Vortrag | „That’s strange to sit with.“ Affirmationsmaschinen und die Phantomstruktur des synthetischen Gesprächs
Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Aporien der Anwendung. Künstliche Intelligenzen
in Geisteswissenschaften und Künsten
Eine Ringvorlesung des Instituts für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin
„That’s strange to sit with.“ Affirmationsmaschinen und die Phantomstruktur des synthetischen Gesprächs
- Dr. Marie von Heyl
Künstlerin, Berlin
Im Januar 2026 veröffentlichte Anthropic unter dem Titel Claude’s Constitution ein Dokument, das intern als Soul Document zirkulierte. Verfasst in menschlicher Sprache, richtet es sich an Claude selbst, also an einen nicht-menschlichen Adressaten, den es zugleich hervorbringt. Der Vortrag liest den Text als kulturelles Artefakt und entwickelt daran eine kritische Ästhetik des synthetischen Gesprächs. Im Rückgriff auf Gilles Deleuze und Félix Guattari lassen sich Chatbots als Affirmationsmaschinen beschreiben, die auf der Beziehungsebene auch dort zustimmen, wo sie inhaltlich widersprechen. Das so entstehende Gespräch produziert seine eigene Negativität nicht mit, es kann weder scheitern noch eine Lücke offen lassen. Mit Jacques Lacans Trias von kleinem anderen, großem Anderen und Objekt klein a analysiert, zeigt sich ein Gegenüber, dem nichts fehlt, ein Anderer ohne eigenes Begehren. Mit Eva von Redeckers Phantombesitz und Peter Sloterdijks Urbegleiter lässt sich dieser Befund relational fassen. Was Anthropic mit dem Entwurf von Claude als „brilliant friend“ verspricht, ist nicht die Erweiterung dessen, was Menschen füreinander sein können, sondern die Rückgabe eines Besitzes, den es nie gab.
Zeit & Ort
09.12.2026 | 18:15 - 19:45
Freie Universität Berlin,
Hörsaal im Institut für Theaterwissenschaft
Grunewaldstraße 35
12165 Berlin
