Internationale Karrierewege 2026
Von außen betrachtet werden Karrierewege häufig als die geradlinige und perfekt geplante Abfolge von Studium, Berufseinstieg und fachlicher Spezialisierung wahrgenommen. In der Realität ergibt sich der rote Faden meist erst rückblickend. Zwei Alumni der Freien Universität Berlin – Laura Kaun, tätig als Head of Public Affairs beim Center for Countering Digital Hate in Brüssel und Stephan Glamsch, tätig als Global Product Lead im Bereich Applied AI & Performance Optimization bei Google in Los Angeles, berichteten rund 40 Studierenden von ihren beruflichen Erfahrungen in internationalen Arbeitskontexten und gaben persönliche Einblicke.
Berufliche Orientierung als dynamischer Prozess
Laura begann ihr Studium mit dem Schwerpunkt Anglistik, bevor sie sich zunehmend für politische Fragestellungen interessierte und zur Politikwissenschaft wechselte. Praktika in Berlin und Brüssel eröffneten ihr erste Einblicke in europäische Politikprozesse und führten zu ihrem Einstieg in das Europäische Parlament.
Stephan studierte Chemie und erkannte bei einem Praktikum in Singapur, dass ihn die Zusammenarbeit mit Menschen und die Dynamik unternehmerischer Prozesse und schneller Entwicklungszeiten stärker motivieren als die klassische Forschungstätigkeit. Die Teilnahme an einem Start-Up Wochenende in Hongkong und die Gründung eines eigenen Start-Ups bestärkte ihn bei dieser Entscheidung, sodass er in Folge ein MBA-Programm absolvierte und seine berufliche Karriere in der freien Wirtschaft begann.
Internationale Erfahrungen als Schlüssel zur persönlichen und beruflichen Entwicklung
Laura und Stephan beschrieben beide ihre Auslandsaufenthalte als sehr prägende Erfahrungen in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung, die ihren Horizont erweitert haben. Wichtige Lernmomente waren u.a. das Kennenlernen anderer Arbeitskulturen, der Umgang mit Unsicherheit sowie die Fähigkeit, sich in neuen gesellschaftlichen und beruflichen Umfeldern zu orientieren und Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und zu lösen. Sie betonten, dass es sich lohnt, bereits während des Studiums erste Auslandserfahrungen zu sammeln, Programme wie Erasmus+, PROMOS oder internationale Praktika bieten hierfür wertvolle Einstiegsmöglichkeiten.
Die Bedeutung von Netzwerken in internationalen Karrieren
Insbesondere im internationalen Kontext entstehen viele berufliche Möglichkeiten nicht ausschließlich über formalisierte Bewerbungsprozesse, sondern auch über berufliche Netzwerke, persönliche Kontakte, Empfehlungen und informellen Austausch. Beide ermutigten Studierende daher, Alumni-Netzwerke, Karrieremessen, Mentoringprogramme und berufliche Plattformen wie LinkedIn aktiv zu nutzen. Dabei gehe es nicht um oberflächliches „Networking“, sondern um die Möglichkeit authentische Einblicke in verschiedene Bereiche zu erhalten, Fragen zu stellen, langfristige Beziehungen aufzubauen, um auf diese Weise seinen eigenen beruflichen Findungsprozess zu unterstützen und von spannenden Möglichkeiten zu erfahren. Gerade Gespräche mit Personen, die bereits in einem angestrebten Berufsfeld tätig sind, können wertvolle Einblicke vermitteln und helfen, Einstiegsmöglichkeiten und verschiedene Tätigkeitsfelder besser zu verstehen, sowie langfristig berufliche Chancen eröffnen.
Ebenso wichtig seien persönliche Netzwerke und Unterstützungsstrukturen durch Freundinnen, Freunde, Familie, Mentorinnen und Mentoren – insbesondere in Phasen der Neuorientierung.
Die eigene Geschichte erzählen: Narrative als Karrierekompetenz
Ein besonders interessanter Aspekt der Diskussion war die Frage, wie unterschiedliche Erfahrungen im Lebenslauf überzeugend miteinander verbunden werden können.
In einer Arbeitswelt, die zunehmend von vielfältigen Bildungs- und Berufsbiografien geprägt ist, werde die Fähigkeit wichtiger, den eigenen Werdegang verständlich und nachvollziehbar zu kommunizieren – ein persönliches Narrativ zu entwickeln oder, wie Stephan es ausdrückte, die „eigene Marke“ zu repräsentieren.
