Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: „Mich hat die erfreulich hohe Wahlbeteiligung überrascht“
Influencer aus den Bereichen Lifestyle, dem politischen Vorfeld und der Politik verstärken einander: Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Christian von Sikorski
07.09.2026
Christian von Sikorski ist Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin, er leitet dort die Arbeitsstelle Medienwirkungsforschung und das Berlin Media Effects Lab. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf Medienwirkungsforschung und politischer Kommunikation, vor allem Effekte digitaler Medien. Er beschäftigt sich mit politischer Polarisierung, der Wirkung und dem Umgang mit Fehl- und Desinformationen, der Rolle und Wirkung „neuer Kommunikator*innen” auf digitalen Medienkanälen, zum Beispiel (politische) Influencer sowie der Wirkung von politischer Skandalberichterstattung.
Herr Professor von Sikorski, was hat Sie am Wahlergebnis am meisten überrascht?
Mich hat die erfreulich hohe Wahlbeteiligung überrascht. Ich hatte nicht erwartet, dass eine so große Gruppe ehemaliger Nichtwähler*innen so stark mobilisiert werden kann.
Das Wahlergebnis hatte sich vorab grundsätzlich ja schon in dieser Form abgezeichnet. Dass die AfD aber so stark abschneidet und die CDU so stark einbricht, hat mich ebenfalls überrascht. Erstaunlich ist zudem, dass die AfD bei den ganz jungen Wähler*innen, den 18-24-Jährigen, so stark abgeschnitten hat. Dies kann sicherlich auch mit der erfolgreichen Ansprache junger Menschen auf sozialen Medien erklärt werden. Auf TikTok und anderen Plattformen waren Influencer, Vorfeld-Akteure und politische Kandidat*innen der Partei sehr präsent.
Hat der digitale Wahlkampf mit Sachsen-Anhalt nochmal eine neue Qualität erreicht? Überspitzt gefragt: Haben Social-Media-Posts und politische Influencer die AfD erst groß gemacht?
Der Erfolg der AfD hat unterschiedliche Gründe. Die strategische Nutzung sozialer Medien durch die Partei und das politische Vorfeld ist jedoch ein wichtiger Faktor. Unterschiedliche Influencer-Typen ergänzen sich dabei: Lifestyle-Influencer thematisieren nicht-politische Themen und laden Inhalte nebenbei geschickt politisch auf. Visuell wird oft auf ästhetische Darstellungen gesetzt, Inhalte werden mit Musik unterlegt, teils mit (vermeintlich) witzigen Elementen. Das Themeninteresse, aber auch die Akzeptanz für bestimmte politische Positionen kann hierdurch erhöht werden. Andere Vorfeld-Influencer verbreiten ideologische Inhalte, Desinformationen, um politisch zu polarisieren und Bedrohungswahrnehmungen zu aktivieren.
Welchen Anteil haben Fehlinformationen und gesteuerte Desinformationskampagnen am Wahlergebnis?
Politische Akteure der AfD setzen in ihrer politischen Kommunikation systematisch Fehlinformationen ein. International ist dies ein typisches Vorgehen von populistischen, rechtsextremen Politiker*innen. Fehlinformationen kursieren nicht nur auf sozialen Medien, sondern auch in klassischen Medien, wie zuletzt im ARD-Sommerinterview zur besten Sendezeit: Der AfD-Bundessprecher erkannte den Klimawandel zwar an, behauptete jedoch, der menschgemachte Klimawandel sei sehr gering – das ist wissenschaftlich unhaltbar und eine Fehlinformation. Diese wurde im Verlauf des Interviews genutzt, um Regierungsmaßnahmen zu diskreditieren und zu unterstellen, dass Bürger*innen dadurch das Geld aus der Tasche gezogen werde. So etwas kann Wahlentscheidungen vor einer Wahl beeinflussen.
Nach der Wahl ist vor der Wahl: Wie unterscheidet sich aus Ihrer wissenschaftlichen Sicht Sachsen-Anhalt von Berlin und Mecklenburg-Vorpommern?
Die Ausgangslage in Berlin ist eine andere. Die AfD spielt im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern eine weniger zentrale Rolle. In Berlin liegen je nach Umfrage drei oder sogar vier Parteien relativ dicht beieinander, der Wahlausgang bleibt spannend. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie volatil die Lage ist.
In der letzten Phase vor der Wahl kann es noch wichtige, koalitionsrelevante Bewegungen geben, etwa durch kommunikative Fehltritte und Skandalisierungen. Letztere treten oftmals in der heißen Wahlkampfphase auf und können betroffene Kandidat*innen beschädigen und Konkurrent*innen beflügeln. Ob am Ende die linken Parteien (Linke, Grüne, SPD) oder CDU, Grüne und SPD in einer „Kenia-Koalition“ koalieren, oder ob es ganz anders kommt, wird sich zeigen.
Die Fragen stellte Christine Boldt

