„Wir sind FU!“
„Das Schönste am Beruf: Am Morgen im Stall brummelt dich einer an“
18.06.2026
Carolin Ayyad und Amelie Meier absolvieren in der Klinik für Pferde am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität ihre Ausbildung zur Pferdewirtin.
Bevor wir uns zu unserem Gespräch in die Lehrschmiede setzen, zeigen mir die Auszubildenden Carolin Ayyad und Amelie Meier die Klinik. Ich bin sofort und unsterblich in jedes Pferd verliebt! Besonders angetan hat es mir Muffin, ein vergleichsweise winziges Pony. Im Gespräch mit den beiden lerne ich allerdings, dass die naive Begeisterung fürs Pferd keine gute Basis für den sehr anspruchsvollen und in jeder Hinsicht fordernden Beruf der Pferdewirtin ist.
Frau Ayyad, Frau Meiser, wie kamen Sie zum Pferd?
Carolin Ayyad: Ich bin mit Pferden umgegangen, seit ich fünf oder sechs Jahre alt war. Damals fing ich auch mit regelmäßigem Reitunterricht an und habe das seitdem beibehalten. Mit zwölf Jahren hatte ich ein Pflegebeteiligung, also eine Betreuung eines Pferdes mit dem Schwerpunkt auf Füttern, Ausmisten, Putzen und Longieren. Bald danach kam eine Reitbeteiligung, also eine Möglichkeit, ein Pferd regelmäßig zu reiten und zu pflegen im Gegenzug für eine monatliche Kostenbeteiligung. Für mich war damals schon klar, dass ich beruflich etwas mit Pferden machen will.
Amelie Meier: Bei mir war das ähnlich. Meine Mutter hat in ihrer Jugend voltigiert. Das ist eine Mischung aus Turnen und Akrobatik auf dem Pferderücken. Außerdem hatte die beste Freundin meiner Oma eine Reitschule, und ich war schon mit drei oder vier Jahren regelmäßig auf dem Hof. Dort habe ich Reiten gelernt. Dazu kamen jährliche Sommerkurse. Irgendwann habe ich dann auch selbst unterrichtet. Das habe ich bis kurz vor Beginn der Ausbildung gemacht. In der Kindheit war der Reitplatz sozusagen mein Sandkasten.
Sie haben beide sehr früh angefangen zu reiten. Fürchtet man sich da nicht vor großen Pferden?
Ayyad: Wir haben uns ja sozusagen von den kleinen Ponys aus hochgearbeitet.
Meier: Auf den kleinen Pferden lernt man richtig reiten, die sind oft schwieriger als die großen. Je kleiner, desto garstiger. Aber ich mochte die bockigen Pferde, weil der Umgang mit ihnen eine Herausforderung ist. Meine Eltern haben das auch gefördert, für die Entwicklung meines Selbstbewusstseins.
Ayyad: Ich war lange sehr schüchtern und zurückhaltend. Im Umgang mit dem Pferd muss man das ablegen, sonst hat man keine Chance. Man lernt, sich selbst zu kontrollieren und reflektiert auch ganz anders sein eigenes Auftreten. Deswegen gibt es ja auch Reittherapien.
Meier: Pferde achten sehr auf Körpersprache. Man kann viel mit Worten sagen, aber wenn die Haltung nicht stimmt … Viele Redner, die als sehr präsent wahrgenommen werden, haben aus meiner Sicht eine sehr fordernde, dominante Köpersprache. Ich mag das nicht, und genau so darf man beim Pferd nicht sein.
Ayyad: Beim Pferd muss es eher ein Miteinander sein.
Meier: In vielen Reitschulen wird leider heute noch gelehrt, dass man das Pferd beherrschen muss. Aber das halte ich für falsch. Es geht um Kooperation. Natürlich hat ein Pferd genau wie ein Mensch mal einen schlechten Tag. Das ist auch in Ordnung, und das kann man dann auch mal so lassen.
Und wie kamen Sie zur FU?
