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Zwischen Magie und Präzision

Die belgische Autorin Lize Spit eröffnete die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin mit einer Vorlesung über Plot, Spannung und die Kunst des Erzählens

23.06.2026

Lize Spit gehört zu den bekanntesten Stimmen der jüngeren flämischen Gegenwartsliteratur. In ihren Romanen verhandelt sie Verlust, Sehnsucht und die Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen. Im Sommersemester 2026 ist die belgische Autorin als 54. Samuel-Fischer-Gastprofessorin am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin zu Gast.

Erzählen heißt ordnen: In ihrer Antrittsvorlesung sprach Lize Spit über Plot als Möglichkeit, dem Leben Form zu geben.

Erzählen heißt ordnen: In ihrer Antrittsvorlesung sprach Lize Spit über Plot als Möglichkeit, dem Leben Form zu geben.
Bildquelle: Lena Gärtner

Wie wird aus den Zufälligkeiten des Lebens eine Geschichte? Diese Frage durchzieht Lize Spits Antrittsvorlesung „The Magician and the Surgeon: Plot as a Form of Spatial Awareness“. Nach der Begrüßung durch Institutsdirektor Michael Auer und einer Einführung des Literaturwissenschaftlers David Wachter entwickelt Lize Spit Überlegungen zu den Mechanismen des Erzählens und macht deutlich, dass Plot mehr ist als erzählerische Technik: eine Form, dem Leben Ordnung abzuringen.

Vom Leben zur Geschichte

Für Spit beginnt Erzählen mit einer grundlegenden Einsicht: Das Leben selbst folgt keiner Dramaturgie, sondern besteht aus einer unüberschaubaren Kette von Ereignissen, die erst durch das Erzählen Sinn erhalten. „Literature is life with plot added to it“, sagt die Autorin. Literatur bildet das Leben also nicht einfach ab, sondern bringt es in eine Form.

Dass Menschen Ereignisse intuitiv in Geschichten verwandeln, zeigt sich für Spit bereits im Alltag. Niemand beantworte die Frage nach dem eigenen Tag mit einer lückenlosen Chronologie vom Klingeln des Weckers bis zum Abendessen. Erzählt werden vielmehr jene Momente, die bedeutsam erscheinen. Rückblenden, parallele Handlungsstränge oder ein Einstieg mitten ins Geschehen durchbrechen dabei die reine Chronologie und schaffen Zusammenhänge, die im bloßen Nacheinander verborgen blieben. Aus einer Folge von Ereignissen wird eine Geschichte.

Geprägt wurde dieses Verständnis des Erzählens nicht zuletzt durch Spits Ausbildung zur Drehbuchautorin an einer Brüsseler Filmschule. Dort lernte sie, Geschichten als räumliche Strukturen zu denken. Wer erzählt, entscheidet fortlaufend, welche Informationen die Lesenden bereits besitzen, welche ihnen noch fehlen und wie daraus Spannung entsteht. Erzählen wird so zu einer Kunst der Anordnung. Figuren, Zeitebenen und Ereignisse müssen gleichzeitig im Blick behalten werden.

Kontrolle oder Improvisation?

Diese von Spit beschriebene „spatial awareness“ ist jedoch mehr als eine Technik des Erzählens. Sie berührt eine Grundfrage der Literatur: Wie verhalten sich Figur und Handlung zueinander? Den oft bemühten Gegensatz zwischen „character-driven“ und „plot-driven“-Literatur weist Spit zurück. „It's not a case of one or the other. In good literature, the two come together.“

Um dieses Zusammenspiel zu beschreiben, greift sie eine bekannte Debatte über Schreibprozesse auf. Der Autor George R. R. Martin unterschied Schriftstellerinnen und Schriftsteller einst in „Architekten“, die ihre Geschichten sorgfältig vorausplanen, und „Gärtner“, die sie beim Schreiben wachsen lassen. Spit schlägt stattdessen zwei andere Figuren vor: den Magier und die Chirurgin.

