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„Wir sind FU!“

Gläserne Rechen und Glockenbodenkolonnen – ein Besuch in der Glasbläserei an der Freien Universität Berlin

15.07.2026

In ihrer Werkstatt am Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie in der Fabeckstraße 34/36 stellen Jesse Holloway und Dirk Busold in Handarbeit hochwertigen Laborbedarf her.

Glasbläser*innen arbeiten an der offenen Flamme des Gasbrenners

Glasbläser*innen arbeiten an der offenen Flamme des Gasbrenners
Bildquelle: Michael Fahrig

Bereits vom Parkplatz aus kann ich verschiedene Einzelstücke in den Fenstern der drei Räume der Glasbläserei erkennen. Mir gefällt die scheinbar zufällige Anordnung der Apparate. Von kaum einem kann ich den Zweck erahnen. Eins sieht aus wie eine Wahrsagekugel. Interessant!

Noch bevor ich an die Tür der Werkstatt klopfe, nehme ich mir vor, bei meinem Besuch unauffällig nach Cinderellas Glaspantöffelchen Ausschau zu halten.

Jesse Holloway und Dirk Busold begrüßen mich. Sofort fällt mir eine hübsche violette Scheibe auf, die auf eine Art Ständer montiert ist. Dirk Busold erklärt mir, dass es sich hier nicht um Glas, sondern um einen speziellen Kunststoff handelt, der auch in den Sicherheitsbrillen verwendet wird. Er schützt die Augen der Glasbläser*innen beim Bearbeiten des Glases in der offenen Flamme des Brenners. – Später werde ich selbst eine weitere Funktion dieses Filters ausprobieren können.

Glasrohre werden in verschiedenen Durchmessern eingekauft, ebenso viele Kleinteile, zum Beispiel Glashähne, Flansche oder Ventile. Die Geräte, die daraus hergestellt werden, bauen Jesse Holloway und Dirk Busold selbst.

Alle Werkstücke sind sehr exakt gearbeitet und ausgerichtet, und die Übergänge zwischen einzelnen Elementen eines Geräts sind völlig geglättet. Sie sehen aus, als wären sie von perfekten Maschinen produziert worden. Und doch ist es Handarbeit.

Jesse Holloway und Dirk Busold fertigen viele Glasgeräte für die Labore des Fachbereichs Biologie, Chemie, Pharmazie von Hand.

Jesse Holloway und Dirk Busold fertigen viele Glasgeräte für die Labore des Fachbereichs Biologie, Chemie, Pharmazie von Hand.
Bildquelle: Sören Maahs

Große Kugeln, Rohrvorrichtungen mit unendlich vielen Verzweigungen, komplizierten Spiralstrukturen, Miniaturröhrchen mit feinen Ausgängen, die absolut präzise und makellos gearbeitet sind, teils silbern beschichtete Rohre mit komplexem Innenleben, alles komplett aus Glas: Wie lange muss man für diese Kunstfertigkeit eigentlich lernen?

Dirk Busold gibt mir einen kleinen Überblick: „Es gibt die Quarzglasbläser*innen, die Neonglasbläser*innen, Thermometerbauer*innen, Glasmacher*innen und Glasapparatebauer*innen. Das sind wir. Diese Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre. Die Glasaugenmacher*innen müssen sogar sieben Jahre lernen.“ Eine gemeinsame Grundausbildung gibt es für die einzelnen Glasbläser-Berufssparten nicht. Zu spezifisch sind die jeweiligen Anforderungen.

Die Glasaugen, die er mir zeigt, schauen mich nachdenklich und beunruhigend lebensecht an. Dirk Busold hat sie nach einem Seminar als Demonstrationsobjekt mit an die FU gebracht.

Ich frage nach den Gegenständen, die hier gefertigt werden. Jesse Holloway sagt: „Also, Reagenzgläser machen wir hier nicht.“ Sie zeigt mir zwei große Drehbänke, die quer im ersten Raum der Werkstatt stehen. Hier können Rohre mit einem Durchmesser von bis 16 Zentimeter gespannt und auf noch größere Durchmesser aufgeblasen werden.

In einem weiteren Raum stehen verschiedene Arten von Schleifgeräten, teilweise mit Diamantwerkzeug bestückt. Zu meinem Bedauern ist der Diamantstaub zu klein und fein für Colliers oder Ringe. Aber andächtig darüberstreichen, das darf ich. Schneiden kann ich mich nicht an den Maschinen. Auch die Sägen sind nicht schärfer als eine handelsübliche Nagelfeile.

Wieder zurück im ersten Raum frage ich die beiden, ob sie Lieblingsapparaturen haben oder ob es Aufgaben gibt, die ihnen besonders viel Spaß machen. Dirk Busold erklärt mir, dass er sich da nur schwer entscheiden kann: „Spannend ist es, wenn man an einem Auftrag herumtüfteln kann, wenn man etwas lernt. Das schönste Stück liegt immer in der Zukunft“.

Jesse Holloway ergänzt: „Reine Routinearbeiten können schnell langweilig werden. Aber glücklicherweise haben wir hier immer wieder Aufträge für komplexe Einzelstücke.“

Sie zeigt mir ein Beispiel, das zwar nicht hier gebaut wurde, aber sofort mein Herz erobert. In einem Glasrohr von etwa 8 Zentimeter Durchmesser und circa 70 Zentimeter Länge befinden sich auf der ganzen Länge viele kleine glockenartige Strukturen mit seitlichen Schlitzen. Sie sind in alle Richtungen beweglich und auch komplett aus Glas!

