Detlef Foljanty
13.08.2026
Detlef Foljanty war von 1976 bis 2003 als Akademischer Rat und Sprachlektor am Ostasiatischen Seminar im Fach Japanologie der Freien Universität Berlin tätig. Er verstarb am 14. Oktober 2025 im Alter von 85 Jahren.
Lesen Sie im Folgenden zwei Nachrufe von seinem ehemaligen Kollegen Dr. Hiroomi Fukuzawa und ehemaligen Studierenden:
Nachruf auf Detlef Foljanty (1940–2025)
Als langjähriger Kollege (1976–2003) möchte ich hier einige Erinnerungen und Gedanken an Detlef Foljanty und außerdem Ereignisse im und um das Ostasiatische Seminar festhalten. Der Text richtet sich an Kolleginnen und Kollegen aus der Japanologie, an frühere Studierende sowie an Freunde und Familie. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder wissenschaftliche Systematik, sondern folgt der Logik persönlicher Erinnerung – mit Zitaten, Anekdoten und zeitgeschichtlichen Momentaufnahmen.
Der Fall Hans Eckardt
In den 1980er Jahren erhielt ich einen umfangreichen Aktenordner mit maschinengeschriebenen und handschriftlichen Aufzeichnungen. Darin wurde protokolliert, was Professor Dr. Hans Eckardt (1905–1969) in seinen Seminaren von sich gegeben hatte: antisemitische Hetze, sexistische Bemerkungen gegenüber Studentinnen sowie allgemeine politische Agitation. Außerdem war festgehalten, was er im Kurs an Alkohol getrunken oder den Studenten zum Trinken angeboten hatte. Unter den Studierenden, die diese Aufzeichnungen führten, befand sich auch ein mir bekannter Name: Detlef Foljanty.
Ein kurzer Überblick über Eckardts Werdegang: 1958 wurde er zum außerordentlichen Professor und 1964 zum Ordinarius der Japanologie an der Freien Universität Berlin berufen. Seine akademische Laufbahn begann 1926 mit dem Studium der Musikwissenschaft und der Orientalistik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin; daneben legte er ein Diplom für Japanisch ab. 1932 reichte er seine Dissertation über Musikanschauungen der französischen Romantik ein und wurde im selben Jahr in Heidelberg promoviert.
Bereits am 1. Dezember 1931 trat Eckardt der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 738.051). Nach der Promotion reiste er nach Japan und erhielt eine Dozentenstelle für deutsche Literatur und Kulturgeschichte an der Kaiserlichen Universität Fukuoka. Er pflegte enge Kontakte zu japanischen konservativen Historikern, insbesondere zu Nishida Naojirō (西田直二郎)an der Universität Kyōto, den er bereits in Heidelberg kennengelernt hatte.1
1934 gehörte Eckardt zu den Gründungsteilnehmern des Deutschen Japaninstituts Kyōto, eines Forschungsinstituts für japanische und deutsche Kultur. Bereits 19382 übernahm er dort die Aufgaben des wissenschaftlichen Direktors. Wissenschaftlich beschäftigte er sich vor allem mit japanischem Musiktheater; seine Habilitationsschrift über das Kokinchomonshū reichte er an der Freien Universität Berlin ein. Ein Ruf an die Universität Wien zum Ordinarius der Japanologie wurde ihm später zwar erteilt, jedoch wieder zurückgezogen.
