für Ethnologie, Völkerpsychologie und Soziologie. Seine Ehefrau Hilde Thurnwald (1890–1979) begleitete er auf ihrer Forschungsreise in die ehemaligen deutschen Kolonialgebiete nach Tansania (H. T.: „Die schwarze Frau im Wandel Afrikas. Eine soziologische Studie unter ostafrikanischen Stämmen“. Stuttgart, 1935); 1932 reiste er neuerlich nach Bougainville.

Thurnwalds immense Publikationstätigkeit umfasst neben mehreren Standardwerken zu Totemismus und Tabu, vergleichenden Studien über die pazifischen Gesellschaften, sozialbiologische Rasselehren. In fünf Bänden legte er 1931 bis 1934 sein ethnologisches Grundlagenwerk vor: „Die menschliche Gesellschaft in ihren ethno-soziologischen Grundlagen“ (Berlin/Leipzig 1931–1934). Er verfasste Hunderte Aufsätze und Rezensionen, war Herausgeber mehrerer völkerkundlicher Zeitschriften (u.a. Sociologus) und Mitglied bedeutender universitätsnaher Einrichtungen – etwa der Kaiserlich Deutschen Akademie für Naturforscher. Sein 1946 zunächst privat gegründetes Forschungsinstitut konnte er ab 1951 an der FU Berlin als „Institut für Sozialpsychoologie und Ethnologie“ verankern.

Thurnwalds Nachlass war mehrjährig an die HU Berlin verliehen; mit der Wiederübernahme erfolgte nun eine erste archivwissenschaftliche Verzeichnung im Archivinformationssystem bis hin zur tektonischen Tiefe der einzelnen Verzeichnungseinheiten, nachdem zahlreiche Dubletten und Materialien kassiert wurden. Der Nachlass ist ein wissenschaftlicher Nachlass ohne persönliche Dokumente; jedoch finden sich diese in der Sammlung Richard Thurnwald papers heute in den Archives at Yale (Richard Thurnwald papers – Archives of Yale). Darüber hinaus umfasst der Nachlass mit seinen 20 Archivboxen und 12 Boxen Glasplattendiapositive noch eine große Materialsammlung zu der von Hilde Thurnwald initiierten und von Thurnwalds Institutsmitgliedern fortgesetzten Studie zur „Berliner Bevölkerungsstruktur“ der Nachkriegszeit – Thurnwald gelang es mithilfe seiner Kontakte in die USA, die auch die Finanzierung dieser Studie ermöglichte, seine Mithilfe zu einer arisierten deutschen Ethnologie zu vertuschen.

Mehr noch: Als Universitätsprofessor promovierte er 1943 Eva Justin, sogar ohne dass sie zuvor ihr Studium beendet hatte, für ihre Studie „Lebensschicksale artfremd erzogener *****kinder und ihrer Nachkommen“ gemeinsam mit Robert Ritter und dem NS-Rektor Eugen Fischer an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Ritter war Leiter der „Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt“ und hatte Justin schon 1936 zu seiner Stellvertreterin gemacht. So war es ihr möglich, 1942 40 Sinti-Kinder zu ‚begutachten‘, deren Eltern bereits größtenteils deportiert waren und die in Mulfingen zwangsweise in einem Heim untergebracht waren. Nach erfolgter Promotionsprüfung aber – es bleibt unklar, von wem veranlasst – wurden auch diese, bislang vom 1937 erklärten „Asozialenerlass“ verschonten Kinder deportiert und fast alle in Auschwitz-Birkenau ermordet (vgl. Reimar Gilsenbach: „Wie Lolitschai zur Doktorwürde kam“, in: Wolfgang Ayaß u. a. (Hrsg.): Feinderklärung und Prävention. Kriminalbiologie, Zigeunerforschung und Asozialenpolitik. Berlin 1988; Barabara Dankwortt: Die Sinti von Friedrichslohra, Bd. 2: 1933–1945: Verfolgung unter der NS-Rassenpolitik, Norderstedt 2024, S. 40 ff.).

Aktuelle Forschungen stellen Thurnwalds Theoriebildungen und Forschungsreisen nicht nur in ihre zeitgeschichtlichen Kontexte und ihren Ort innerhalb der Fachgeschichte ein (vgl. u.a. Peter Rohrbacher: „Das Ringen um die Kolonialexpertise: Richard Thurnwalds Mitarbeit an Kolonialhandbüchern zu Afrika im Zweiten Weltkrieg“ (Journal of Cultural Psychology (2022), H. 3, S. 115-129), sondern befragen auch sein universitäres Handeln nach Ende des 2. Weltkrieges, innerhalb der Institution und als Vorgesetzter. So hat Thurnwald, selbst kein Mitglied der NSDAP, die ehemals durch Publikationen für die „Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen“ agitierende Barbara Pischel als Mitarbeiterin der FU Berlin eingestellt, vgl. Haide Manns Studie: „Frauen für den Nationalsozialismus. Nationalsozialistische Studentinnen und Akademikerinnen in der Weimarer Republik und im Dritten Reich“ (Opladen 1997, bes. Kap. 4.3, S. 130 ff.).

