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Renaissance Reloaded

Auf Exkursionen zu Museen und Konzerten erkunden Masterstudierende der Romanischen Literaturwissenschaft das Verhältnis von Dingen und Worten in der Renaissance

30.09.2026

Eine Lira da Braccio aus der Renaissance ist das älteste Stück der Sammlung des Berliner Musikinstrumentenmuseums. Barnes Ziegler (2. v. l.) Leiter der Konservierung, erklärt den Studierenden ihre Geschichte und ihre Bedeutung für die Forschung.

Eine Lira da Braccio aus der Renaissance ist das älteste Stück der Sammlung des Berliner Musikinstrumentenmuseums. Barnes Ziegler (2. v. l.) Leiter der Konservierung, erklärt den Studierenden ihre Geschichte und ihre Bedeutung für die Forschung.
Bildquelle: Marion Kuka

Ein heißer Junitag, 12.30 Uhr, 35 Grad, am Potsdamer Platz flirrt die Luft. Vor dem Musikinstrumenten-Museum neben der Berliner Philharmonie wartet eine Gruppe Studierender. Eigentlich ist das Museum dienstags geschlossen, doch heute sind sie hier verabredet – mit einer Lira da Braccio. Das Streichinstrument aus der italienischen Renaissance gilt als Vorläuferin der modernen Violine. Vor allem in Oberitalien erklang es an Höfen zur Begleitung von Gesang, epischer Dichtung und bei weiteren musikalischen Gelegenheiten.

Die sommerliche Exkursion ist Teil des Mastermoduls „Die Renaissance der Dinge – res und verba in den Literaturen der Romania“ im Studiengang Romanische Literaturwissenschaft. In Vorlesung, Seminar und Projektseminar untersuchen die Teilnehmer*innen Texte in den großen romanischen Sprachen zwischen 1400 und 1600. Um den „Dingen“ wirklich auf den Grund zu gehen, haben sich die Dozentinnen Anita Traninger, Annika Nickenig und Maraike Di Domenica etwas Besonderes ausgedacht: echte Begegnungen mit historischen Objekten und Sammlungen.

In der Gemäldegalerie stellten ihre Studierenden exemplarische Objekte in berühmten Gemälden vor und entwickelten eigene thematische Zugänge zur Welt der Dinge. Im Münzkabinett ging es um die Pazzi-Verschwörung von 1478 und um zwei seltene Medaillen, die das damit zusammenhängende Attentat auf die Medici zeigen. In der Staatsbibliothek Unter den Linden bekamen die Studierenden Inkunabeln und historische Drucke zu sehen. Einige der seltenen Bücher durften sie aus nächster Nähe betrachten und sogar selbst in die Hand nehmen und vorsichtig durchblättern.

Einblick in die Sammlungspraxis

Das Buch als materiales Objekt spielt in dem Modul eine große Rolle: Über Formate, Schrifttypen, Indizes und Paratexte kommuniziert es mehr als die modernen Studienausgaben. Die Expert*innen für Inkunabeln und Alte Drucke, Falk Eisermann und Friederike Willasch, nahmen sich viel Zeit, um Besonderheiten der Exemplare zu erläutern und Einblick in die Sammlungspraxis der Bibliothek zu geben.

Die Studierenden wiederum erkannten Texte und Bilder wieder, die in Vorlesung und Seminar behandelt worden waren: Emblemata, Essays, Eklogen – und vieles mehr. Sie in ihrem historischen Kontext zu sehen, ist für die Studierenden eine faszinierende Erfahrung. Und dass die Bibliothekar*innen versichern, dass alle Studierenden in den Rara-Lesesälen der Staatsbibliothek Unter den Linden jederzeit willkommen seien, inspiriert einige gleich zu weiteren Besuchen.

Im Kunstgewerbemuseum fand eine vom Italienzentrum organisierte kuratorische Führung statt, bei der Meisterwerke der italienischen Majolika, der Möbel- und Glaskunst des 15. und 16. Jahrhunderts, gezeigt wurden. Auch zwei Besuche der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci standen auf dem Programm: Monteverdi und Gluck, ermöglicht durch die Unterstützung des Kapitels „Neuere fremdsprachliche Philologien“ der Ernst-Reuter-Gesellschaft.

