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„Deutschland liegt europaweit auf dem vorletzten Platz“

3. Juli: 21. Studientag der romanischen Sprachen / Interview mit der Didaktikprofessorin Daniela Caspari von der Freien Universität über das Erlernen einer 2./3. Fremdsprache in der Schule

02.07.2026

Wer eine Fremdsprache erlernt, erwirbt neben der Fähigkeit, sich zu verständigen, viele Kompetenzen: die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln, hilft zum Beispiel dabei, Vorurteile zu überprüfen.

Wer eine Fremdsprache erlernt, erwirbt neben der Fähigkeit, sich zu verständigen, viele Kompetenzen: die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln, hilft zum Beispiel dabei, Vorurteile zu überprüfen.
Bildquelle: picture alliance / Caro | Kaiser

Worum geht es? 
Der Studientag der romanischen Sprachen an der Freien Universität Berlin bringt seit 21 Jahren einmal jährlich Lehrkräfte, Studierende sowie Aus- und Fortbildner*innen aus Berlin und Brandenburg zusammen. Über die Jahrzehnte ist so ein großes Netzwerk für die Entwicklung eines modernen und attraktiven Fremdsprachenunterrichts in den Sprachen Französisch, Spanisch und Italienisch entstanden.

Warum ist das wichtig? Die Veranstaltung fördert die Weiterentwicklung des Fremdsprachenunterrichts und stärkt das Netzwerk zwischen Universität und Schule.

Und außerdem?

Mehrere Fremdsprachen an der Schule zu erlernen, geht in Deutschland zurück: Insgesamt steht Deutschland mit im Schnitt nur einer belegten Fremdsprache in der gymnasialen Oberstufe europaweit auf dem vorletzten Platz. Zum Vergleich: in Luxemburg sind es 2,3 Fremdsprachen, in Rumänien 2, in Polen 1,9. Damit gehen Kompetenzen verloren: Kommunikationsfähigkeit, kulturelles Verständnis, Perspektivwechsel, Empathie und Offenheit – wichtige Fähigkeiten in einer vernetzten Welt.
Romanistikdidaktikprofessorin Dr. Daniela Caspari

Romanistikdidaktikprofessorin Dr. Daniela Caspari
Bildquelle: Michael Fahrig

Frau Professorin Caspari, der Studientag der romanischen Sprachen findet am 3. Juli zum 21. Mal statt – was ist Sinn und Aufgabe der Veranstaltung?

Der Studientag bringt einmal im Jahr die Menschen zusammen, die sich für den Französisch-, Spanisch- und Italienischunterricht in Berlin und Brandenburg engagieren: Lehrkräfte, Referendar*innen, Aus- und Fortbildner*innen sowie unsere Studierenden. Über zwei Jahrzehnte ist daraus ein großes Netzwerk entstanden, das Universität und Schulpraxis verbindet. Gemeinsam entwickeln wir zeitgemäßen Fremdsprachenunterricht und schaffen einen Ort, an dem sich auch viele unserer Absolvent*innen wieder treffen.

Englisch müssen in Deutschland alle Schüler*innen lernen. Eine Zweit- oder sogar Drittsprache lernen immer weniger. Wie hat sich die Situation entwickelt?

In Deutschland müssen nur Schülerinnen und Schüler, die Abitur machen wollen, überhaupt eine zweite Fremdsprache lernen – und das auch nur vier Jahre lang. Früher standen meist nur Französisch oder Latein zu Auswahl, heute sind es in Berlin neun Sprachen. Da verschieben sich die Anteile zwangsläufig.

Bundesweit hat Französisch in der Sekundarstufe I – also von der 5. bzw. 7. bis 10. Klasse – seit 2007/08 lediglich vier Prozent der Lernenden verloren, während Spanisch um fünf Prozent zugelegt hat. Größer ist der Rückgang in der gymnasialen Oberstufe: Dort verlor Französisch 15 Prozent, Spanisch gewann nur 6 Prozent hinzu. Italienisch bleibt mit 0,5 Prozent der Lernenden in der Sekundarstufe I und drei Prozent in der Oberstufe stabil, kann den Rückgang aber nicht ausgleichen.

