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Unerhörte Fundstücke

Studierende des Peter Szondi-Instituts haben im Seminar „Der Dahlemer Diwan: Im Archiv der AVL-Radiogeschichte“ zufällig entdeckte alte Sendungen untersucht

26.02.2026

Auf Exkursion in der Akademie der Künste am Pariser Platz: das Seminar Dahlemer Diwan.

Auf Exkursion in der Akademie der Künste am Pariser Platz: das Seminar Dahlemer Diwan.
Bildquelle: Elena Philipp

Gute 20 Jahre lagen Dutzende CDs, MiniDiscs und DAT-Kassetten unbemerkt in einem Büroschrank im Peter Szondi-Institut – um dann im vergangenen Sommer infolge eines Einbruchs entdeckt zu werden. Schnell war Irene Albers, Professorin am Institut, klar, dass sie auf einen wahren Schatz gestoßen war: Die Tonträger enthalten etliche Sendungen und Beiträge des „Dahlemer Diwan“, des seit 1996 von Studierenden der Freien Universität produzierten Literaturmagazins.

Worum geht es im Seminar „Der Dahlemer Diwan“?
Seit 30 Jahren produzieren Studierende des Peter-Szondi-Instituts in einem Radioseminar Beiträge für das Literaturmagazin „Dahlemer Diwan“. Im vergangenen Sommer wurden 20 Jahre alte Aufzeichnungen der Sendung gefunden. Bevor der Zufallsfund ins Universitätsarchiv weiterzieht, wird er in einem Seminar aufgearbeitet – mit überraschenden Erkenntnissen.

Warum ist das wichtig?
Es sind die einzigen erhaltenen Aufzeichnungen der 30-jährigen Sendungsgeschichte, die der Universität vorliegen. Sie haben nicht nur archivarischen Wert, sondern eignen sich auch für weitergehende Forschungen, etwa zur Rolle von Frauen im Hörfunk, zur Berliner Kultur- und Literaturszene der 2000er-Jahre oder zur technischen Weiterentwicklung in der Radioproduktion.

Für wen ist das interessant?
Für alle, die Interesse an universitärer Archivarbeit, Radiogeschichte oder einem kreativen Umgang mit Literatur im weitesten Sinne haben.
Die Radiosendung Dahlemer Diwan hatte der 2009 verstorbene Komparatistikprofessor Gert Mattenklott initiiert: zu Ausbildungszwecken. Eingeübt werden sollte so auch, Wissenschaft klar zu kommunizieren.

Die Radiosendung Dahlemer Diwan hatte der 2009 verstorbene Komparatistikprofessor Gert Mattenklott initiiert: zu Ausbildungszwecken. Eingeübt werden sollte so auch, Wissenschaft klar zu kommunizieren.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Die Aufzeichnungen aus den Jahren 2002 bis 2008 sind auch deshalb ein so wertvolles Fundstück, weil sie die einzigen erhaltenen Aufnahmen aus der Anfangszeit einer 30-jährigenSendungsgeschichte sind. Blieb nur die Frage: Was soll mit den Tonträgern geschehen? Wie nähert man sich, was macht man aus 20 Jahre alten Gedanken zur Berliner Literaturszene?

Im vergangenen Wintersemester widmeten sich 14 Studierende in einem Seminar den seltenen Aufzeichnungen. „Wir begreifen uns als Pionier-Gruppe, die einen Weg anlegt und Brücken baut für die weitere Forschung und Arbeit an den Aufnahmen“, sagt Dozentin Elena Philipp. Die Kulturjournalistin hat selbst an der Freien Universität Berlin Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft unter anderem bei Irene Albers studiert und erforscht nun in ihrem Seminar „Der Dahlemer Diwan: Im Archiv der AVL-Radiogeschichte“ die Vergangenheit der Literatursendung.

Das Material liegt auf Kassetten ...

Das Material liegt auf Kassetten ...
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

... und CD und MiniDiscs.

... und CD und MiniDiscs.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Die Studierenden haben das Material sortiert und digitalisiert, sie hörten sich jeden erhaltenen Beitrag an und überarbeiteten die Transkripte. Eine Herausforderung, weil die Sendungen nicht nur Wortbeiträge wie Features und Interviews, sondern auch experimentellere Formate wie Klang-Collagen enthalten.

Genau hier beginne es, richtig spannend zu werden, sagt Elena Philipp: „Wir erfahren, wie sich die Hörgewohnheiten über die Jahre geändert haben, welche gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Themen Relevanz hatten, welche technischen Möglichkeiten es gab.“ So seien die ersten Sendungen noch auf Magnettonbändern aufgezeichnet worden, später arbeiteten die Studierenden dann mit Schnittprogrammen an PCs.

Inhaltlich sei Feminismus ein Thema, das sich aus heutiger Sicht besonders für weitergehende Forschung eigne: „Wie viele weibliche Stimmen hörte man im Radio? Welche Rolle spielten Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung?“ Gendern oder Trigger-Warnungen seien vor 20 Jahren etwa noch kein Thema gewesen. In den Radiobeiträgen selbst seien Frauenstimmen zwar gleichberechtigt vertreten, sagt Elena Philipp, aber in einem 2015 veröffentlichten Text über die Sendungs-Gründung fehlten die Namen der beiden Frauen, die von Anfang an dabei waren.