Gemeinschaftserlebnis fernab des Unialltags

„Diese physische Begegnung ist etwas viel Intimeres, als nur im Unterrichtsraum zu sitzen oder zu lesen“, sagt Diogo. „Man kommt viel besser in die Materie hinein.“ Einige Studierende seien anfangs noch skeptisch gewesen, berichtet Maraike Di Domenica, ob sich literarische Texte tatsächlich über Dinge und materielle Objekte erschließen lassen. Inzwischen tragen manche sogar die Werke von Erasmus von Rotterdam in der Hosentasche herum, und durch die Erlebnisse außerhalb des Unialltags ist eine Gemeinschaft entstanden. Malena, zum Beispiel, müsste eigentlich nur das Seminar besuchen, will aber weder Vorlesung noch Projektseminar verpassen. „Ich liebe es, wenn so etwas passiert“, sagt die Dozentin.

Leistungspunkte erhalten die Studierenden für eine Seminararbeit und für Impulsvorträge zu Ausstellungsstücken in den Museen. Heute trägt jedoch niemand aus der Gruppe vor. Stattdessen übernimmt Jörg Joachim Riehle, Tonmeister, Musiker und Museumsguide. Zum Auftakt spielt er eine Melodie auf einer Drehorgel, die zwar nicht aus der Renaissance stammt, aber für gute Stimmung sorgt. Danach zeigt er den Studierenden ein Positiv, eine kleine, tragbare Orgel. Verziert ist sie mit Szenen aus Religion und Mythologie: König David in jungen Jahren und ein Engel, der auf einem Zink spielt. Auf der Rückseite ist der berühmte Wettstreit zwischen Apollo und dem Satyr Marsyas zu sehen. König Midas bevorzugt den Klang des vom Satyr gespielten Rohrblattinstruments gegenüber Apollos Lyra – und wird für seinen vermeintlich schlechten Geschmack mit Eselsohren bestraft.

Die Mythologie erweist sich dabei als roter Faden durch die Renaissance und als besonderes Bindeglied zwischen Literatur, bildender Kunst und Musik. Das zeigt sich auch am Orpheus-Mythos, der in den Veranstaltungen in literarischen Texten ebenso wie in Bildern und musikalischen Werken begegnet.

Reise durch die Renaissance anhand von Musikinstrumenten

Riehle führt auch den Zink vor: Das hölzerne Blasinstrument ist mit Leder umwickelt, hat Grifflöcher wie eine Blockflöte und ein Mundstück aus Holz, Horn oder Elfenbein. Sein Klang kam der menschlichen Stimme besonders nahe. In der Renaissance und im Frühbarock war der Zink ein führendes Melodieinstrument – etwa bei Claudio Monteverdi oder Heinrich Schütz. Im 19. Jahrhundert geriet er jedoch in Vergessenheit.

Auch auf den ersten Hörnern ließ sich, wie auf dem Zink, die Tonhöhe allein durch die Spannung der Lippen variieren. Mikka probiert es – sie produziert auf Anhieb einen lauten Ton, dann verschieden Töne und erntet Applaus. Weiter geht die Reise mit Cembalo, Gambe, Laute und einer echten Stradivari. Das Finale liefert die Mighty Wurlitzer: Die Theaterorgel zählt zu den größten noch erhaltenen Instrumenten ihrer Art in Europa. Mit 1.228 Pfeifen füllt sie den ganzen Museumsbau mit Klang. Die Studierenden sind fasziniert.

Dann betritt die Hauptdarstellerin die Bühne: die Lira da Braccio, eines der ältesten Stücke der Sammlung. Restaurator und Leiter der Konservierung Barnes Ziegler hat sie sorgfältig auf einem Rollwagen platziert, die Studierenden versammeln sich um ihn. Dass sie tatsächlich aus der Zeit der Renaissance stammt – zumindest Teile davon – lässt sich unter anderem durch die Methode der Dendrochronologie belegen: In gemäßigten Zonen legen Bäume jedes Jahr einen neuen Jahresring an, dessen Breite vom Wetter und Klima des jeweiligen Jahres abhängt. Durch Messungen sind lückenlose regionale Jahresringtabellen entstanden, mit denen sich Hunderte Jahre alte Hölzer datieren lassen.