Nach seiner Berufung 1964 an die Freie Universität Berlin kam es bald zu Beschwerden und sogar Klagen. In zeitgenössischen Dokumenten heißt es: „In zahlreichen Aussagen ist bezeugt worden, dass er auch noch in den Jahren danach jüdische Kollegen mit antisemitischen Bemerkungen verleumdet hat.“2 Nachdem ihn das Berliner Verwaltungsgericht 1966 in erster Instanz wegen seines Verhaltens zu einer 60-prozentigen Gehaltskürzung verurteilt hatte, wurde diese Geldstrafe im April 1967 in zweiter Instanz wieder aufgehoben. In einem Hearing erklärten daraufhin der Prorektor der Freien Universität und der Dekan der Philosophischen Fakultät, „dass ihre Möglichkeiten zur Suspendierung des Institutsdirektors damit erschöpft seien“.3
Parallel dazu häuften sich massive Beschwerden der Studierenden über Eckardts Lehrtätigkeit. Auf einer Vollversammlung aller Fakultäten im Auditorium maximum mit etwa 1.500 Teilnehmenden kam der Fall Prof. Eckardt ausführlich zur Sprache. Scharfe Kritik richtete sich insbesondere gegen die ablehnende Haltung des Akademischen Senats gegenüber dem Antrag der Philosophischen Fakultät auf Suspendierung des Japanologen und Leiters des Ostasiatischen Seminars. Der damalige Dekan der Philosophischen Fakultät, Professor Erich Loos, warnte vor der studentischen „Hybris“, alles besser wissen zu wollen, und erklärte, „dass die schlechten Zustände an der Philosophischen Fakultät nur zusammen, aber nicht gegen die Professoren verbessert werden konnten“.4
Da ihre Forderung nach Suspendierung nicht durchgesetzt wurde, griffen die Studierenden schließlich zu handfesten Maßnahmen. Mit Unterstützung des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) besetzten sie am 20. und 21. Mai 1968 das Ostasiatische Seminar für zwei Tage; rund 30 Studierende übernachteten im Institut.
Zur gleichen Zeit befand sich Paris im Strudel der Studentenrevolte des Mai 1968. Deren zentrale Figur, Daniel Cohn-Bendit, war des Landes verwiesen worden und in Deutschland aktiv. Berichten zufolge zeigte er sich auch bei der Besetzung des OAS.5
Schließlich prüfte die Universitätsleitung aufgrund der Beschwerden der Studierenden und verschiedener öffentlicher Äußerungen den Fall erneut. Dabei stellte sich heraus, dass Eckardts fachliches Niveau als Professor als unzureichend bewertet wurde. Den Studierenden wurde daher notgedrungen die Gründung eines neuen Instituts zugesagt.3
Eine ihrer zentralen Forderungen war die Berufung (C4) von Prof. Dr. Katō Shūichi 加藤 周一. Außerdem wurde der noch nicht einmal dreißigjährige Nachwuchswissenschaftler Roland Schneider von der Universität Hamburg als Professor (C3) berufen. So entstand in der Podbielskiallee 42 das neue Ostasiatische Seminar in einer herrschaftlichen Villa, in der einst Max Schmeling lebte.
Die Universitätsleitung konnte Eckardts Institut jedoch nicht einfach schließen und ließ es weiterbestehen. Vermutlich infolge des Schocks über die studentische Rebellion – insbesondere darüber, dass sich auch von ihm geförderte Studierende von ihm abwandten – starb Eckardt ein Jahr später plötzlich an einer Herzkrankheit.
Der neue Start
Prof. Dr. Katō Shūichi wurde als Hoffnungsträger für die Gründung der Japanologie im Sinne von Area Studies angesehen. Zu diesem Zweck wurde ein umfangreiches Budget für Bücher bereitgestellt, und es sollte ein Bibliothekar aus Japan berufen werden.
Obwohl ich zu jener Zeit noch Student war, wurde mir diese Aufgabe anvertraut, sodass ich 1971 in den Sommerferien dienstlich vorübergehend nach Japan zurückkehrte. Nach dem Ausschöpfen aller persönlichen Kontakte fiel die Wahl schließlich auf den hochrangigen Bibliothekar Suga Sumio 菅純夫 von der Nationalbibliothek des japanischen Parlaments. Herr Suga war eigentlich ein hoher japanischer Staatsbeamter; sein Universitätsabschluss (ein BA) wurde jedoch in Deutschland nicht anerkannt – das war für ihn eine bittere Erfahrung. Nach seinen Aussagen bestellten die beiden Professoren kaum Bücher, sodass er weitgehend freie Hand hatte, für sozialwissenschaftliche Studien und die Japanforschung relevante Literatur eigenmächtig zu beschaffen.
Als ich 1971 von München an die Freie Universität Berlin wechselte, bestand das Kollegium aus Katō Shūichi, Roland Schneider sowie Detlef Foljanty, der als Akademischer Rat und Lektor für den Japanischunterricht verantwortlich war. Hinzu kam der Germanist Hayashi Kōzō (林功三, Universität Kyōto), der als Muttersprachler unterrichtete. Die Zusammenarbeit zwischen Foljanty und Hayashi gestaltete sich jedoch schwierig; schließlich unterrichteten sie getrennt voneinander und mit unterschiedlichen Lehrbüchern.