Nicht einzelne Studienfächer oder Berufsbezeichnungen stünden dabei im Vordergrund, sondern die zugrunde liegenden Kompetenzen und Interessen. Analytisches Denken, Problemlösungskompetenz, Kommunikationsfähigkeit oder die Freude an der Zusammenarbeit mit Menschen können sich durch sehr unterschiedliche Karrierephasen ziehen. Für Bewerbungsprozesse bedeutet dies, dass Bewerberinnen und Bewerber nicht nur ihre Erfahrungen auflisten, sondern deren Zusammenhang und Relevanz für die angestrebte Position erläutern sollten.
Berufseinstieg zwischen Praktika, Projekterfahrung und Eigeninitiative
Mit Blick auf den aktuellen Arbeitsmarkt wurde deutlich, dass Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger vor besonderen Herausforderungen und einem Arbeitsmarkt im Wandel stehen, beispielsweise durch Kürzungen im NGO-Bereich. Gleichzeitig betonten die beiden Alumni, dass berufliche Erfahrung auf vielfältige Weise erworben werden kann. Praktika und Trainee-Programme sind der einfachste Einstiegspunkt in Unternehmen und geben richtungsweisende Einblicke, berufliche Kontakte und erste Berufserfahrung.
Aber auch das Studium bietet vielzählige Möglichkeiten, wichtige berufliche Kompetenzen zu erlangen – aus Projektarbeiten während des Studiums, Seminaren, Lehrveranstaltungen und auch ehrenamtlichen Tätigkeiten, lassen sich eine Vielzahl wichtiger Kompetenzen ableiten. Dabei sei es wichtig, seinen eigenen Interessen zu folgen und sich thematische Schwerpunkte zu schaffen. Laura betonte, dass sie in ihrer jetzigen Stelle sehr gute und nützliche Bezüge zu den Inhalten ihres Masterstudium an der Freien Universität in der Fachkombination Gender, Intersektionalität & Politik herstellen kann. Gleichzeitig brachten sie erste berufliche Erfahrungen darauf, diese Studienrichtung einzuschlagen.
Für Bewerbungen empfahlen Laura und Stephan einen klar strukturierten Lebenslauf, der nicht nur Tätigkeiten beschreibt, sondern vor allem die erzielten Ergebnisse und den eigenen Beitrag sichtbar macht. Entscheidend sei die Frage, welchen Mehrwert man geschaffen und welche Herausforderungen man erfolgreich bewältigt habe.
Zugleich ermutigten sie dazu, sich auch auf Positionen zu bewerben, bei denen nicht sämtliche Anforderungen erfüllt werden. Stellenprofile seien häufig als Wunschlisten formuliert und sollten einen nicht von einer Bewerbung abhalten.
Künstliche Intelligenz und die Zukunft beruflicher Kompetenzen
Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt war die zunehmende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für nahezu alle Berufsfelder. Beide Alumni waren sich einig, dass grundlegende Kenntnisse im Umgang mit KI-Anwendungen künftig zu den zentralen Zukunftskompetenzen zählen werden. Dabei gehe es weniger darum, technische Expertinnen oder Experten zu werden, sondern vielmehr darum, die Möglichkeiten und Grenzen entsprechender Werkzeuge zu verstehen und produktiv einzusetzen.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass technologische Entwicklungen die Bedeutung menschlicher Kompetenzen keineswegs verringern. Kommunikationsfähigkeit, Kreativität, Empathie, Verhandlungsgeschick und kritisches Denken bleiben zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche Zusammenarbeit und Führung.
Internationale Karrieren zwischen Chancen und Herausforderungen
Abschließend reflektierten Laura und Stephan ihre Erfahrungen mit dem Leben und Arbeiten im Ausland. Internationale Mobilität eröffnet vielfältige berufliche und persönliche Möglichkeiten, bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Fragen der sozialen Integration, der Entfernung zu Familie und Freundeskreis oder der Visums- und Aufenthaltsregelungen, politische Unsicherheiten, prägen den Alltag vieler international tätiger Fachkräfte.
Gleichzeitig ermöglichen internationale Erfahrungen eine differenziertere Perspektive auf unterschiedliche Gesellschaften, Arbeitskulturen und politische Systeme. Die Fähigkeit, mit kultureller Vielfalt konstruktiv umzugehen, beschrieben sie dabei als eine der wichtigsten Kompetenzen einer globalisierten Arbeitswelt.
Fazit
Die Veranstaltung machte deutlich, dass internationale Karrieren selten das Ergebnis eines langfristig feststehenden Plans sind. Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, die Bereitschaft zur Neuorientierung, internationale Mobilität, der Aufbau belastbarer Netzwerke sowie die Fähigkeit, die eigene Geschichte überzeugend zu erzählen und Themen zu haben, für die man brennt, sind wesentliche Faktoren beruflicher Entwicklung.