Das erinnerte die Seminar-Teilnehmer*innen an ein Gruppenfoto in der Archiv-Ausstellung „Out of the Box“ der Akademie der Künste: In einem Zeitungsbericht war die einzige Frau aus dem Foto herausgeschnitten worden – obwohl sie die Architektin war, über deren Bauwerk der Artikel berichtete.

Gäste im Seminar

Und noch etwas sei beim Anhören deutlich geworden: Der Dahlemer Diwan war und ist bis heute ein Ort für Kreativität und Freigeist. Es gab schon Sendungen zu schwarzem Humor, zum Schimpfen oder dem „Sound of Sex“. Und immer wieder ist Berlin Thema, mit Besuchen literarischer Orte, Stadtführungen oder Zitaten aus Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ – und sehr oft mit dem Signalton der U-Bahn.

Um mehr über die Geschichte des Dahlemer Diwans zu erfahren, hat Elena Philipp Gäste ins Seminar eingeladen, darunter die ehemalige Radiojournalistin Claudia Henne, den Autor und Übersetzer Hannes Becker und den damaligen Mitgründer des Dahlemer Diwan und späteren Radioseminar-Leiter Florian Cramer, heute Professor für Künstlerische Forschung und neue Formen der Kulturproduktion in Rotterdam. Von ihm erfuhren die Studierenden, dass die Sendung schon zu Gründungszeiten nie in festen Rubriken gedacht wurde, sondern jede einstündige Sendung sich einem im weitesten Sinne literarischen Thema gewidmet und sich diesem kritisch, kreativ und bisweilen gesellschaftspolitisch genähert hat. Das ist bis heute so.

Wie arbeiten Archive?

Weil ein Semester nur der Anfang sein kann, um sich mit dem reichen Material auseinanderzusetzen – und weil es die einzigen erhaltenen Aufnahmen sind –, werden die Sendungsmitschnitte nun an das Universitätsarchiv gegeben. Elena Philipp nahm ihr Seminar deshalb auch zum Anlass, den Studierenden die Archivarbeit näherzubringen: „Wie funktionieren Archive, und welchen Wert haben sie für unseren Blick auf gesellschaftliche Prozesse – auch darüber haben wir gesprochen“, sagt Philipp.

Auf Exkursionen ging es ins Universitätsarchiv, das Deutsche Rundfunkarchiv in Potsdam sowie ins Archiv der Akademie der Künste – durchaus ungewöhnlich für ein Seminar der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft. Doch die Studierenden begeistert so viel Praxiserfahrung: „In Archiven bekommt man ein Gefühl dafür, wer die Menschen hinter den Geschichten waren“, sagt Rebecca Abts.

Fragile Informationen

Charlotte Hewelt sagt: „Ich hatte vorher keinen Zugang zu Archiven und wäre vermutlich allein nicht hingegangen. Jetzt habe ich Respekt vor der Archivarbeit.“ Antonia Gauß geht es ähnlich: „Mir ist klar geworden, wie fragil Informationen sind. Und welche Entscheidungen getroffen werden müssen: Was wird archiviert – und was nicht? Was nicht archiviert wird, geht dann für immer verloren.“ Ihr Kommilitone Frédéric Hillmann ergänzt: „Es ist erstaunlich, wie viel Spannendes man findet, obwohl man gar nicht danach gesucht hat – oder was man gar nicht zu finden gehofft hat.“

Zum Abschluss des Seminars werden die Studierenden mit Niklas von Mauschwitz, einem ehemaligen Tutor des Radioseminars, selbst Beiträge für den Dahlemer Diwan produzieren, die irgendwann ebenfalls ins Universitätsarchiv ziehen. Damit sie Teil der Geschichte werden, die bleibt, und für Suchende zu finden sind – jederzeit, und nicht erst zufällig in 20 Jahren.

Weitere Informationen

Die Radiosendung Dahlemer Diwan wird von Studierenden der Freien Universität Berlin erstellt, die dafür am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft im Laufe eines Semesters eigene Beiträge erstellen und die Sendungen selbst moderieren.

Im Februar 2026 feiert der Dahlener Diwan sein 30-jähriges Bestehen: Seit 1996 wird die Sendung monatlich (zwischenzeitlich sogar alle zwei Wochen) im Berliner Rundfunkprogramm ausgestrahlt. Initiiert wurde der Dahlemer Diwan vom 2009 verstorbenen Komparatistikprofessor Gert Mattenklott, dem vor allem der Ausbildungsaspekt am Herzen lag und der immer wieder betonte, wie wichtig es für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sei, ihren Forschungsgegenstand in verständliche Worte fassen zu können.

Bis 2005 wurde über das uniRadio auf der Frequenz von StarFM gesendet. Dann ging das uniRadio in den Offenen Kanal Berlin über, dessen Frequenz seit 2009 ALEX Berlin, die Kreativplattform der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb), innehat.