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„Wir sind FU!“

„Auch ein Hund ist nur ein Mensch“

02.07.2026

Mit dem Blutspendedienst für Hunde und Katzen an der Freien Universität wird seit 30 Jahren tierischen Patienten geholfen – ein Gespräch mit der Direktorin der Klein- und Heimtierklinik, Prof. Barbara Kohn.

Prof. Barbara Kohn

Prof. Barbara Kohn
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Frau Kohn, als Sie 1996 an die Freie Universität gewechselt sind, haben Sie einen Blutspendedienst und eine Blutbank für Hunde und Katzen in der Kleintierklinik eingerichtet. Welche Expertise haben Sie dafür mitgebracht?

Ich war zuvor an der University of Pennsylvania in Philadelphia „Transfusion Fellow“. In meiner Forschung ging es um Blut, Genetik und Transfusionsmedizin. Dieser Zweig der veterinärmedizinischen Forschung war damals in den USA schon deutlich weiter als hier und wurde auch großzügig finanziell gefördert. Es gab zum Beispiel angelehnt an die Humanmedizin eine Blutbank für Hunde mit vielen Spenden. Diese Erfahrung in der Transfusionsmedizin habe ich an der Freien Universität eingebracht.

Unsere Tierklinik an der FU war damals die erste in Deutschland, die eine Blutbank für Hunde und Katzen eingerichtet hat. Ein wichtiger Grund ist der Tierschutz. Wir machen das hier ausschließlich mit freiwilligen Blutspendern. Das heißt, es handelt sich durchweg um Besitzer-Tiere, es werden also keine Tiere nur zum Zweck der Blutspende gehalten.

Welche veterinärmedizinischen Fortschritte gab es damals in den USA hinsichtlich Blutspenden und Transfusionen?

Das gespendete Blut wurde in seine Komponenten, also insbesondere in Plasma und rote Blutkörperchen, aufgetrennt. Neben Vorteilen hinsichtlich der Dauer der Lagerung der verschiedenen Blutkomponenten erlaubt die Komponententherapie auch eine angepasste und effektivere Behandlung. Zudem ermöglicht es eine rasche Bluttransfusion in Notfallsituationen und damit eine Verbesserung der intensivmedizinischen Versorgung unserer Kleintiere. Aber dafür braucht man nicht nur das Know-how, sondern auch eine Blutbank ausgestattet mit Zentrifuge, Plasmaextraktor und Lagermöglichkeiten.

Bei Katzen ist die Komponententherapie schwieriger als beim Hund, weil man ihnen nur wenig Blut abnehmen kann. Daher wird meist Vollblut verabreicht und in kleinen Mengen auch gelagert. Bei Katzen ist fast immer eine Kurznarkose für die Blutspende nötig. Bei den Hunden nehmen wir nur Spendertiere, die keine Beruhigungsspritze benötigen.

Das Blutbankwesen war in deutschen Tierkliniken damals noch unüblich. Einem Spender wurde Vollblut abgenommen und sofort dem Empfänger verabreicht.

Noch in der Entwicklung war damals auch die Blutgruppenbestimmung bei den Spender- und Empfängertieren und die regelmäßigen Kompatibilitätsprüfungen, sogenannte Kreuzproben, zwischen Spender- und Empfängertier.

Angesichts all dieser Vorteile stellt sich die Frage: Warum wurden Blutbanken nicht früher eingeführt?

Nun, einerseits hat der Zeitpunkt sicher mit Fortschritten in der Intensivbehandlung in der Kleintiermedizin zu tun und einer zunehmenden Orientierung der Veterinärmedizin an der Humanmedizin. Gleichzeitig hat sich auch der Anspruch und die Zahlungswilligkeit der Halter verändert. Denn natürlich steigen bei einer höherwertigen Versorgung auch die Kosten.