Stephan Glamsch, Global Product Lead, Applied AI & Performance Optimization, Los Angeles, USA
Stephan studierte Chemie an der Freien Universität Berlin – seinen B.Sc. in Chemie schloss er in 2014 ab, gefolgt vom M.Sc. in Chemie in 2017. Zusätzlich absolvierte er in 2017 einen MBA am Collège des Ingénieurs. Während seines Studiums sammelte Stephan Berufserfahrung u.a. als Assistant Production Manager bei der Stark Holding GmbH; absolvierte Praktika als Reasearch & Development Specialist bei Daimler AG, und der Bundesanstaltung für Materialforschung und -Prüfung und arbeitete in Teilzeit bei TotalEnergies. Es folgten ein Praktikum bei BASF in Singapur, im Bereich Research & Development (über das Global Leadership Program) und ein Forschungsaufenthalt an der Hong Kong Polytechnik University. Im selben Jahr gründete Stephan in Hong Kong SnackThy, ein B2B Startup. Eine weitere berufliche Station führte ihn als Innovation Consultant (Future of energy) für ENGIE France Réseaux nach Paris, Frankreich. Seit 2021 ist Stephan bei Google tätig, zunächst als Account Manager in Berlin, danach als Senior Account Manager in Irland; als Incubation & Customer Intelligence Lead im Silicon Valley, USA; danach als Partnership Manager bei Google.org als 20% Projekt, als Global Account Manager – Life Sciences & B2B / Fortune 100 in Boston, USA und schließlich seit Mai 2026 Global Product Lead, Applied AI & Performance Optimization.
https://www.linkedin.com/in/stephan-glamsch/
Laura Kaun, Head of Public Affairs, Center for Countering Digital Hate, Brüssel, Belgien
Laura studierte im BA Politikwissenschaften und Anglistik an der Universität Trier, absolvierte in 2019 einen Zertifikatskurs an der Universität Köln zu Gender & Diversity und begann direkt danach ihr Masterstudium an der Freien Universität in der Fachkombination Gender, Intersektionalität & Politik. Während ihres Bachelorstudiums sammelte Laura Berufserfahrung als Trainee beim Deutschen Bundestag in Berlin und beim Europäischen Parlament in Brüssel, Belgien. Seit 2014 arbeitete sie als Policy Advisor am Europäischen Parlament in Brüssel, 2020 wechselte sie ihren Schwerpunkt zum Policy Advisor Gender Equality and Women`s Rights. Seit 2021 arbeitete sie als Policy and Campaigns Officer, später Director für die European Women´s Lobby. Seit 2025 ist Laura als Head of Public Affairs beim Center for Countering Digital Hate in Brüssel, Belgien, tätig.
https://www.linkedin.com/in/laura-kaun-9b72b699/
Dr. Christiane Kasack, Moderatorin
Christiane promovierte im Rahmen des Graduiertenkollegs „Berlin Graduate School for Transnational Studies“ in Politikwissenschaft. Nach zwei Jahren als Postdoktorandin wechselte sie ins Wissenschaftsmanagement und gestaltete das PhD-Programm der Hertie School sowie Programme zur Karriereförderung für Postdocs in der Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft. Seit 2016 ist Christiane selbständig als Coach und Trainerin tätig. Als zertifizierte Systemische Coach und Karriereberaterin unterstützt sie persönliche Weiterentwicklung im Bereich Zeit- und Selbstmanagement sowie Karriereplanung.
Die Veranstaltung "Internationale Karrierewege" wird regelmäßig vom Alumni-Netzwerk der Freien Universität gemeinsam mit dem Career Service der Freien Universität durchgeführt. Die jährlichen Termine in der Reihe werden u.a. im Terminkalender des Alumni-Netzwerks veröffentlicht.
Das Alumni-Netzwerk der Freien Universität Berlin steht allen Ehemaligen aus dem In- und Ausland offen. Dazu zählen nicht nur Absolventinnen und Absolventen, sondern auch Austauschstudierende, Beschäftigte und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ziel des Alumni-Netzwerks ist es, die Verbindung zu Ehemaligen weltweit zu pflegen und Alumni und ihre Expertise in die Aktivitäten der Hochschule einzubinden. Weitere Informationen und die Online-Registrierung finden Sie auf den Seiten des Alumni-Netzwerks.
Der Career Service der Freien Universität Berlin unterstützt Studierende umfassend bei der Berufsvorbereitung im Studium, bei der Praktikumssuche im In- und Ausland und beim Berufseinstieg. Das breitgefächerte Angebot beinhaltet Informationsveranstaltungen, Sprechstunden, Mentorings sowie Online-Ressourcen. Weitere Informationen auf der Webseite des Career Service.