Besonders problematisch ist, dass Deutschland in der gymnasialen Oberstufe im Schnitt nur auf eine belegte Fremdsprache kommt und damit europaweit auf dem vorletzten Platz liegt. Zum Vergleich: In Luxemburg lernen Jugendliche durchschnittlich 2,3, in Rumänien 2 und in Polen 1,9 Fremdsprachen.

Was verändert sich dadurch?

Fremdsprachenunterricht bedeutet ja heute längst nicht mehr Übersetzen. Es geht um so viel mehr als sprachliches Wissen und Können: um Kommunikationsfähigkeit, kulturelles Verständnis, Perspektivwechsel, Empathie und Offenheit. Sind das nicht genau die Qualitäten, die future-skills, die die Bürger*innen Europas, die Menschen in einer modernen Welt mehr denn je benötigen?

Wechseln wir mal von den Lernenden zu denen, die an der Schule Fremdsprachen unterrichten – und damit zur Lehrkräftebildung an den Universitäten: Wie ist dort die Situation bei den Zweit- und Drittsprachen?

In Berlin ist sie – anders als in manchen anderen Bundesländern – für die romanischen Sprachen insgesamt stabil. Und zusätzlich bilden wir an der FU jetzt ja auch Lehrkräfte für Chinesisch und Türkisch aus; an der HU mit ihrer langen Tradition ist die Professur für Russischdidaktik dagegen gerade eingespart worden.

Bildungspolitisch wünscht man sich natürlich immer mehr Flexibilität, um mehr Schüler*innen für mehr Fremdsprachen zu gewinnen. Aber auch hier steht Berlin mit seinen Rahmenbedingungen bundesweit vergleichsweise gut da. Allerdings müssen wir abwarten, ob die Regelung, sich Herkunftssprachen als Ersatz für die 2. Fremdsprache anerkennen lassen zu können, nicht dazu führt, dass gerade bei diesen Schüler*innen die eben genannten mit systematischem Fremdsprachenunterricht verbundenen Bildungsziele verlorengehen. Englisch allein gleicht das nicht aus.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 21 Jahren Studientag?

Der Studientag ist zu einem einzigartigen Ort geworden, an dem alle drei Phasen der Lehrkräftebildung zusammenkommen – Studium, Vorbereitungsdienst und Fortbildung. Gleichzeitig verbindet er Berlin und Brandenburg, vertreten durch das dortige Landesinstitut LIBRA. Beim Studientag wird deutlich, dass Theorie und Praxis zusammengehören. Für unsere Studierenden schafft das Orientierung und Zusammenhalt in einem Studium, das oft als zersplittert erlebt wird.

Außerdem ist ein starkes Netzwerk entstanden, das sich für guten Fremdsprachenunterricht einsetzt. Es stärkt die Fächergruppe und macht die Freie Universität Berlin als verlässlichen und innovativen Akteur in der Lehrkräftebildung sichtbar.

Der Studientag findet in diesem Jahr zum letzten Mal statt – wie geht es weiter?

Unser Ziel ist es, trotz des Spardrucks die Netzwerkstruktur weiter auszubauen und neue Kooperationspartner zu gewinnen. Wir denken über ein neues Format nach: Vielleicht bieten wir künftig kleinere Formate an, möglicherweise über das Schul- bzw. Uni-Jahr verteilt. Und können dabei vielleicht auch andere Orte einbeziehen.

Die Fragen stellte Christine Boldt



Weitere Informationen

21. Studientag Romanische Sprachen an der Freien Universität 1. / 2. / 3. Phase

2./3. Fremdsprachen (er-)leben lassen – im Unterricht und darüber hinaus

Zeit und Ort

  • 3. Juli 2026, 8:30 bis 17:00 Uhr
  • Freie Universität Berlin, Zugang über Habelschwerdter Allee 45 oder Otto-von-Simson-Straße 26, 14195 Berlin, Seminarzentrum (EG, gegenüber der Mensa)

Anmeldung über das FortbildungsNetz des Landes Brandenburg, Veranstaltungsnummer: 26L220501. Auch kurzfristig Entschlossene sind herzlich willkommen.