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„Wir sind FU!“

Psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung, Forschung und Lehre unter einem Dach

23.07.2026

Die Leiterin der Hochschulambulanz Babette Renneberg im Gespräch über therapeutische Schwerpunkte, die Verzahnung von Therapie, Forschung und Lehre und neue Möglichkeiten durch digitale Angebote.

Prof. Dr. Babette Renneberg

Prof. Dr. Babette Renneberg
Bildquelle: Gezett

Frau Renneberg, was hat Sie 2009 zur Gründung der Hochschulambulanz bewogen?

Das Psychotherapeutengesetz forderte schon seit 1999 eine Hochschulambulanz für Universitäten, um nichtärztliche Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen auszubilden. Auch die damalige Leitung der Freien Universität sah diese Notwendigkeit. Die Konzeption und Entwicklung einer Hochschulambulanz war daher Teil meiner Zielvereinbarung im Rahmen meiner Berufungsverhandlungen im Jahr 2008.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Angebote der Hochschulambulanz?

Unsere Angebote konzentrieren sich vor allem auf drei Bereiche.

Wir bieten psychotherapeutische Behandlungen für Menschen an, die psychisch erkrankt sind. Aufgrund meiner Forschungsschwerpunkte waren das zunächst vor allem Therapien für Patient*innen mit sozialen Angststörungen und Depressionen. Bei einer sozialen Angststörung fürchten sich die Betroffenen so sehr davor, von anderen bewertet zu werden oder sich vor anderen zu blamieren, dass die Angst sie in ihrem Alltag stark einschränkt. Natürlich ist jeder einmal aufgeregt, zum Beispiel vor Prüfungen oder wenn er oder sie vor anderen einen Vortrag oder eine Rede halten muss. Problematisch wird es, wenn diese Aufregung oder die Angst davor jemanden daran hindert, ein erfülltes Leben zu leben, sich beruflich oder auch in seinen privaten Beziehungen nicht weiter zu entwickeln. Auch Therapien für depressive Patienten gehören von Anfang an zu unserem Angebot, diese haben wir mit einem Schwerpunkt auf chronischen Verläufen von Depression weiterentwickelt.

Im Laufe der Jahre kam dann ein durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt dazu, das sich mit der Wirksamkeit von Therapien auf Jugendliche und junge Patient*innen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung nach interpersonellem Trauma beschäftigte. Das bedeutet, dass diese Patienten und Patientinnen physische oder psychische Gewalt durch andere Menschen erfahren hatten. Wir konnten zeigen, dass eine therapeutische Behandlung, die auf das Trauma fokussiert, für diese Patient*innen hilfreich ist. Seitdem ist die Therapie von Trauma und Traumafolgestörungen ein weiterer Schwerpunkt unserer Ambulanz.

Ist Forschung neben dem therapeutischen Angebot auch eine Aufgabe der Ambulanz?

Ja, die Forschung ist ein sehr wichtiger Bereich der Hochschulambulanz und hat letztendlich zum Ziel, die psychotherapeutischen Behandlungsansätze zu verbessern. Aktuell führen wir zum Beispiel eine Studie durch, die untersucht, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Erfolg oder Misserfolg einer Therapie vorherzusagen ist. Diese Studie ist Teil einer großen DFG-Forschungsgruppe zur Verbesserung der Passung von Patienten und Therapien. An dieser Studie nehmen Patienten und Patientinnen mit ganz unterschiedlichen Störungsbildern teil. Die Hochschulambulanz der FU ist einer der Standorte in Berlin, an dem die Studie durchgeführt wird, geleitet wird sie von meiner Kollegin Professorin Ulrike Lüken von der Humboldt-Universität geleitet.

Die Ambulanz ist zudem Teil eines bundesweiten Netzwerkes von Hochschulambulanzen. Das heißt, wir verfügen über Stichproben mit Tausenden Patient*innen. Das erlaubt uns auch, in der Forschung eher vernachlässigte Bereiche zu untersuchen, zum Beispiel die Auswirkungen von Therapien im höheren Lebensalter. Das ist ein Thema, das zukünftig sicherlich noch wichtiger werden wird.

Therapie und Forschung sind zwei wichtige Aufgabenbereiche der Ambulanz, und wie Sie sehen, sind sie eng miteinander verzahnt.

Worin besteht die dritte Aufgabe?

Die dritte Aufgabe besteht in der Lehre im Fach Klinische Psychologie und Psychotherapie, beziehungsweise der Ausbildung von angehenden Psychotherapeut*innen. Unsere Studierenden lernen in der Ambulanz von den Lehrenden angeleitet die verschiedenen Störungsbilder und Therapieformen kennen. Sie machen auch selbst erste Erfahrungen in der Behandlung und sind dabei in engem Austausch mit den Dozent*innen.

