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„Wie wir miteinander an Lösungen arbeiten, hat mir gezeigt, wie besonders die Freie Universität Berlin für mich ist“

Interview mit Andrea Güttner, die am 1. November das Amt der Kanzlerin der Freien Universität antritt

21.10.2026

Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Dr. Henry Marx, überreichte Andrea Güttner am 21. Oktober die Ernennungsurkunde: Am 1. November tritt sie das Amt der Kanzlerin der Freien Universität Berlin an.

Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Dr. Henry Marx, überreichte Andrea Güttner am 21. Oktober die Ernennungsurkunde: Am 1. November tritt sie das Amt der Kanzlerin der Freien Universität Berlin an.
Bildquelle: SenWGP

Seit 2022 war Andrea Güttner mit der Wahrnehmung der Aufgaben der Kanzlerin der Freien Universität beauftragt. Im Februar 2026 wurde sie vom erweiterten Akademischen Senat einstimmig zur Kanzlerin gewählt. Am 13. Oktober hat der Berliner Senat sie zur Kanzlerin bestellt, am 1. November beginnt Ihre Amtszeit. Ein Gespräch mit Andrea Güttner über Erreichtes, Herausforderungen und darüber, was ihr an ihrer Aufgabe Freude macht.

Frau Güttner, Sie sind seit 2022 mit den Aufgaben der Kanzlerin betraut. Was ändert sich für Sie mit der formellen Bestellung – und was bleibt, wie es ist?

Im Grunde bleibt alles, wie es ist. Ich habe das Amt seit 2022 vollumfänglich inne mit allen Verantwortlichkeiten, allen Pflichten und allem gestalterischen Spielraum. So will ich es auch weiterhin gemeinsam mit dem Präsidium ausführen. Meine Position und damit meine Person als Ansprechpartnerin wird vor allem im bundesweiten Kontext nun stärker gesehen.

Sie kennen die Freie Universität aus verschiedenen Perspektiven: Vor Ihrer Aufgabe im Präsidium waren Sie Verwaltungsleiterin des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften. Und Sie haben an der Freien Universität studiert. Was haben Sie von diesen Stationen mitgenommen, was Ihre Arbeit als Kanzlerin prägt?

Was mich maßgeblich geprägt hat, ist genau das: das Verständnis für die verschiedenen Ebenen der Freien Universität. Ich habe mich als Studentin engagiert, ich war studentische Hilfskraft und habe hierüber erste Erfahrung im Verwaltungsbereich sammeln dürfen. Meine hochschulpolitische Tätigkeit, unter anderem auch als studentisches Mitglied des Akademischen Senats, hat mich gelehrt, wie Strukturen der Selbstverwaltung funktionieren. Als Verwaltungsleiterin auf der dezentralen Ebene der Freien Universität konnte ich Erfahrungen in Bezug auf das Wechselspiel zwischen zentraler und dezentraler Verwaltung sammeln. Das Verständnis für die Belange von Wissenschaft und Verwaltung und von Studierenden konnte ich mir in dieser Position besonders aneignen.

Die Kanzlerin steht oftmals nicht im Rampenlicht, verantwortet aber mit den Themen Haushalt, Personal und Infrastruktur wichtige Bereiche der Universität. Wie würden Sie jemandem außerhalb der Hochschule Ihre Rolle erklären? Und welche Ihrer Eigenschaften machen Sie für diesen Job besonders geeignet?

Ich werde häufig gefragt, was ich als Kanzlerin der Freien Universität überhaupt mache, und so einfach ist das gar nicht zu beantworten. Ich sehe meine Aufgabe insbesondere im Hineinwirken in die Universität, im Koordinieren unterschiedlicher Interessen, im Erarbeiten von Lösungen für Herausforderungen und Problemstellungen, die die Universität insbesondere aktuell meistern muss.

