Wie schützen wir Wildtiere vor Rattengift?
Welche Tiere sind besonders gefährdet? Was hilft wirklich gegen Ratten? Aus der Serie: Was sagt die Wissenschaft?
26.10.2026
Wildtiere fressen direkt am Rattenköder oder nehmen das Gift über die Nahrungskette auf. Der beste Schutz gegen Rattenbefall: herumliegenden Müll vermeiden.
Bildquelle: erstellt mit KI
Rattengift gelangt über Ratten oder andere Kleinsäuger, die an den Ködern gefressen haben, in die Nahrungskette und baut sich nur langsam wieder ab. Besonders Gewässerorganismen leiden, weil das Gift über die Kanalisation in ihre Nahrungskette dringt. Raubtiere wie Kormorane und Fischotter nehmen es auf, wenn sie wiederholt vergiftete Beutetiere fressen, und reichern es in ihren Körpern an. Auch Füchse, Marder, Greifvögel oder Eulen fressen vergiftete Ratten und verbluten innerlich aufgrund von Sekundärvergiftungen. Bei rund 60 Prozent der untersuchten Füchse in Deutschland fanden Forschende Rodentizide, bei Berliner Mäusebussarden ist Rattengift inzwischen die häufigste menschengemachte Todesursache.
Andere Wildtiere fressen direkt am Köder: Bei Igeln, Mäusen, Siebenschläfern und Eichhörnchen ist das dokumentiert. Besonders gefährdet sind Spatzen, weil sie in Gruppen nach Nahrung suchen und so klein sind, dass sie in mit Getreide gefüllte Rattengiftfallen gelangen. Die vorgeschriebene grellpinke oder türkise Färbung der Giftkörner warnt nur uns Menschen vor der tödlichen Gefahr.
Spatzenkolonien verschwinden
Vor allem aus den Bezirken Mitte und Lichtenberg konnten wir im Rahmen einer Recherche für das FUturist-Projekt „Rattengiftfreie Universität“ Beobachtungen von Spatzenkolonien sammeln, die verschwunden waren, nachdem eine Rattenbekämpfung stattfand und Spatzengruppen an vergifteten Ködern beobachtet wurden.
Typischerweise wird Rattengift an Müllcontainern in Wohnanlagen ausgebracht, häufig sogar vorsorglich, auch wenn dort noch gar kein Rattenbefall nachgewiesen wurde. In den Büschen rund um diese Container halten sich Spatzen aber besonders gern auf. Selbst bei als sicher geltenden Boxen haben wir dokumentiert, dass Körner aus Getreideködern durch Wühlen, Verschleppen oder Regen nach außen gelangt sind.
Eine „befallsunabhängige Dauerbeköderung“, also das vorsorgliche Ausbringen von Rattengift, ist seit dem 1. Juli 2026 bundesweit verboten. Diese Gesetzesänderung war überfällig: Denn wissenschaftliche Hinweise mehren sich, dass der regelmäßige Einsatz von Rattengift langfristig kaum wirkt. Stattdessen entwickeln Rattenpopulationen zunehmend Resistenzen gegen die Wirkstoffe. Einige Firmen setzen zwar auf giftfreie Alternativen wie digitale Schlagfallensysteme, betonen aber, dass eine giftfreie Bekämpfung nicht überall möglich ist. Die bisher einzige wirksame Methode gegen Ratten: ihre Nahrungsquellen durch ein wirksames Müllmanagement zu beseitigen.
Herumliegenden Müll vermeiden
Aus eigener Erfahrung und Gesprächen mit Verantwortlichen wissen wir, wie schwer diese Aufgabe oft fällt. Mit dem FUturist-Projekt klären wir deshalb über die Umweltfolgen von Rattengiftködern auf und appellieren an Bewohner*innen, Hausverwaltungen, Ordnungs- und Gesundheitsämter gleichermaßen, Verantwortung zu übernehmen, herumliegenden Müll zu vermeiden, Ratten dadurch wirksam zu bekämpfen und Wildtiere zu schützen.
Die Freie Universität Berlin wird ab Januar 2027 rattengiftfrei. Wie gut das klappt, werden wir genau beobachten. Doch die Mühe lohnt sich, um Umwelt und Wildtiere zu schützen.
Dr. Sophie Lokatis ist Gastwissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Jonathan Jeschke am Institut für Biologie der Freien Universität Berlin und am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei.
Am Berlin Museum, einem Zusammenschluss von Ausstellungsorten an neun Standorten in der Stadt, arbeitet die Biologin als Kuratorin für Stadtökologie. In ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität war sie 2019 Gründerin der Initiative „Blühender Campus“.
In einem großen Team mit Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen und Einrichtungen setzt sich Sophie Lokatis im Rahmen des FUturist-Projekts „Rattengiftfreie Universität“ dafür ein, die systematische Vergiftung der Umwelt mit Rattengift zu beenden.
Weitere Informationen
Was sagt die Wissenschaft? In dieser Reihe antworten Forschende der Freien Universität Berlin auf Fragen unserer Zeit. Alle bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier.


