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Seepocken, Miesmuscheln und Gummistiefel

Exkursion an die Nordsee: Im Modul „Evolution und Diversität der Tiere“ lernen Biologiestudierende das Wattenmeer kennen, zu verstehen und zu erforschen.

08.10.2026

Kontrolle eines Feldversuchs: Was hat die Flut gebracht?

Kontrolle eines Feldversuchs: Was hat die Flut gebracht?
Bildquelle: Jens Rolff

Es ist neun Uhr morgens, am Sylter Strand bereiten Studierende ihre Datenerhebung für den Tag vor. Einige sammeln Miesmuscheln, um zu testen, ob die Gezeitenzone einen Einfluss auf die Filtrationsrate der Muscheln hat. Andere beobachten Körperteile von Seepocken, um herauszufinden, ob deren Größe von Seepocken in ihrer Umgebung abhängt. Eine weitere Gruppe vergleicht, ob sich der schwankende Salzgehalt des Wattenmeers unterschiedlich auf Miesmuscheln und Austern auswirkt. Gemeinsam haben sie das Interesse an der Evolution, am praktischen Arbeiten und: Sie tragen alle Gummistiefel.

Wenn Theorie Praxis wird

Die jährliche Exkursion nach Sylt zum Wattenmeer ist bei Bachelorstudierenden der Biologie äußerst beliebt. Weil so viele mitfahren möchten, werden die 50 Exkursionsplätze zu Beginn des Semesters ausgelost. Thema des zwei-wöchigen Intensivkurses sind Evolution und Adaption am Beispiel des Wattenmeers. In der ersten Woche, die noch auf dem Campus der Freien Universität stattfindet, vermitteln Vorlesungen Theorie - im Seminar halten die Teilnehmenden Vorträge. Herzstück des Kurses ist jedoch die acht-tägige Exkursion nach Sylt: Dort haben sie Gelegenheit, Methoden der Freilandforschung zu erlernen und ein eigenes Projekt im Freiland zu verwirklichen. Als Unterkunft dient die Jugendfreizeitstätte Mövenberg.

Beprobung einer Austernbank

Beprobung einer Austernbank
Bildquelle: Jens Rolff

„Dass man sich Themen aussuchen und ein kleines Forschungsprojekt selbst durchführen kann, hat mich sehr weitergebracht“, sagt Aimée, die am Kurs im April teilgenommen hat. Dazu gehöre der ganze Prozess: Vom Entwickeln der Fragestellung bis zum Auswerten der Daten und Aufschreiben der Ergebnisse. Diese Erfahrung zu machen, war auch ausschlaggebend für Pauls Interesse am Kurs.

Datenaufnahme: Wie kräftig sind Muscheln?

Datenaufnahme: Wie kräftig sind Muscheln?
Bildquelle: Jens Rolff

„Man lernt aus seinen eigenen Aktionen“

In kleinen Gruppen überlegen sich die Studierenden eine Forschungsfrage und wie sie diese beantworten können. Die Dozierenden Jens Rolff und Dirk Mikolajewski sowie einige Tutor*innen unterstützen sie dabei. „Wir haben viel über verschiedene Methoden gelernt, wie man wissenschaftlich an Themen herangeht, wie man Experimente designt, und wie man dabei möglichst ausschließt, dass externe Umweltfaktoren das Experiment beeinflussen“, erklärt Paul.

Dabei lernen die Studierenden nicht nur, im Team zu arbeiten, sondern auch, experimentelle Designs kritisch zu hinterfragen. Was auch dazugehört: die Flexibilität, Ansätze zu verwerfen, die einen nicht weiterbringen, und von vorne zu beginnen. Und zu improvisieren: So bastelte etwa eine Gruppe eine Halterung für die Kamera, um Fotos durch ein Binokular zu machen. Auch wann welche Daten erhoben werden, müssen die Studierenden genau planen. Einige Projekte sind fest an die Gezeiten gebunden, was zu sehr frühen und sehr späten Arbeitszeiten führen kann. „Man lernt aus seinen eigenen Taten, aus seinen eigenen Aktionen“, sagt Paul.

Pause von der Feldarbeit vor der Jugendfreizeitstätte Mövenberg

Pause von der Feldarbeit vor der Jugendfreizeitstätte Mövenberg
Bildquelle: Jens Rolff

Am Ende des Kurses steht keine Klausur, sondern ein Bericht, der wie eine wissenschaftliche Publikation aufgebaut ist. Dabei üben die Studierenden, im wissenschaftlichen Stil zu schreiben, ihr Vorgehen schriftlich zu schildern, ihre Ergebnisse aufzubereiten und zu interpretieren. „Einfach super cool“, findet Paulina, „weil das so nah an der tatsächlichen Forschungsrealität dran ist.“

In der Exkursionswoche entsteht ein Gemeinschaftsgefühl

Auch die Dozierenden schätzen die Gelegenheit, außerhalb des Hörsaals zu lehren und ein Modul mit hohem Praxisbezug anzubieten. „Uns gefällt diese Abgeschirmtheit und der komplette Fokus auf die Projekte der Studierenden“, sagt Dirk Mikolajewski. Nebenbei gibt er zusammen mit Jens Rolff auch Einblicke in die die lokale Fauna, organisiert die Besichtigung der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegner-Instituts in List und beantwortet Fragen. Die eindrückliche und persönliche Erfahrung steigere die Motivation und Identifikation von Studierenden mit ihrem Studium, das hat der Biologe nun schon häufig erlebt. Zusätzlich zum fachlichen bereichernden Austausch entstehe in der Exkursionswoche auch ein Gemeinschaftsgefühl.

Beprobung einer Wattfläche: Wo sind die Versuchsorganismen?

Beprobung einer Wattfläche: Wo sind die Versuchsorganismen?
Bildquelle: Jens Rolff

Auch Aimée, Paulina und Paul sind sich einig: Die Exkursion nach Sylt sollte man auf jeden Fall mitmachen. Wer beim Losverfahren kein Glück hat, findet Alternativen im Bereich Allgemeine Berufsvorbereitung (ABV): Dort werden Ausflüge zur ökologischen Station im Havelland und in Naturschutzgebiete in Brandenburg und Polen angeboten. Auch die Masterstudiengänge der Biologie bieten eine weitere Chance: dann geht es nach Helgoland, um die Ökologie und Evolution von Vögeln zu erforschen.

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