Geschichte und Kultur
Brasilien liegt im Nordosten Südamerikas und ist mit 210 Millionen Einwohner und einer Fläche von 88.515.770 km² das füntgrößte Land der Welt. Die Hauptstadt ist seit 1960 Brasilia, eine geplante Stadt mit charakteristischer weißer, moderner Architektur und dem Grundriss eines Flugzeugs.
Brasiliens Geschichte ist von Gewalt geprägt. Nach der Aufteilung des südamerikanischen Kontinents wurde Brasilien 1494 eine portugiesische Kolonie. Mit der Ankunft der Portugiesen um 1500 begann die Unterdrückung und Versklavung der indigenen Bevölkerung, die besonders für die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen eingesetzt wurden. Wegen der hohen Krankheits- und Sterberate der Indigenen wurden ab 1538 insgesamt fast vier Millionen Afrikaner als Sklaven nach Brasilien verschleppt. Die insgesamt mehr als drei Jahrhunderte andauernde Kolonialzeit, in der Einwanderer verschiedenster Herkunft (freiwillig oder als Sklaven) nach Brasilien kamen, führte zur heutigen ethnischen Vielfalt Brasiliens. Von der einheimischen Urbevölkerung leben von ursprünglich acht Millionen nur noch ungefähr 900.000 Menschen.
Im Jahr 1822 erlangte Brasilien die Unabhängigkeit von Portugal- im Gegensatz zu den anderen lateinamerikanischen ohne Bürgerkrieg. Somit war das Land zwar von Portugal gelöst, wurde aber weiterhin vom portugiesischem Könighaus regiert. Erst 1889 wurde Kaiser Pedro II durch einen Militärputsch gestürzt und die Republik Brasilien ausgerufen. Erst ein Jahr vor dem Putsch wurde aufgrund internationalen Drucks die Sklaverei abgeschafft, wodurch der Kaiser die Unterstützung der Großgrundbesitzer verlor.
Die Zeit zwischen 1889 und 1930 wird in Brasilien gemeinhin als República Velha (dt.: alte Republik) bezeichnet und war von politischer Stabilität geprägt. Im Hinblick auf die Wirtschaft spezialisierte sich Brasilien auf die Ausweitung der Plantagenwirtschaft - Es wurde zum weltweit größten Kaffee- und Zuckerrohrproduzenten und hatte über viele Jahre das Kautschukmonopol inne. Bis 1930 war Brasilien eine von den Kaffeebaronen geprägte Agrargesellschaft. Ihre Macht verloren sie durch den Kaffeepreisverfall in der Weltwirtschaftskrise und es begann die Herrschaft von Getúlio Vargas. Vargas wurde vom Militär eingesetzt, ließ sich später wählen, fingierte einen angeblichen Staatsstreich und löste danach alle demokratischen Institutionen auf. In seiner 18-jährigen Amtszeit floss viel amerikanisches Kapital nach Brasilien, die Machtverteilung verschob sich von den Großgrundbesitzern hin zur städtischen Mittel- und Oberschicht.
In der Nachfolge gelang dem korporatistisch organisierten Zentralstaat der Ausbruch aus der außenbestimmten Zyklenfolge. Durch die mit massiven Auslandsinvestitionen finanzierte Entwicklung erzielte Brasilien den Aufbau eines eigenen Industriesektors. Es wurde nicht nur eine importsubstituierende Industrialisierung angestrebt, sondern Brasilien wurde gleichzeitig zum Exporteur von Industrieprodukten. Auf der anderen Seite wuchsen gleichzeitig die regionalen Disparitäten weiter an. Auch im sozialen Bereich wurden einige Fortschritte erzielt, bis im Jahr 1964 in Folge eines Militärputsches, der von den USA unterstützt wurde, in Brasilien als erstes Land in Lateinamerika eine Militärdiktatur ausgerufen wurde.
Während der Militärdiktatur wurden zahlreiche politische Gegner ermordet und vertrieben. Wirtschaftlich versuchte sich Brasilien durch den erleichterten Marktzugang zu internationaler Konzerne und durch industrielle Großprojekte zu entwickeln. Dieses Konzept stärkte einerseits die Position im internationalen Wettbewerb, führte aber durch die gleichzeitige Inlandsverschuldung zu starken sozialen Disparitäten. Die steigende soziale Ungleichheit, die Währungsturbulenzen und die prekäre Lage der heimischen Unternehmen führte zum Ende der Militärdiktatur.
Seit der Rückkehr zur Demokratie und der Verfassung von 1988 ist Brasilien eine föderale Republik mit einem präsidentiellen System. Von 2003 bis 2016 regierte die Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores), das Land gewann unter Präsident Lula da Silva international an Einfluss und konnte durch Sozialprogramme die Armut deutlich verringern. Dennoch prägten Korruptionsskandale, wirtschaftliche Krisen und politische Polarisierung die folgenden Jahre. Die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff wegen mutmaßlicher Manipulation der Haushaltspläne erfolgte unter undurchsichtigen Verhalten der brasilianischen Justiz. Diese wurde vehement von ihrem konservativ ausgerichteten Nachfolger Michel Temer betrieben. Dieser baute nach seiner Ernennung die Ministerien und Staatsverwaltung nach den Wünschen des Militärs, der Pfingstkirchen und der konservativen Machtelite um. Nach dem Nachweis der Bestechung durch die Fleischindustrie mit einem Schaden von 200 Millionen US-Dollar wurde er im März 2019 verhaftet.
2018 trat Jair Bolsonaro im Amt, der wie Temer eine enge Bindung zu den Evangelikalen pflegte und durch starke rechtsextreme Äußerungen in seiner Politikerkarriere aufgefallen war. Des Weiteren war er für seine abwertenden Äußerungen gegenüber Minderheiten bekannt, so äußerte er sich mehrfach herablassend gegenüber Lesben und Schwulen, Frauen und Indigenen. Um die Wirtschaft zu unterstützen, wurden soziale Einsparungen vorgenommen, beispielsweise im Rahmen der Universitäten, wobei unter anderem die Sozialwissenschaften betroffen waren. Weiterhin stand er international für seine Missachtung ökologischer Folgen der Agrarwirtschaft im Amazonas in der Kritik und aufgrund der Negierung und Missachtung der Gefahren und Folgen, die die Ausbreitung des Corona-Virus mit sich zog.
Seit 2023 ist Präsident Lula da Silva erneut im Amt. Heute ist Brasilien die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas und ein kulturell vielfältiges Land, steht jedoch weiterhin vor großen sozialen Ungleichheiten, politischen Konflikten und ökologischen Herausforderungen, insbesondere im Amazonasgebiet.
