Vortrag | Rolle und Codex: Bilder der Transformation heiliger Bücher im frühen Christentum
Mosaik mit dem Evangelisten Lukas
Bildquelle: byzantinische Flächenkunst, San Vitale, Ravenna, Italien, Presbyterium
Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Geschriebene Heiligkeit. Materialität, Ritus und Ästhetik des Göttlichen
Eine Ringvorlesung des Instituts für Judaistik der Freien Universität Berlin
Rolle und Codex: Bilder der Transformation heiliger Bücher im frühen Christentum
- Dr. Thomas Rainer
eikones – Zentrum für die Theorie und Geschichte des Bildes,
Universität Basel
In den ersten vier Jahrhunderten christlicher Schriftaufzeichnung vollzieht sich ein komplexer Medienwandel zwischen Rolle und Codex. Die Transformation der sakralen Schriften der Christen passiert vor dem Hintergrund eines wechselseitigen Abgrenzungsprozesses der neu entstehenden christlichen Religionsgemeinschaften vom rabbinischen Judentum, das an der Rolle als Aufzeichnungsmedium der Tora im liturgischen Gebrauch festhält. Was die bisherige Forschung wenig beachtete, war das Echo dieses Prozesses in der bildlichen Darstellung beider Buchformen sowohl im jüdischen als auch im christlichen Kontext. Dabei ist es gerade diese Bildgeschichte der heiligen Bücher, die den komplexen Prozess wechselseitiger Abgrenzung ebenso deutlich macht wie den nicht minder bedeutenden Prozess gegenseitiger Anleihen. In dem Ringen um das rechte Bild des heiligen Buches ging und geht es nicht nur um die Hervorhebung der Autorität der heiligen Schriften gegenüber der vermeintlichen Konkurrenz außerhalb der Grenzen der jeweiligen religiösen Gemeinschaft, sondern vielmehr um die Etablierung von Autorität innerhalb der eigenen Traditionen schriftlicher Überlieferung. Der Vortrag zeigt anhand von Bildern im frühen Christentum die Transformationen, die Rolle und Codex zu Projektionsflächen sakraler Identitätseinschreibung werden liessen.
Zeit & Ort
20.10.2026 | 18:15 - 19:45
Freie Universität Berlin,
Raum 2.2058 (Holzlaube)
Gebäudekomplex Fabeckstr. 23 – 25,
14195 Berlin

