Literatur als Lücke zum Atmen
Matthias Nawrat wurde am 25. Februar mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet. Damit verbunden ist seine Berufung als Gastprofessor für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität.
04.03.2026
Preisträger Matthias Nawrat nimmt Blumen in Empfang, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (links) und Hans Gerhard Hannesen, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Preußische Seehandlung, gratulieren.
Bildquelle: Katja Hentschel
In den 1980er Jahren reiste Matthias Nawrats Onkel mit seinem besten Freund aus der Volksrepublik Polen nach West-Berlin, und sie fuhren mit der S-Bahn durch den damals verbarrikadierten Nordbahnhof. So beginnt Matthias Nawrat an diesem Abend seine Rede bei der Verleihung des Berliner Literaturpreises im Roten Rathaus. Damals sei etwas Außergewöhnliches passiert: Die S-Bahn hielt plötzlich an und öffnete ihre Türen.
Kurz wagten die beiden polnischen Touristen auszusteigen. „Ein unvorstellbarer Augenblick. Die beiden standen außerhalb des Wagens. Kein Mensch war auf dem Bahnsteig zu sehen. Es war sehr still. Das leere Gleisstück vor ihnen schien eine Art abgeschnürter Dickdarmfortsatz der Station zu sein und es gehörte, davon waren sie plötzlich überzeugt, weder zu Westberlin, da man sich ja schon unter Ostberlin befand, noch zur DDR, da der Zugang zur Station zugemauert war.“
Henry Mex und Dietrich Petzold begleiteten die Preisverleihung im Festsaal des Roten Rathauses mit drei Musikstücken
Bildquelle: Katja Hentschel
Zwischen den Orten, Zeiten und Worten
Bis heute jedoch fasziniere ihn der Bahnsteig am Nordbahnhof, dieser Ort zwischen den Staaten und den juristischen Begriffen, selbst wenn er – vielleicht – nur ein literarischer Ort sei. Es sei ein Ort, an dem man atmen könne, kurz eine andere Welt sehen. „Für einen Moment in den Lücken der Sprache noch etwas jenseits der Sprache vorerst unsprachlich denken und dadurch noch jemand anderes sein, als man in den Abläufen des Lebens und Alltags ist.“
Diese Lücken zwischen den Orten, Zeiten und Worten ziehen sich durch Nawrats Werk. Die Jury des Berliner Literaturpreises würdigte in ihrer Begründung, dass er in seinen Romanen, Essays und Gedichten das Beziehungsgeflecht unter der Oberfläche herausarbeite, „die unsichtbaren Linien, die von der Gegenwart in die Vergangenheit führen.“
Der Berliner Literaturpreis wird seit 1989 von der Stiftung Preußische Seehandlung verliehen und ist mit 30.000 Euro dotiert. Verliehen wurde er an diesem Abend durch Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner, ein Grußwort sprach Hans Gerhard Hannesen, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Preußische Seehandlung. Musikalisch rahmten Henry Mex und Dietrich Petzold die Reden mit vertonten Gedichten aus Nawrats „Gebete für meine Vorfahren“.
Neuer Knoten im Netzwerk
Seit 2005 ist der Berliner Literaturpreis verbunden mit einer Gastprofessur für deutschsprachige Poetik am Peter Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Matthias Nawrat wird unter anderem eine Werkstatt für Autorinnen und Autoren leiten, in der Studierende die Gelegenheit haben, mit ihm eigene literarische Arbeiten zu diskutieren. Die Gastprofessur sei, so Universitätspräsident Günter M. Ziegler, mittlerweile eine bewährte Tradition. Zu den Gastdozierenden gehörten unter anderem bereits Herta Müller (2005), Durs Grünbein (2006), Clemens J. Setz (2019) und Felicitas Hoppe (2024). In dieses Netzwerk knüpfe Matthias Nawrat nun einen neuen Knoten, sagte Ziegler. Das passe gut, denn auch in Nawrats Texten gehe es um Verbindungen: „Natürlich solche zwischen Menschen, aber auch um Orte und ihre Verlinkungen. Ob Himmelsrichtungen, Zeitschienen oder Adressen – bei Ihnen ist immer Bewegung von A nach B, C oder D.“ Und schließlich sei das Netzwerk auch ein wunderbares Bild für Berlin und die Berliner Wissenschaftslandschaft.
Matthias Nawrat wurde 1979 im polnischen Opole geboren und emigrierte 1989 mit seiner Familie nach Bamberg. Heute lebt er in Berlin. Nawrats Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis, der Alfred-Döblin-Medaille und dem Literaturpreis der Europäischen Union. Am 13. März 2026 erscheint sein neuer Roman Das glückliche Schicksal.
Mit der Sprache hinkommen, wo man noch nicht ist
Das Schreiben eröffne ihm einen Ort der Freiheit, erklärte Nawrat an diesem Abend. Angesichts von Kriegen, Menschenrechtsverletzungen und der Krise der Demokratie frage er sich häufig: „Wozu Literatur?“ Dann denke er an den kurdischen Dichter İlhan Sami Çomak, der in türkischer Haft begann, Gedichte zu schreiben, um geistig überhaupt noch zu existieren, während die Außenwelt versuchte, ihn auszulöschen. Oder an die Erzählungen Herta Müllers von ihrer Kindheit im Rumänien der 1950er Jahre, als Literatur nicht möglich war: „Der Bauer ist identisch mit den Handgriffen auf dem Feld, die Wäscherin mit den Handgriffen des Auswringen, sodass das Wort ‚auswringen‘ oder das Wort ‚pflügen‘ schon der Körper ist, der auswringt, der pflügt. Begreift man die Sehnsucht des Kindes, da möge in den Wörtern noch etwas anderes wohnen?“ Doch auch in unserer Gegenwart, im Alltag, bräuchten Menschen eine „Lücke zum Atmen“, sagte Nawrat im Gespräch mit Moderatorin Nadine Kreuzahler: „Ich kann nur dann atmen, wenn ich das Gefühl habe, ich kann mit der Sprache irgendwo hinkommen, wo ich noch nicht bin.“
Im Blitzlicht (von links): Laudatorin Juliane Liebert, Stiftungsvorsitzender Hans Gerhard Hannesen, Universitätspräsident Professor Günter M. Ziegler, Preisträger Matthias Nawrat, Bürgermeister Kai Wegner und Moderatorin Nadine Kreuzahler
Bildquelle: Katja Hentschel
Die Journalistin und Lyrikerin Juliane Liebert würdigte in ihrer Laudatio unter anderem Nawrats Integrität: „Integer heißt bei ihm auch, Figuren werden nicht benutzt, um Thesen zu illustrieren. Leiden wird nicht instrumentalisiert. Fast alle seine Protagonisten haben Brüche in ihrer Biografie, die oft durch die großen historischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts verursacht wurden. Sie sind versehrte Figuren.“ Diese Verwerfungen, historische und aktuelle, schwangen in allen Reden dieser Preisverleihung mit.
Es hätte durchaus ein schwerer Abend werden können, kurz nach dem vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Dass es stattdessen ein Abend wurde, an dem gelacht, gefeiert und sogar gejuchzt wurde, ist auch Matthias Nawrats Humor zu verdanken, den Juliane Liebert in ihrer Laudatio ebenfalls hervorhob: „In der Angst und in der Finsternis, im schlimmsten Augenblick bringt Nawrat uns oft plötzlich zu lachen,“ sagte sie, und später: „Das Lachen entsteht im Inneren der Katastrophe, nicht daneben. Es ist ein Akt des Widerstandes gegen die Verzweiflung.“