Als Verantwortliche für den Haushalt, für den Hochschulbau und für das Funktionieren der Administration und vieler, vieler anderer Dinge bin ich angewiesen auf das kollegiale Miteinander auf zentraler und dezentraler Ebene. Und ich kann Ihnen sagen, wir haben herausragende Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich sehr, sehr gerne diese Verantwortung angehe. Und natürlich kann ich mich auf mein Team im K-Bereich verlassen, auf das ich mich für die vielfältigen Aufgaben stützen kann. Wie auch das Präsidium, das gemeinsam mit mir grundsätzliche Entscheidungen trifft und die Reaktionen hierauf auch aushalten muss.

Ich glaube, dass sich meine Art der Kommunikation sehr bewährt hat und auch meine Vorstellungen, wie die nächsten Schritte sein sollten. Meine Ausbildung zur Mediatorin hilft mir dabei sehr.

Sie haben die Aufgaben der Kanzlerin 2022 in einer Phase übernommen, die von Krisen geprägt war. Welche Herausforderung hat Sie persönlich am meisten gefordert, und was haben Sie daraus gelernt?

In den vergangenen Jahren haben wir das Gefühl, nicht mehr aus den Krisen an der Freien Universität herauszukommen. Eine der großen Herausforderungen für mich persönlich war der Angriff auf das Präsidiumsgebäude und die Mitarbeiter*innen am 17. Oktober 2024. Ich hatte einen solchen Grad an Aggression bis dahin nicht erfahren, und die Nachwirkungen der Situation bei einzelnen Kolleginnen und Kollegen sind bis heute spürbar. Ebenfalls sehr herausfordernd war der Stromausfall im März 2025. Das Ergebnis dieser Herausforderungen ist, dass ich mich sehr klar auf Fragestellungen zu Sicherheit und Sicherung der kritischen Infrastrukturen der FU Berlin fokussiere.

Die Berliner Hochschulen mussten in den vergangenen Jahren mit erheblichem finanziellem Druck umgehen. Wie kann es der Freien Universität gelingen, handlungsfähig zu bleiben, und welche Entscheidungen sind dafür besonders wichtig?

Ich fürchte, wir sind noch nicht am Ende des finanziellen Drucks angelangt. Seit Dezember 2024 versuchen wir, mit unseren Entscheidungen auf Sicht zu fahren, also in Bezug auf den Haushalt das noch Leistbare zu unternehmen und zu gestalten. Gleichzeitig müssen wir auf neue Herausforderungen reagieren, etwa auf Preissteigerungen von IT-Infrastrukturen. Die äußeren Faktoren, der immense Sanierungsstau, die beständige Notwendigkeit, in unsere Basis-Infrastrukturen zu investieren und die Digitalisierung vorantreiben zu müssen, sind mit weniger Geld nur sehr, sehr schwer umzusetzen.

Wir werden auch weiterhin versuchen, so handlungsfähig wie möglich zu bleiben und Gestaltungoptionen offenzuhalten. Die harten Jahre haben wir dabei noch vor uns: 2027 und 2028 werden geprägt sein von deutlichen Einschnitten und spürbaren Herausforderung für alle an dieser Universität.

Welche drei Themen stehen bei Ihnen zu Amtsbeginn ganz oben auf der Agenda?

Sicherung der Forschungsinfrastruktur, Sicherheit und natürlich Bau und Bauunterhalt vor dem Hintergrund des großen Sanierungsstaus.

Gebäude und Infrastruktur sind eine Daueraufgabe: Sanierungsstau, Energiekosten, Klimaziele. Die Berliner Hochschulbaugesellschaft ist kurz vor Ende der vergangenen Legislaturperiode gescheitert. Wie gehen Sie mit dieser Aufgabe um und wo sehen Sie realistischen Ausweg aus dem Sanierungsstau?