Diese Entwicklung hat auch zur Folge, dass die Nachfrage nach Krankenversicherungen für Haustiere steigt. Das ist ein Markt, der sich nun auch in Deutschland entwickelt. Das ist angesichts der möglichen Kosten einer Behandlung auch sinnvoll.

Wann und warum brauchen Hunde und Katzen eine Blutspende?

Eigentlich aus denselben Gründen wie der Mensch: Nach Unfällen oder schweren Blutungen im Operationssaal werden Transfusionen benötigt. Weitere Gründe sind Gerinnungsstörungen, Vergiftungen, Immunerkrankungen des Blutes, Infektionskrankheiten, blutende Tumore oder verschiedene Erkrankungen des Knochenmarks.

Muss man bei Blutspenden in der Veterinärmedizin unbedingt Blutgruppen bestimmen?

Hunde und Katzen haben Blutgruppen wie der Mensch. Bei der Katze muss eine Blutgruppenbestimmung von Spender und Empfänger oder in Notfallsituationen mindestens eine Kreuzprobe, also eine Verträglichkeitsprüfung, durchgeführt werden. Beim Hund kann die erste Transfusion auch ohne Verträglichkeitsprobe durchgeführt werden, da ihnen klinisch bedeutsame Antikörper gegen andere Blutgruppen fehlen. Idealerweise sollte aber die wichtigste Blutgruppe – DEA 1 – bei Spender und Empfänger bestimmt werden. Vor jeder Zweittransfusion sollten beim Hund und bei der Katze Kreuzproben durchgeführt werden.

Man macht sich häufig nicht klar, dass eine Transfusion von zellulären Blutpräparaten eine „Transplantation des flüssigen Organs Blut“ bedeutet. Ein solcher Eingriff ist eine Herausforderung für das Immunsystem des Empfängers. Man muss immer abwägen, ob der Patient überhaupt eine Bluttransfusion benötigt und welches Blutprodukt am besten geeignet ist. Dennoch können in seltenen Fällen verschiedene Reaktionen auf die Transfusion auftreten. Nicht umsonst gibt es in der Humanmedizin spezialisierte Transfusionsmediziner*innen.

Benötigen andere Tiere keine Blutspenden?

Bei größeren Säugetieren wie Pferden werden regelmäßig Bluttransfusionen gegeben. Eine Indikation ist zum Beispiel Blutarmut. Fohlen, die nach der Geburt nicht genügend Antikörper über die Muttermilch aufgenommen haben, erhalten Blutplasma.

Auch bei anderen größeren Säugetieren können Transfusionen nötig sein. Hier sprechen dann zuweilen ökonomische Gründe dagegen, zum Beispiel bei Kühen. Auch beim Kaninchen sind Transfusionen möglich. Bei Kleinstsäugern wie Hamstern bekommt man einfach nicht genug Blut.

Gibt es genügend Spender?

Bei Katzen ist das ein Problem, da der Aufwand und auch die Zumutung für das Spendertier größer sind als beim Hund. Außerdem nehmen wir auch immer weniger Blut ab, als grundsätzlich möglich wäre, denn die Sicherheit und Gesundheit des Spendertiers steht bei uns an erster Stelle.

Aber auch beim Hund müssen wir manchmal Aufrufe machen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Zahl der importierten Tiere mit unklarer Vorgeschichte steigt. Diese Hunde kommen für uns in der Regel als Spendertiere nicht infrage. Es würde aufwendiger und teurer Tests bedürfen, um das Risiko einer Infektion des Empfängertiers mit einem „importierten“ Erreger – zum Beispiel Leishmanien – auszuschließen. Das treibt den Preis für das zu entnehmende Blut in die Höhe.

Wer kann spenden?

Grundsätzlich müssen Spendertiere gesund sein. Hunde sollten mindestens 20 und Katzen etwa 4 Kilogramm wiegen. Hunde sollten je nach Rasse mindestens ein Jahr und höchstens neun Jahre sein, Katzen mindestens ein Jahr und höchstens acht Jahre.