Trotz des für einen Neuanfang sorgfältig zusammengestellten Personals konnte der erhoffte Durchbruch nicht gelingen. Neben den allgemeinen gesellschaftlichen Verwerfungen der weltweiten Studentenbewegung lag ein zentraler Grund darin, dass es infolge der inneren Unruhe und der institutionellen Brüche im kleinen Ostasien-Institut an leistungsstarken Studierenden fehlte. Viele Studierende interessierten sich damals starker für gesellschaftliche Umwälzungen als für Japanstudien. Zudem existierte am OAS eine studentische politische Organisation, das „Sozialistische Arbeitskollektiv International“.
Hinzu kam, dass an der FU das System der Drittelparität galt, in dem Professoren, der Mittelbau (Assistenten und Dozenten) sowie Studierende gleichberechtigt in den Gremien vertreten waren. Die Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät, zu der das Ostasiatische Seminar gehörte, zählte – neben dem Otto-Suhr-Institut – zu den politisch radikalsten Bereichen der Universität. Im untersten Entscheidungsgremium, dem Institutsrat, und auch im darüber angesiedelten Fachbereichsrat schlossen sich Mittelbau und Studierende häufig zusammen, sodass sich professorale Positionen bei Konflikten kaum durchsetzen ließen.
Unter diesen Umständen verlor Katō Shūichi vermutlich die Motivation für eine weitere Tätigkeit an der Freien Universität Berlin und kehrte nach einem Urlaubsaufenthalt in Japan im Jahr 1973 nicht mehr zurück. Zudem war er im damaligen japanischen Kulturbetrieb ein äußerst gefragter Intellektueller. Auch Roland Schneider verließ vermutlich aus ähnlichen Gründen die Universität und wechselte 1975 an die Universität Tübingen.
Daneben gab es noch Professorin Dr. Johanna Fischer, eine enge Mitarbeiterin Eckardts. Sie erhielt aufgrund einer damaligen gesetzlichen Regelung eine C2-Professur, die den Karrierestau junger Akademiker abbauen sollte. Frau Fischer führte jedoch ein eher zurückgezogenes Dasein am OAS und arbeitete kaum offiziell mit Studierenden oder Lehrkräften der Japanologie zusammen.
Nach dem Weggang der beiden Professoren trieb die Japanologie wie ein Schiff ohne Kapitän dahin. Dass sie dennoch nicht unterging, war maßgeblich Detlef Foljanty zu verdanken. Er hielt den Lehrbetrieb aufrecht, sorgte für Kontinuität im Sprachunterricht und bewahrte das Fach vor dem völligen Auseinanderfallen.
Mit der Berufung von Prof. Dr. Sung-jo Park begann 1978 der langsame Aufbau der Japanologie der Freien Universität Berlin als Institut für Lehre und Forschung zum modernen Japan.6 Der wirtschaftliche Aufschwung Japans in jener Zeit wirkte dabei wie ein kräftiger Rückenwind: Immer mehr hochmotivierte Studierende mit Interesse am modernen Japan fanden ihren Weg an die FU Berlin.
Und meine Wenigkeit7 durfte in der langen Zeit bei Detlef Foljanty an der Erstellung der Lehrbücher Japanisch intensiv, Band I–III (Buske Verlag), mitwirken. Die Lehrbücher sind geprägt von einer sehr detaillierten Darstellung der japanischen Grammatik sowie von einer kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen Japans.
Beim Korrekturlesen der Lehrbücher entdeckte Detlef im Japanischen mehr Fehler als ich selbst. Seine sprachliche Präzision und sein ausgeprägtes Differenzierungsvermögen zeichneten ihn besonders aus. Nicht selten wurde in Institutssitzungen über seine Wortmeldungen gesagt, sie seien „wie gedruckt“. Zudem war deutlich, dass Detlef einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besaß und sich häufig für die Anliegen der Studierenden – also der Schwächeren – einsetzte.
Detlef Foljanty ging 2003 in den Ruhestand und verstarb am 14. Oktober 2025 nach langer, mit großer Geduld ertragener Krankheit.
Ich danke dir, Detlef!
Dr. Hiroomi Fukuzawa
福澤啓臣
14. Dezember 2025
Anmerkungen
1 Die Darstellung von Eckardts akademischer Laufbahn folgt dem Wikipedia-Eintrag.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Eckardt_(Japanologe)
2 Universitäre Dokumente und Protokolle der Freien Universität Berlin, 1966–1967.
3 Ebenda.
4 Bericht über die Vollversammlung im Auditorium maximum, 1968.
5 „Die 68er-Bewegung International“, Wolfgang Kraushaar, Band 3., S.288 und 289. Klett-Cotta, 2018.
