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Vortrag | Die letzten Bilder

30.04.2026 | 18:15 - 19:45

Eine Ringvorlesung des Instituts für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin


Die letzten Bilder

  • Miriam Visaczki
    Künstlerin

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In meinem Vortrag „Die letzten Bilder“ möchte ich zwei sehr unterschiedliche künstlerische Arbeiten vorstellen, die sich mit Religion und Wahrheit auseinandersetzen.
Meine Arbeit der letzten zwanzig Jahre kreist um Geschichtsschreibung, Erinnerung, Schreibtischtechniken und Archivierungsformen.

Für „Ot Otijot“ (2023) habe ich eine Serie von Zeichnungen produziert, die inspiriert sind von der Textstruktur des Talmuds, dem kanonischen jüdischen Textkorpus, der in den ersten sieben Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden ist. Im Talmud wird der Gesetzestext der Mischna, einem Destillat aus der Torah, interpretiert. Diese Interpretation wird wiederum von verschiedenen Kommentatoren ausgelegt. Im Layout der Talmudseiten flankieren die Kommentare Mischnah und Gemara. Diese Struktur von Text, Auslegung und Kommentar habe ich auf Zeichnungen übertragen. Eingeschrieben ist diesen Bildern auch meine eigene ästhetische Sozialisation.

Die Ausstellung „Die letzten Bilder“ (2025) entstand in Zusammenarbeit mit dem internationalen Forschungsprojekt #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen.
#LastSeen erschließt fotografische Quellen über NS-Deportationen von Menschen, die als Jüdinnen und Juden, Sinti:zze und Rom:nja verfolgt wurden, sowie von Opfern der NS-„Euthanasie“ wissenschaftlich und veröffentlicht diese digital.
Gerade weil diese Fotografien in Zwangssituationen produziert wurden und oft die letzten Aufnahmen der verfolgten Menschen vor ihrer Ermordung waren, wollte ich die Bilder nicht zeigen. In dieses Bilderverbot spielt auch der ambivalente Charakter von Fotografie in Bezug auf den Wahrheitsgehalt des Abgebildeten hinein. Fotografien können zwar realitätsgetreue Abbilder sein und einen Moment bezeugen. Um diese letzten Bilder jedoch lesen zu können, ist das außerhalb des Bildausschnitts liegende Unsichtbare, das Wissen über die abgebildeten Personen und die Kenntnis des genauen historischen Hintergrunds entscheidend. Aufbauend auf den Recherchen von #LastSeen habe ich detaillierte Beschreibungen der Deportationsfotos aus Breslau (1941) und Eisenach (1942) verfasst und ließ diese von zwei Frauen, denen ich vertraue, einsprechen. Diese Texte waren in der Ausstellung „Die letzten Bilder“ zu hören.

 

Miriam Visaczki ist Bildende Künstlerin und studiert Jüdische Studien und Geschichte an der Universität Potsdam. Sie forscht momentan über die jüdische Widerstandskämpferin Eva Mamlok (1918–1944) aus Berlin-Kreuzberg.
Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kunstraum Schwaz (Österreich), Kirchgasse, Steckborn (Schweiz), XYZ collective, Tokyo (Japan), Galerie Lars Friedrich, Berlin, Kim? Contemporary Art Center, Riga (Lettland), Galerie Christian Andersen, Kopenhagen (Dänemark), mumok, Wien (Österreich), Gallery Freedman Fitzpatrick, Los Angeles (USA), Galerie Jan Kaps, Köln, Galerie Weiss Falk, Basel (Schweiz), Galerie Francesca Pia, Zürich (Schweiz) und Piper Keys, London (UK) gezeigt.

Zeit & Ort

30.04.2026 | 18:15 - 19:45

Freie Universität Berlin,
Raum 2.2058 (Holzlaube),
Gebäudekomplex Fabeckstr. 23 – 25,
14195 Berlin