Der älteste Jahresring im Fichtenholz der Lira stammt aus dem Jahr 1227, der jüngste aus 1447, wie die „Dendro“ aus dem Jahr 2007 ergab. Einen weiteren Hinweis liefert der Herstellerzettel, sichtbar durch die F-Löcher im Inneren des Instruments. Ein Raunen geht durch die Gruppe: Auf dem Zettel ist die Jahreszahl 1666 oder 1664 zu sehen, und die Buchstaben „ini“ von Maggini. Wahrscheinlich stammt das Instrument also aus der Werkstatt von Giovanni Paolo Maggini, einem berühmten Geigenbauer aus Brescia in Italien. Zu erkennen sind aber auch zwei verschiedene Schriftarten – vielleicht hat da jemand ein bisschen getrickst?

Objekte als Quellen

Ob das Instrument noch spielbar sei, fragt Dozentin Anita Traninger. Dafür müsse man die Saiten spannen, erklärt der Experte. Ein Risiko, denn die Decke der Lira zeigt Spuren von Wurmfraß und könnte unter der Spannung brechen. Heute dienen solche Objekte vor allem als Quelle: Sie werden untersucht und vermessen, auch, um Kopien anzufertigen. Das fasziniert den Restaurator ohnehin mehr als historische Musikdarbietungen: „Am Objekt lassen sich die Spuren menschlichen Handelns ablesen. Es vereint das gesamte Kulturgut: vom Instrumentenbau über Reparatur und Restauration bis zur Musikpraxis.“ Eine Zeitkapsel also? Barnes Ziegler spricht lieber von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, wenn ein Objekt alle seine Zeitschichten zugleich offenbart.

„Ich hatte die ganze Zeit Lust, etwas anzufassen“, sagt Mikka nach dem Besuch im Museum. „Aber ich konnte mich glücklicherweise zurückhalten.“ Sie ist fasziniert davon, wie Handwerk, Wissenschaft und plötzlich auch Literatur und Kunstgeschichte miteinander verwoben sind. Seit dem Material Turn, der Wende hin zu mehr Aufmerksamkeit für die physische Beschaffenheit, die Herkunft und die Wirkmächtigkeit von Materialien in den Kulturwissenschaften, hätten Objekte auch in der Literaturwissenschaft mehr Bedeutung bekommen. Wie werden sie beschrieben, in Texten der Renaissance und von heute? Und wie wird Literatur in der Kunst dargestellt? Fragen über Fragen, die Mikka beschäftigen.

Schritt für Schritt die historische Situation rekonstruieren

Auch Tim gefällt der Ansatz des Moduls: „Wir betrachten nicht gleich die ganze Epoche. Wir gehen von Dingen aus – und schlagen uns damit Schneisen.“ An einem Objekt, sagt er, lasse sich die historische Situation Schritt für Schritt rekonstruieren, etwa anhand der Medaillen zur Pazzi-Verschwörung im Münzkabinett. „Das schärft den Blick auf Texte.“

Am Ende geht es also tatsächlich darum, Schneisen zu schlagen: von den Dingen zu den Texten, von den Bildern zur Musik und von der Vergangenheit zu Fragen der Gegenwart. Die Museen, Bibliotheken und Festivals Berlins werden dabei zu erweiterten Seminarräumen, in denen sich literarische und kulturelle Zusammenhänge unmittelbar erfahren lassen. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Zugang zur Renaissance erscheint, eröffnet so neue Perspektiven auf eine Epoche, in der Literatur, Kunst, Musik und materielle Kultur eng miteinander verflochten waren.

Weitere Informationen

Das Modul zur Renaissance der Dinge wird voraussichtlich wieder im Sommersemester 2027 oder Wintersemester 2027/28 angeboten. Es richtet sich an Masterstudierende der Romanischen Literaturwissenschaft, ist aber offen für Studierende anderer geisteswissenschaftlicher Studiengänge.

Der konsekutive und forschungsorientierte Masterstudiengang „Romanische Literaturwissenschaft“ eröffnet eine komparatistische Perspektive auf die Literaturen der Romania und vermittelt fundierte literaturhistorische, literaturtheoretische und methodische Kompetenzen.

Im Mittelpunkt stehen aktuelle Forschungsfragen, zentrale Epochen der romanischen Literaturgeschichte sowie die eigenständige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit literarischen und kulturellen Phänomenen in europäischer und globaler Perspektive.