„Ich gebe euch den Zettel in die Hand. Heute. Hier.“
Die Dramatikerin und Regisseurin Sivan Ben Yishai ist erste René-Pollesch-Gastprofessorin am Institut für Theaterwissenschaft. Am 21. April hielt sie dort ihre Antrittsvorlesung
06.05.2026
Großer Andrang: Viele wollten Sivan Ben Yishais Antrittsvorlesung hören. Der Saal am Institut für Theaterwissenschaft bot nicht allen Platz, in Nachbarräumen lief der Livestream.
Bildquelle: Michael Fahrig
Der Abend wurde – wie erwartet – hochpolitisch und zeigte eindrucksvoll das dramaturgische Talent Sivan Ben Yishais. Mit der Gastprofessur würdigt die Freie Universität Berlin den 2024 verstorbenen Regisseur René Pollesch, einen der prägendsten Theatermacher der Gegenwart.
Sivan Ben Yishai während der Begrüßung. Sie saß an der Tür, um keinen Publikumsplatz zu besetzen.
Bildquelle: Michael Fahrig
Bevor die Veranstaltung beginnen kann, gibt es ein Problem. Zwar ist der Hörsaal am Institut für Theaterwissenschaft eng mit schwarzen Freischwingern bestuhlt. Doch die sind kurz vor 18 Uhr bereits besetzt, und obwohl alle zusammenrücken, und die Organisator*innen zusätzliche Stühle in den Gang stellen, reicht der Platz nicht aus: Knapp 200 Menschen wollen an diesem Dienstagabend die öffentliche Antrittsvorlesung der mehrfach ausgezeichneten Dramatikerin und Regisseurin Sivan Ben Yishai hören.
Da ist es ein Glück, dass ohnehin ein Livestream läuft, um auch Freunde und Verwandte Sivan Ben Yishais an der Vorlesung teilhaben zu lassen, die nicht in Berlin sein konnten. Die Veranstaltung wird deshalb kurzerhand in zwei Seminarräume des Instituts übertragen, und während im vollen Hörsaal noch einmal die Fenster geöffnet werden, finden in den Seminarräumen auch die Letzten einen Platz.
Jan Lazardzig, Professor für Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender der Jury, die Sivan Ben Yishai für die erste Professur ausgewählt hat.
Bildquelle: Michael Fahrig
Durch den Abend führt Jan Lazardzig, Professor für Theaterwissenschaft und Juryvorsitzender. „René Pollesch hat das Theater nachhaltig geprägt“, sagt Jan Lazardzig. Da sei es nur folgerichtig, dass die erste Inhaberin der Gastprofessur eine Künstlerin sei, „die in vergleichbarer Weise unsere Gegenwart befragt“.
Er dankt an dieser Stelle seinen Jury-Kolleg*innen: der Dramaturgin Anna Heesen, der Theaterwissenschaftlerin und Kuratorin Joy Kristin Kalu, dem Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger sowie der Autorin Esther Slevogt.
Prof. Dr. Michael Gamper, Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, zu dem das Institut für Theaterwissenschaft gehört.
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In der ersten Reihe sitzen Michael Gamper, der Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, sowie Verena Blechinger-Talcott, Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin. Sie hebt in ihrer Begrüßung hervor, wie es Sivan Ben Yishai gelinge, „persönliche Erfahrung, politische Gegenwart und ästhetische Reflexion zu einer eigenständigen, oft herausfordernden Form des Schreibens“ zu verbinden – was auch an diesem Abend deutlich werden wird.
Prof. Dr. Verena Blechinger-Talcott, Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, bei ihrer Begrüßung.
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„Der Zufall, das Nicht-Planbare, wird dabei nicht als Störung, sondern als produktives Prinzip begreifbar“, sagt Blechinger-Talcott. „Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Gewissheiten brüchig werden, leisten solche künstlerischen Perspektiven einen unverzichtbaren Beitrag. Sie eröffnen Räume für Reflexion, für Irritation und für neue Formen des Denkens.“
Agnes Neuhaus-Theil, Gründerin der „Willms Neuhaus Stiftung – Zufall und Gestaltung“, die die Gastprofessur ermöglicht und mitfinanziert hat.