Diese Fragen müsste man eigentlich der Landespolitik stellen, und das haben wir bisher auch sehr vehement getan, insbesondere während der Diskussion um die Hochschulbaugesellschaft. Wir stoßen an der Freien Universität in Bezug auf Gebäudesubstanz gerade an unsere Grenzen. Dieser Sachverhalt erfordert es, immense Summen in den Bauunterhalt von Gebäuden zu stecken, die eigentlich schon seit Jahren hätten grundsaniert werden müssen, nur um sie sicher in Betrieb halten zu können (aktuell ist das ab einer Summe von 10 Millionen Euro Ländersache, vor den Ergänzungsverträgen zum Hochschulvertrag war die Summe auf 5 Millionen begrenzt).

Ohne zusätzliches Geld wird die Freie Universität nicht in der Lage sein, den Sanierungsstau abzufedern. Lassen Sie mich dies kurz ausführen. Die Investitionsmittel für die Universität wurden auf etwa 8,5 Millionen Euro gekürzt. Dies entspricht einer mehr als 20-prozentige Kürzung. Dieses Budget sollen reichen für Bauinvestitionen in mehr als 290 Gebäuden sowie die Digitalisierung der Freien Universität. Ich denke, das zeigt, warum zusätzliche Mittel erforderlich sind.

Die Argumentationslinie des Landes, dass die Universitäten hierfür ausreichend Rücklagen hätten, ist nicht realistisch. Denn genau diese Rücklagen müssen wir nun auflösen, um unsere Struktur (Personal und laufende Mittel) überhaupt finanzieren zu können vor dem Hintergrund der aktuellen Kürzung.

Eine Hochschulbaugesellschaft, die gemeinsam und auf Augenhöhe mit den Hochschulen entwickelt wird, könnte ein Lösung sein. Vorrausetzung hierfür ist eine Governance-Struktur, in der die Hochschulen ihre Strategiefähigkeit nicht abgeben müssen, und der Beibehalt der Technischen Abteilungen und des Gebäudemanagements an der jeweiligen Universität. Zusätzlich sind Investitionsmittel des Landes unabdingbar.

Digitalisierung, Verwaltungsmodernisierung und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeit in Wissenschaft und Verwaltung. Was bedeutet das für die Freie Universität als Arbeitgeberin, und wie wollen Sie die Beschäftigten mitnehmen?

Digitalisierung, Verwaltungsmodernisierung, künstliche Intelligenz sind Themen, denen sich die Freie Universität widmet. Allerdings muss auch klar sein, dass für die Digitalisierung und die Einrichtung einer Infrastruktur für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz die erforderlichen Mittel zur Verfügung stehen müssen, um sie an einer großen Universität wie der FU flächendeckend einführen zu können. Voraussetzung hierfür ist die Standardisierung von Prozessen. Wir werden auch weiterhin versuchen, soweit wie möglich in den Bereichen der Verwaltung zu digitalisieren, Prozesse zu entbürokratisieren und dort, wo möglich, zur Unterstützung unserer Beschäftigten KI Tools einzuführen. Aber das muss schrittweise erfolgen, auch damit wir unsere Beschäftigten angemessen an neue Arbeitsweisen heranführen können. Das wird eine Aufgabe für die nächsten Jahre sein.

Worauf sind Sie bei der Entwicklung der Freien Universität in den vergangenen Jahren besonders stolz?

Wir haben es in kurzer Zeit gemeinsam mit vielen Akteuren geschafft, unsere Strukturen, Prozesse und Kommunikation im Bereich der Sicherheit für unsere Beschäftigten, unsere Studierenden und unsere Gäste zu schärfen. Das war ein Projekt, das sehr stark Personalkapazität gebunden hat, und ich war sehr beeindruckt, wie mein Team im K-Bereich das geschafft hat.

Das Besondere in den vergangenen Jahren war, dass die Universitätsgemeinschaft die vielen Herausforderungen gemeinsam gemeistert hat. Wie wir miteinander an Lösungen arbeiten, das Verständnis, die Akzeptanz von Entscheidungen – das alles hat mir gezeigt, wie besonders die Freie Universität Berlin für mich ist. Es macht mich sehr froh, dass ich an dieser Universität eine solche Position einnehmen darf.

Die Fragen stellte Sotirios Agrofylax