Aber natürlich gibt es Ausnahmen von dieser Regel: Benötigt zum Beispiel ein Chihuahua oder ein Yorkshire Terrier Frischblut, dann kann auch ein Hund unter 20 Kilogramm genug Blut spenden. Wir freuen uns über alle Tierhalterinnen und Tierhalter, die ihre Hunde und Katzen in unsere Spender-Datei aufnehmen lassen! Und auch die Spendertiere – und ihre Besitzer – profitieren, da vor jeder Spende ein umfassender Gesundheitscheck durchgeführt wird.

Frau Kohn, „Wir sind FU!“ bedankt sich für Ihre Zeit!

Interesse, mit dem eigenen Tier zu spenden?

Ausführliche Liste mit den Voraussetzungen für Spenderhunde und -katzen 
Bitte kontaktieren Sie die Kleintierklinik bei Interesse: per Telefon: 030/838 62422 oder E-Mail: kleintierklinik@vetmed.fu-berlin.de).

Geschichte der veterinärmedizinischen Ausbildung in Berlin

Die Geschichte der veterinärmedizinischen Ausbildung in Berlin beginnt 1790 mit der Gründung der Königlichen Tierarzneischule, zunächst als eigenständige Ausbildungsstätte. Im Jahr 1934 wurde sie als Fakultät in die Friedrich-Wilhelms-Universität integriert.
An der Freien Universität bauten ab 1952 Professoren und Studierende, die aus Protest gegen den zunehmenden politischen Druck die Humboldt-Universität verlassen hatten, die veterinärmedizinische Fakultät an der Freien Universität Berlin auf. Die Freie Universität ist heute eine von nur fünf Universitäten bundesweit mit einem veterinärmedizinischen Fachbereich.
Die Berliner Veterinärmedizin gewährleistet die exzellente Aus- und Weiterbildung von Tierärzt*innen, die bundesweit gesucht werden. Auch gesellschaftlich hochrelevante Spitzenforschung, beispielsweise zu SARS-CoV-2 und anderen Erregern, die vom Tier auf den Menschen überspringen können, wird an den Instituten des Fachbereichs betrieben. Darüber hinaus unterstützt der Campus in Düppel auch die klinische und notfallmedizinische Versorgung der Berliner Tierwelt – Haus- und Wildtiere – auf höchstem Niveau. So auch in der Klein- und Heimtierklinik, an der mehr als 13.000 Behandlungen pro Jahr bei Katzen, Hunden, Heimtieren, also kleineren Säugetieren wie Hamster oder Meerschweinchen, Exoten und Wildtieren wie Vögeln und Igeln rund um die Uhr behandelt werden.
Seit 1996 organisiert die Klinik einen Blutspendedienst und eine Blutbank für Hunde und Katzen. Neben regelmäßigen Spendern verfügt die Klinik über ein Netzwerk von Spendertieren für einen erhöhten Bedarf in Notfallsituationen. So erhielten in den letzten Jahren durchschnittlich etwa 150 Hunde und 30 Katzen pro Jahr eine Blut- oder Plasmatransfusion in der Kleintierklinik der Freien Universität Berlin.

Zur Person

Barbara Kohn, Professorin für Kleintierkrankheiten und Innere Erkrankungen der kleinen Haustiere am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin, ist Direktorin der Klein- und Heimtierklinik. Seit 1996 arbeitet sie am Fachbereich Veterinärmedizin an der FU. Sie hat Veterinärmedizin in München studiert, war Assistentin am Tierspital der Universität Zürich, Schweiz, und absolvierte ein Postdoctoral Research Fellowship an der School of Veterinary Medicine, University of Pennsylvania, Philadelphia, USA. Ihre fachlichen und wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Infektionskrankheiten, Hämatologie und Transfusionsmedizin, klinische Immunologie, Gastroenterologie, Labordiagnostik und Präventivmedizin.

Schlagwörter

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