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Auf der anderen Seite des Gangs sitzt Agnes Neuhaus-Theil, die Gründerin der „Willms Neuhaus Stiftung – Zufall und Gestaltung“, die die Gastprofessur ermöglicht und mitfinanziert hat, mit dem Ziel, den Austausch zwischen Wissenschaft und künstlerischer Praxis zu stärken, einen neuen Ort für öffentliche Debatten über ästhetische Formen, Produktionsweisen und gesellschaftliche Gegenwart des Theaters zu schaffen.
Im Zufall, den ihre Stiftung im Namen trägt, stecke „eine große schöpferische Potenz“, sagt Stifterin Agnes Neuhaus-Theil in ihrem Grußwort. Der Reiz des Zufalls liege für sie darin, ihn als Schicksal und Glücksfall gleichermaßen betrachten zu können. „Ich habe Künstler immer schon als Komplizen verstanden“, sagt Neuhaus-Theil. Kunstschaffende hätten „Erfahrung mit Irrationalität“, sie ließen sich auf „nicht absehbare Prozesse“ ein. Umso mehr freue sie sich, sagt Agnes Neuhaus-Theil, nun mit der Verbindung von Theater und Zufall ein neues Kapitel aufzuschlagen, dem sich die Gastprofessur widmen werde.
Dann tritt Sivan Ben Yishai unter Applaus und Jubelrufen auf die Bühne – denn ja, als sie die ersten Sätze ihrer Antrittsvorlesung spricht, wird das Podest des Hörsaals zur Bühne, die Zuhörenden werden zum Publikum. Ihr Skript folgt einer Dramaturgie, natürlich. Es wird politisch werden, witzig und kurzweilig. Es wird Emotionen wecken, fesseln, tief berühren.
Doch der Reihe nach. Zunächst erklärt sie nämlich, halb auf Englisch, halb auf Deutsch, dass ihre Antrittsvorlesung an diesem 21. April auf jenen Tag falle, an dem in Israel der gefallenen Soldaten gedacht wird. Jener Tag, auf den in Israel der Unabhängigkeitstag folgt. Erst Trauer, dann Freude. Erst Blutvergießen, dann Souveränität.
„Dieser Übergang wird stattfinden, während ich hier zu euch spreche“, sagt Sivan Ben Yishai.
Dass die Tage mit ihrer Vorlesung zusammenfielen, habe sie zum Nachdenken gebracht. Über Orte, Zeit und Zufälle: Dass der Tag in ihrem Kalender frei gewesen sei bei der Terminfindung, sei durchaus ein Zufall gewesen. Jene Tage aufeinander folgen zu lassen, diesen „Übergang“ zu erzeugen, sei aber keinesfalls Zufall, sagt sie, sondern es sei eine politische Entscheidung gewesen. „Im Theater wäre das Dramaturgie.“ Und deshalb, sagt sie, passe es auch gut, an ebenjenem Tag ihre Vorlesung zu halten.
„Warum?“, fragt sie dann, erzähle sie hier von Soldaten, von Krieg? „Was habe ich noch mit Israel zu tun? Was hat euer oder unser Diskurs mit meiner Beziehung zu diesem Ort zu tun?“ Und schon ist sie mittendrin, denn mit ihren Master-Studierenden wird sie in den kommenden Monaten über die Analyse von szenischen Räumen sprechen, ihren Restriktionen, den Wegen, wie man sich Räumen oder Orten durch Schreiben annähern kann.
Genau das habe sie getan, als sie nach Berlin kam, sagt Sivan Ben Yishai. Berlin sei ihre Heimat geworden, der Ort an dem sie zu schreiben begonnen habe. Und während Autor*innen von überall schreiben könnten, schrieben sie doch immer innerhalb einer Gesellschaft.