Seit 2021 bieten wir an der Freien Universität den Masterstudiengang Klinische Psychologie und Psychotherapie an. Nach dem Abschluss des Masterstudiums können die Absolvent*innen, ähnlich wie in der Medizin, die staatliche Approbationsprüfung für Psychotherapie ablegen. Die Möglichkeit für Studierende, auch digitale Interventionen kennenzulernen, ist ein Alleinstellungsmerkmal unserer Ambulanz.

Die Lehre im Masterstudiengang Klinische Psychologie und Psychotherapie ist daher eng mit den beiden anderen Bereichen, Therapie und Forschung, verschränkt.

Welche Hürden gibt es Ihrer Meinung für Interessierte auf dem Weg in die Ambulanz?

Abgesehen von der Voraussetzung der grundsätzlichen Bereitschaft, an Studien teilzunehmen, gibt es bei uns keine besonderen Hürden.

In der digitalen Ambulanz ist der Weg zur Therapie sicher noch einmal erheblich leichter. Sie wird von meiner Kollegin Professorin Christine Knaevelsrud geleitet. Auch da sind wir mit spannenden Projekten unterwegs. Ein Angebot begleitet zum Beispiel Mütter auf ihrem Weg heraus aus der postpartalen Depression, also der depressiven Verstimmung oder Erkrankung nach der Geburt. Wir haben eine App entwickelt, „Smart-e-Moms“, mit dem Mütter Zugriff auf ein therapeutisches Programm in zehn Einheiten haben, das sie nach ihren eigenen Bedürfnissen und zeitlichen Möglichkeiten wahrnehmen können. Eine begleitende Studie untersucht den Effekt dieser Intervention, im Vergleich mit einer Gruppe von Frauen, die Unterstützungs- und Behandlungsangebote nutzt, die für alle Frauen zur Verfügung stehen, aber zunächst keinen Zugang zu der App hat.

Dass es eine Nachfrage für digitale Therapie gibt, zeigen auch Erfahrungen mit dem digitalen Depressionscoach der Techniker Krankenkasse, der gemeinsam mit uns entwickelt wurde. Von 2014 bis 2023 haben mehr als 5500 Versicherte das Angebot genutzt. Die Schwelle ist hier niedriger als beim Gang in die Praxis, weil das Angebot schriftlich oder telefonisch wahrgenommen werden kann und örtlich und zeitlich flexibel ist.

Die Zunahme von webbasierten und zertifizierten Therapieangeboten wird zukünftig den Zugang zu therapeutischer Unterstützung auch für Gruppen erleichtern, die sich ansonsten Hemmung haben, sich an die Ambulanz oder andere niedergelassene Therapeut*innen zu wenden.

Frau Renneberg, wir bedanken uns für die Vorstellung dieses hilfreichen Angebots der FU!

Hochschulambulanz der Freien Universität

Die Hochschulambulanz der Freien Universität ist Teil des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie und Psychotherapie und des „Center for Mental Health & Digital Science“ am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie. Sie wurde 2009 durch Prof. Dr. Babette Renneberg gegründet und bietet Studierenden des Masterstudiengangs Klinische Psychologie und Psychotherapie die Möglichkeit, unter Anleitung und Supervision erste praktische Erfahrungen in der Behandlung von Erwachsenen sowie Kindern und Jugendlichen zu sammeln. Die Hochschulambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wird geleitet von Professorin Claudia Calvano.
Die Behandlungen finden in der Regel im Rahmen von wissenschaftlichen Studien statt. Neben Forschung und Lehre leistet die Ambulanz einen großen Beitrag für die psychotherapeutische Versorgung, klinisch-psychologische Diagnostik und Gesundheitsförderung für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Patient*innen müssen nicht Mitglied der FU sein.
Der Schwerpunkt der Ambulanz liegt auf der Behandlung von Angststörungen, Depressionen und Traumafolgestörungen durch Verhaltenstherapie. Die angebotenen Leistungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Zur Person

Babette Renneberg ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie. Nach Stationen in Philadelphia, USA, Heidelberg und Frankfurt am Main erhielt sie 2008 den Ruf an die FU. 2009 gründete sie die Hochschulambulanz. Sie ist Past President der „European Society for the Study of Personality Disorders“ (Präsidentschaft 2020–2022).
Ihre Forschungsschwerpunkte sind Grundlagen- und Therapieforschung zu Angst- und Persönlichkeitsstörungen, die Rolle von psychosozialen Faktoren bei körperlichen Krankheiten und klinisch-psychologische Interventionsforschung.
Aktuell organisiert sie eine Vortragsreihe im Rahmen des Formats „offener Hörsaal“ mit dem Titel „Psychische Gesundheit im Fokus. Zwischen Forschung, Praxis und gesellschaftlichen Herausforderungen“.

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