6 https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/oas/japanologie/institut/historie/index.html
7 https://www.fu-berlin.de/campusleben/vorgestellt/2008/080910_fukuzawa/index.html
Gedenken an Detlef Foljanty (1940-2025)
Es war einmal eine Gründerzeitvilla in Dahlem – man sagt, die Villa habe zuvor Max Schmeling gehört – , in der Generationen von Japanologie-Studierenden der Freien Universität Berlin geprägt wurden. Vielleicht sind mittlerweile das “Café unter den zugemauerten Treppen”, der Geruch des gebohnerten Parketts oder die Bibliothek mit ihren meterhohen Regalen bis zur Decke im ehemaligen Institutsstandort der Podbielskiallee 42 in Vergessenheit geraten. Eines aber bleibt gewiss: Die Erinnerung an Detlef Foljanty, der uns die Türen zu einem wissenschaftlichen Studium öffnete und Einblick in eine neue Welt gewährte.
Zunächst nahm er uns auf eine rasante Fahrt durch das Japanisch-Sprachpropädeutikum mit – 94 Hiragana und Katakana Silbenschriften in 14 Tagen zu erlernen war die Eintrittskarte. Er trieb uns immer wieder an, uns nicht auf dem auszuruhen, was wir schon können, sondern den Blick zu öffnen für die vielen weiteren Türen, durch die wir mit wachsenden Sprach- und Landeskenntnissen hindurchtreten und unseren Studienhorizont erweitern konnten.
Als Fachschaft ermutigte er uns, für uns einzustehen und mit Gestaltungswillen Dinge in die Hand zu nehmen. Als Übersetzer*innen japanischer Artikel aus der Tageszeitung Asahi Shimbun motivierte er uns, der Öffentlichkeit zu zeigen, was wir können: gemeinsam mit ihm eine Asahi Shimbun Dahlemer Ausgabe mit einer Auswahl an ins Deutsche übersetzten Artikeln zu einem breiten Themenspektrum über Jahre hinweg herauszugeben.
Für uns war Detlef eine Naturgewalt, ein Meister des sprachlichen Ausdrucks, der uns als Akademischer Rat und Sprachlektor nicht nur die Kenntnis des Japanischen, sondern auch seine Liebe aber auch kritische Sicht auf Japan näherbrachte.
In der Zeit seiner Beschäftigung an der Freien Universität Berlin von 1971 bis 2003 brachte er zusammen mit dem Akademischen Rat und Sprachlektor Hiroomi Fukuzawa ein Lehrbuch in drei Bänden heraus (Japanisch Intensiv I, II, III), 1.500 Seiten Einführung in die japanische Sprache verknüpft mit gesellschaftlichen Themen jenseits von Kirschblüten-Romantik und „Tradition-und-Moderne“-Klischees! Kein anderes uns bekanntes Lehrbuch bietet bis heute diese sowohl didaktisch als auch inhaltlich tiefgehende Methode zum Japanisch-Spracherwerb. So verwundert es nicht, dass das Lehrbuch zuletzt im Jahr 2021 auf YouTube rezensiert und vom Buske Verlag als Print-on-demand im selben Jahr wieder aufgelegt wurde.
Wie alle, die ihn kannten, wissen, war Detlefs Welt jedoch nicht nur japanisch, sie war auch höchst musikalisch. Wir erinnern uns an die wundervollen Konzerte mit anschließendem Buffet und gemütlichem Beisammensein in der Elisenstraße. Er öffnete uns nicht nur Türen, er öffnete sein Herz.
Als er sich nach seiner Pensionierung aufmachte, Polnisch zu lernen sagte er einmal selbst verwundert zu uns: Um etwas Faszinierendes und Fremdes zu entdecken, muss man gar nicht so weit wie bis Japan reisen.
Nun hat Detlef am 14. Oktober 2025 seine letzte Reise angetreten.
Wir erinnern uns an einen engagierten, würdevollen und mitreißenden Menschen, vor dem wir uns zum Abschied tief verbeugen.
Suzana Kurtek und Dr. Cosima Wagner im Namen seiner Studierenden