„Meine Texte wurden ortsspezifisch. Manche Texte funktionieren nur hier.“
Indem Berlin ihr Zuhause geworden sei, sei Israel/Palästina, ihr Herkunftsland, und all das, was sie dort zurückgelassen habe, für sie „weniger bedrohlich“ geworden. Schließlich habe sie sogar die zunächst in ihrem Smartphone gelöschten israelischen Feiertage wieder aktiviert – wodurch sie bei der Terminfindung für die Antrittsvorlesung überhaupt erst auf die besonderen Daten aufmerksam geworden sei, so weit sei Israel mittlerweile weg.
„Die Orte sind beide da, sie lassen sich aber zunehmend schlechter synchronisieren“, wird sie später sagen. Den Bogen dorthin schlägt Sivan Ben Yishai mit einer persönlichen Anekdote: Im September 2024, elf Monate nach dem Überfall der Hamas auf Israel und den dadurch ausgelösten Krieg, sei sie von Außenministerin Annalena Baerbock zu einem Forum ins Auswärtige Amt eingeladen worden, gemeinsam mit anderen linken Intellektuellen.
Sie habe diese Mail als „Einladung ins Theater“ gelesen, sagt Sivan Ben Yishai, weshalb sie sich entschieden habe, nicht teilzunehmen: „Was in bis dahin elf Monaten des Horrors gesagt oder getan wurde, hat nichts geändert. Die Worte, die dort in diesem Raum, bei diesem Treffen gesprochen werden, würden genauso wenig verändern.“ Sie wäre dort nicht mehr gewesen als eine „Statistin in einem gut geschriebenen, hermetischen Raum, in einem Bühnenbild“.
Die Außenministerin habe mit der Einladung „nur gewinnen“ können, indem sie die „Realität und gleichzeitig das Gegenteil, eine Performance“ erschaffen hätte: „Blutige Politik und Selfies mit den Linken“ – diese Gleichzeitigkeit meine sie, sagt Sivan Ben Yishai. Beides existiert, aber es passt nicht mehr zusammen.
Statt also der Einladung zu folgen, habe sie sich mit Freunden, einer Schriftstellerin und einem in Ost-Jerusalem tätigen Aktivisten getroffen, und gemeinsam hätten sie sich ausgemalt, wie das Treffen in Berlin hätte ablaufen können. Sie beginnt nun jeden Satz mit „Let’s say…“ – „Mal angenommen, dass…“. Sie holt das Auditorium damit hinein in dieses Gedankenspiel. „Eine Idee war, ihr zuzuflüstern, was sie schon weiß“, zu sehen, wie sie zusammenzucke. „She knows“, sagt Sivan Ben Yishai: „Sie weiß es.“
Es – sie meint damit all das, was seit dem 7. Oktober 2023 in Israel und Palästina geschehen ist. Zuletzt habe der Aktivist eine Idee gehabt: Die Dramatikerin könnte der Ministerin einen Zettel zustecken. Darauf: Name und Adresse eines Palästinensers in Ost-Jerusalem, der täglich einen Räumungsbefehl fürchten müsse.
„Die Gleichzeitigkeit wird immer schwerer zu synchronisieren“, sagt sie erneut: „Räumungsbefehl dort und Vorlesung hier.“
Der Aktivist biete mit seiner Idee einen „künstlerisch-literarischen Vorgang“ an, der ein „politischer Akt“ sei, „jenseits von Diskurs-Akrobatik“. Ein Name auf einem Zettel sei eine „kleine Geschichte, eine scheinbar kleine Geschichte“, doch aus diesen kleinen Geschichten setze sich „ein Bild der letzten drei Jahre“ zusammen. Dann ihr Schlusssatz: „Ich habe der Ministerin nicht den Zettel in die Hand gegeben. Aber ich gebe ihn euch in die Hand. Heute. Hier.“
Der anhaltende Applaus erinnert an einen Premierenabend. Eine halbe Stunde lang wird Sivan Ben Yishai anschließend Hände schütteln, für Selfies posieren und zwischendurch immer wieder ihren Lebensgefährten umarmen. Dann bahnt sie sich einen Weg durch die Menge und steht wenig später rauchend auf den Stufen vor dem Institutsgebäude. Sie freue sich sehr auf ihre Studierenden, sagt sie. Die Antrittsvorlesung sei vorbei. Aber eigentlich gehe es nun ja erst richtig los.