Es zeigt sich nicht nur in seinen umfangreichen Publikationen, dass Thurnwalds Forschungsansatz eine sozialpsychologische Methodik mit rassentheoretischen und eugenetischen Überlegungen verknüpft. Auch die für seine Lehre aufgebaute Sammlung von Glasplattendiapositiven – etwa 600 an der Zahl – folgt dieser Ideologie, wie man ihrer thematischen Untergliederung entnehmen kann: Die in alten Holzkästen und nun vorsichtig verpackten und umgebetteten Aufnahmen sind geordnet nach Kategorien wie etwa „Typen – Tracht“, „Handwerk“, „Politisches und tägliches soziales Leben, Frauen, Koloniales“, „Totenkult, Ahnen“ bis hin zu „Kunst, Zeichnungen, Plastik, Symbole, Schrift“. Die erste Box „Typen – Tracht“ verschränkt die paläographische Menschheitsgeschichte mit Abbildungen aller Gesellschaften aus dem Blickwinkel eines ihnen zugeschriebenen kulturellen Entwicklungsstands. Schon diese Abbildungen zeigen nicht nur eine auf das Konstrukt „nordische Rasse“ bezogene Wertabstufung verschiedener Gesellschaftsformen – der pejorative Blickwinkel ist einzelnen Aufnahmen deutlich eingeschrieben. Auch stellten die Thurnwalds ihre Forschungen in den 1930er Jahren ganz klar in den Dienst einer zukünftigen, wiederzugewinnenden Kolonialmacht, insofern sie die afrikanischen Kulturen vergleichend auf ihre ‚Arbeitstauglichkeit und -effektivität‘ einschätzten.

Wie heute mit sensiblen Sammlungsgütern umgegangen werden kann, die sich vielfach in deutschen Museen und Universitätssammlungen befinden, hat der Deutsche Museumsbund in einem „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ beschrieben: „Als historisch sensibles Sammlungsgut können Sammlungsstücke aus Sammlungen aller Gattungen angesehen werden, die beispielsweise in Kolonialzeiten, dem Nationalsozialismus, Bürgerkriegssituationen oder Apartheidsystemen gesammelt, erworben oder entstanden sind“ (Leitfaden Deutscher Museumsbund, 3. Fssg. 2021, S. 19). Diese Definition fordert zu einer aktiven Haltung kulturgutbesitzender Institutionen auf: Das Universitätsarchiv wird daher einerseits die Sammlung für die Forschung zugänglich halten, aber die Einsichtnahme in der Datenbank und der Objekte kontextuell mit erklärenden Hinweisen rahmen. Bei einigen wenigen Fotografien musste jedoch anders entschieden werden. Hier werden sogenannte Tjuringas während eines Rituals gezeigt. Sie zu sehen, genau zu beschreiben (und damit aus westlicher Perspektive zu klassifizieren) oder gar zu fotografieren und zu verbreiten – somit auch heute bereits Verstorbene zu zeigen – ist im Weltbild dieser zentralaustralischen Herkunftsgesellschaften ein Sakrileg. Damit wird deutlich, dass möglicherweise auch weitere Teile von Thurnwalds Lehrsammlung, etwa die Box zum Thema „Totem, Tabu, Mana, Idol, Zauberer, Geheime Gesellschaft, Zeremonien, Götter“ nicht nur historisch sensible Objekte enthält, sondern nach den ethischen Vorstellungen der Dargestellten möglicherweise nicht gezeigt werden dürfte. Auch sind die Umstände der Aufnahmen zu berücksichtigen.

Eine nähere Beschäftigung mit diesen Inhalten wäre dringend geboten, denn mit der Digitalisierung von Kulturobjekten mit dem Ziel einer Barrierefreiheit von Sammlungen entsteht hier eine neue Problematik, auf die beispielsweise das National Museum Australia mit der gemeinsamen Kuratierung ihrer Sammlungen mit den Aborigines reagiert hat. Natürlich kursieren im Internet etliche historisch sensible Abbildungen unterschiedlichster Art; in Australien aber werden Kulturobjekte dieser Provenienz nicht mehr ausgestellt, sondern gemeinsam beforscht und restituiert. So rät auch der Leitfaden des Deutschen Museumsbund: „Es sollte insbesondere bei außereuropäischen Sammlungen aus Gründen des Respektes sorgfältig abgewogen werden, ob Fotografien/Abbildungen, aber auch detaillierte Beschreibungen von sensiblem Sammlungsgut in Online-Publikationen und Open-Access-Zugängen zu Inventarlisten/Datenbanken veröffentlicht werden“ (S. 72). In unserem Archivinformationssystem, der Online-Recherche sowie beim analogen Material wurde daher folgender Hinweis gegeben:

"Enthält teilweise historisch und kulturell sensible Abbildungen. Vor einer etwaigen Einsichtnahme oder Reproduktion ist zu überprüfen, ob ethische Wertmaßstäbe oder das Weltbild der jeweiligen Herkunftskultur dies zulassen. Insbesondere bei den von Richard Thurnwald vorgenommenen Fotografien, die im Zuge seiner Rassentheorie oder ganz allgemein in entwürdigender Weise oder Absicht entstanden, ist eine Reproduktion zu unterlassen. Vgl. den „Leitfaden Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“, hg. v. Deutschen Museumsbund, 3. Fssg. 2021."