Der Magier plant jeden Schritt seines Tricks. Er weiß genau, wohin die Aufmerksamkeit des Publikums gelenkt werden muss, damit die eigentliche Überraschung unbemerkt vorbereitet werden kann. Die Chirurgin dagegen beginnt zwar mit einem klaren Plan, weiß nach dem ersten Schnitt aber nicht genau, was sie erwartet. Sie muss auf das reagieren, was sich erst im Vollzug zeigt, und dennoch das Ziel im Blick behalten. Für Spit ergänzen sich beide Haltungen. Die Chirurgin greift mitunter zu einem „magischen Trick“, wenn die Situation es verlangt, der Magier wiederum erlebt die Unwägbarkeiten seiner eigenen Inszenierung. Schreiben bewegt sich damit stets zwischen Kalkül und Offenheit, Kontrolle und Improvisation.

Prof. Dr. Michael Auer, Direktor des Peter-Szondi-Instituts, begrüßte die Gäste zur Antrittsvorlesung von Lize Spit.

Prof. Dr. Michael Auer, Direktor des Peter-Szondi-Instituts, begrüßte die Gäste zur Antrittsvorlesung von Lize Spit.
Bildquelle: Lena Gärtner

Warum Spannung kein Selbstzweck ist

Besonders deutlich wird diese Haltung, als Spit auf eine Kritik reagiert, die ihr Werk seit ihrem Debütroman Und es schmilzt begleitet. Wiederholt wurde ihren Büchern vorgeworfen, zu stark auf Handlung und Spannung zu setzen. Mitunter seien sie sogar als „Netflix-Literatur“ bezeichnet worden, so die Autorin. 

Für Spit beruht dieser Vorwurf auf einer fragwürdigen Gegenüberstellung: als stünden literarische Qualität und Spannung grundsätzlich im Widerspruch zueinander. Gerade in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit und Zeit zu den knappsten Ressourcen gehören, könne Literatur es sich nicht leisten, Spannung pauschal zu misstrauen. Entscheidend sei vielmehr, welchem Zweck sie diene. Ihr Wert bemisst sich daran, ob sie Figuren vertieft, Entwicklungen sichtbar macht und neue Einsichten eröffnet. Wird Information lediglich zurückgehalten, um am Ende einen Überraschungseffekt zu erzeugen, verliert sie Lize Spit zufolge ihre erzählerische Legitimation. „Suspense does not consist of keeping your readers in the dark.“

Schreiben gegen das Alleinsein

In der anschließenden Diskussion wird die Autorin persönlicher. Sie spricht über die Angst vor dem Verlassenwerden, die viele ihrer Figuren prägt, und darüber, wie sehr sie beim Schreiben an ihre künftigen Leserinnen und Leser denkt. Sie wolle sie bei sich halten, nicht verlieren. Literatur wird damit auch zu einer Form der Verbindung, Schreiben sei eine Möglichkeit, „not to be alone“.

Von dort aus blickt Spit auch auf die Debatte um Autofiktion. Autorinnen und Autoren hätten immer schon eigene Erfahrungen verarbeitet, neu sei vor allem das Etikett dafür. Leben und Literatur stehen für sie nicht in einem Verhältnis von Original und Abbild, sondern beeinflussen einander wechselseitig. Aus Erfahrung wird Form, aus Erlebtem Literatur.

Mit ihrer Antrittsvorlesung gibt Lize Spit Einblicke in ihre Poetik des Erzählens. Im Sommersemester führt sie diese Überlegungen gemeinsam mit den Studierenden ihres Seminars „Tell, Don’t Show?! Literature in the Audiovisual Era“ weiter. Anhand von Romanen und ihren Verfilmungen untersucht sie, wie Geschichten in Literatur und Film unterschiedlich erzählt werden und welche Möglichkeiten die jeweiligen Medien eröffnen.

Weitere Informationen

 Kontakt

  • Dr. David Wachter, Freie Universität Berlin, Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, David Wachter, E-Mail: david.wachter@fu-berlin.de