Die Glockenbodenkolonne ermöglicht durch ihre spezielle Bauweise eine effiziente Trennung von Substanzen mit unterschiedlichen Siedepunkten. Ich bin nicht hundertprozentig sicher, ob ich die Erklärungen bis ins Detail verstehe, aber das Gerät würde ich mir auch ins Wohnzimmer stellen. Sein filigranes Innenleben und das leise, fast melodische Klirren der kleinen Glocken sind einfach wunderschön. Um sie unauffällig mitgehen zu lassen, ist es allerdings zu groß.

Gläserne Siebbodenkolonnen für fraktionierte Destillation. Dabei werden Stoffgemische anhand ihrer unterschiedlichen Siedepunkte getrennt.

Gläserne Siebbodenkolonnen für fraktionierte Destillation. Dabei werden Stoffgemische anhand ihrer unterschiedlichen Siedepunkte getrennt.
Bildquelle: Michael Fahrig

Auch das nächste Objekt, das mir die beiden zeigen, ist nichts für die Handtasche: ein riesiges verzweigtes Rohrsystem, ein sogenannter Rechen. Die einzelnen Anschlüsse sind seitlich an langen Rohren angebracht, die auch einen Zuleitungshahn haben. Damit kann man Gase parallel auf verschiedene Gefäße verteilen.

Ich frage, wie lange man für die Herstellung eines Rechens braucht. „In dieser Größe?“ Jesse Holloway überlegt kurz: „Das kann durchaus länger dauern, je nachdem, wie viele Anschlüsse der Rechen haben soll.“

Jesse Holloway und Dirk Busold lieben ihren anspruchsvollen Beruf. „Es wird nie langweilig, und auch der Kontakt mit den Kolleg*innen macht Freude. Letztens habe ich ein paar Leuten erklärt, wie man Glas kontrolliert und an einer Soll-Bruch-Stelle bricht. Die haben sich so gefreut, als sie es selbst geschafft haben. Genauso schön ist es, wenn wir positive Rückmeldungen zu unseren Geräten bekommen.“ Jesse Holloway lächelt, als sie das sagt.

Ich will schon aufbrechen, als Dirk Busold den Brenner auf seinem Werktisch anwirft. „Jetzt dürfen Sie selbst ausprobieren, wie eine solche Kugel geblasen wird!“

Ich bin begeistert. Vielleicht steht mir noch eine glänzende Laufbahn als Glasbläserin offen? Vor meinem inneren Auge sehe ich bereits applaudierende Kolleg*innen.

Graphitwerkzeug für Glasarbeiten: Die spitzen heißen Auftreiber, die flachen Kohleplatten.

Graphitwerkzeug für Glasarbeiten: Die spitzen heißen Auftreiber, die flachen Kohleplatten.
Bildquelle: Michael Fahrig

Unterdessen dreht Dirk Busold eine rundliche Masse auch Glas in einer sehr heißen Flamme. Mir wird langsam klar, wozu die riesigen Abluftschläuche über den Werktischen hängen. Aber wie kann er eigentlich erkennen, was er da tut? Ich sehe nur die orangefarbene Flamme, die das Glasstück komplett verhüllt. 

Jesse Holloway holt die violette Scheibe, die mir gleich zu Beginn meines Besuchs aufgefallen war. Sie lässt mich dadurch auf die Flamme schauen – und voilà: Da ist die Glasmasse, die von Dirk Busold zu einer Kugel gedreht wird. Das gelb-orange Licht wird durch die Scheibe absorbiert und erlaubt ein präzises Arbeiten am Glas in der Flamme.

Schließlich ist es soweit und ich puste nach Anweisung mal mehr und mal weniger durch ein dünnes Glasrohr in die heiße Kugel. Das Rohr ist glücklicherweise kühl, da Glas Wärme nicht gut leitet.

Es wird eine Kugel – und sie ist auch noch rund. Der Applaus fällt leiser aus, als in meinem kurzen Tagtraum, aber ich bin sehr stolz. Dirk Busold dreht mir in der Flamme noch einen kleinen Haken, sodass ich mein Werk auch aufhängen kann.

Zurück im Homeoffice findet sie ihren Platz neben anderen saisonal unzuverlässigen Dekorationsstücken im Ficus.

Cinderellas Schuhwerk habe ich zwar nicht entdeckt, allerdings konnte ich auch nicht in alle Schränke schauen. So bleibt in mir der leise Verdacht, dass sie sich vielleicht doch irgendwo in dem kleinen Reich der großen Kunstfertigkeit verbergen.

„Wir sind FU!“ bedankt sich für spannende Einblicke in eine gläserne Welt!

Glasbläserei an der Freien Universität Berlin

Seit 1948 gibt es die Glasbläserei an der Freien Universität Berlin. Sie ermöglicht flexible Fertigung von teils hochkomplexen Einzelstücken, die entweder gar nicht oder nur zu sehr hohen Preisen eingekauft werden könnten. Aufträge kommen vor allem aus der Chemie, aber auch aus anderen Fächern, zum Beispiel der Biologie, Physik, Geologie, und sogar aus der Informatik gab es schon Anfragen.

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