Ayyad: Ich wusste nicht, dass hier Pferdewirte ausgebildet werden. Eigentlich wollte ich meine Ausbildung auf einem Reiterhof machen wie die meisten Azubis. Über eine Anzeige vom Arbeitsamt bin ich auf die FU aufmerksam geworden und habe mich hier beworben. Ich bin froh, dass ich hier angenommen wurde und so auch viel medizinisches Fachwissen mitbekomme.
Meier: Bei mir war das ein bisschen anders. Ich hatte bereits in einem Reitstall gearbeitet, in dem unser jetziger Ausbilder früher tätig war. Für mich war auch sehr früh klar, dass ich mit Pferden arbeiten will. Schreibtischarbeit ist nichts für mich. Der Kontakt mit den Pferden macht mich ruhig, und hier kann ich mich auspowern. Meine Oma hat mir die Stellenanzeige geschickt. Nach einem Probepraktikum habe ich mich dafür entschieden, die Ausbildung hier zu machen. Entscheidend war auch der medizinische Aspekt.
Was sind die größten Herausforderungen in Ihrer Ausbildung?
Ayyad: Für mich war es schwierig, die ganzen kranken Pferde zu sehen. Ich leide einfach mit. Ungefähr einmal die Woche wird ein Pferd eingeschläfert. Wir müssen die toten Tiere in die Pathologie bringen. Das hat mich am Anfang sehr belastet. Aber ich lerne, damit umzugehen. Die meisten Patienten bleiben zu kurz, als dass man eine echte Beziehung aufbauen könnte. Aber wir haben auch Langzeit-Patienten. Da fiebert man mit und hofft, dass alles gut wird.
Meier: Ich habe früh damit begonnen, eine Distanz zu den Tieren aufzubauen. Man muss akzeptieren, dass nicht jedes Pferd freundlich ist. Man wird getreten und gebissen, das kann auch mal brenzlig werden. Wenn Kamele oder Alpakas kommen, dann wird man auch mal angespuckt. Manchmal ist man auch die ganze Zeit damit beschäftigt, gegen den Willen des Pferdes zu arbeiten, wenn es zum Beispiel eine unangenehme oder schmerzhafte Behandlung erdulden muss. Das strengt an, muss aber sein.
Was mögen Sie am liebsten an Ihrem Beruf?
Ayyad: Die Vielfältigkeit begeistert mich jeden Tag! Die Arbeit mit dem Pferd, alles im und um den Stall! Es sind einfach tolle Tier mit wunderbaren und komplexen Persönlichkeiten.
Meier: Ja, bei manchen denke ich: Ich will gar nicht, dass du nach Hause gehst. Das werden wirklich Freunde. Sie erkennen dich wieder, begrüßen dich, brummen dich an und hören dir zu.
Ayyad: Ja, das mag ich auch am liebsten: morgens in den Stall zu kommen, und es brummelt dich einer an!
Frau Meier, Frau Ayyad, vielen Dank für die wunderbare Führung und das spannendes Gespräch!
Die Ausbildung zur Pferdewirtin oder zum Pferdewirt wird seit 2015 an der Freien Universität angeboten. Ausbildungsort ist die Klinik für Pferde am Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin. Die Klinik befindet sich auf dem Gelände des 1828 gegründeten Ritterguts in Düppel. Ursprünglich war sie im alten Hauptstall des Gutes untergebracht. Die heutige Anlage entstand nach umfangreichen Modernisierungen und Neubauten in den 1970er Jahren.Zu den Personen
Carolin Ayyad arbeitet seit September 2022 an der Pferdeklinik und beendete ihre Ausbildung zur Tierpflegerin 2025.Amelie Meier begann ihre Ausbildung zur Tierpflegerin ein Jahr später im September 2023 und ist im dritten Lehrjahr. Sie wird ihre Ausbildung im August 2026 beenden.
Beide stammen aus Berlin und sind seit Kindertagen mit Pferden vertraut. Ihren Beruf sehen sie auch als eine Möglichkeit, ihren Kindheitsbegleitern etwas zurückzugeben.

