Mit dem Aufnahmegerät durch den Turabdin
Studierende haben in der türkisch-syrischen Grenzregion aramäische und arabische Dialekte aufgezeichnet, die vom Aussterben bedroht sind
16.10.2026
Der Kalligraph im Bild arbeitet auf Syrisch-Aramäisch, der Liturgiesprache der syrischen Kirchen.
Bildquelle: Maciej Klimiuk
Im Turabdin, einem Kalksteingebirge im Südosten der Türkei, siedeln seit jeher syrisch-aramäische Christen. Bereits in der Spätantike war die Region für ihre zahlreichen Klöster bekannt. Es ist das Heimatland des Turoyo, einer neuaramäischen Sprache, die dort heute noch gesprochen wird. „Die Freie Universität ist weltweit eine der wichtigsten Einrichtungen für die Erforschung der Turoyo-Sprache“, sagt Maciej Klimiuk, Professor am Institut für Semitistik der Freien Universität. „Für uns ist daher auch der Kontakt in die Region äußerst wichtig.“
Maciej Klimiuk reiste in diesem Jahr mit Shabo Talay, Professor für Semitistik und Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kultwissenschaften der Freien Universität, und einer Gruppe von Studierenden in die Südosttürkei. Auf der zehntägigen Studienreise besuchten sie zahlreiche Dörfer, Klöster, Kirchen und Moscheen in der türkisch-syrischen Grenzregion und trafen auf Menschen, deren Sprache oft nur noch von einer Handvoll Menschen gesprochen wird. Von der Stadt Diyarbakır ging es nach Midyat und in die umliegenden Dörfer, schließlich Şanlıurfa, das antike Urhay/Edessa, wo das Christentum in seiner syrisch-aramäischen Prägung entstanden ist.
Mit auf der Reise waren Aleksandrs Grigorjevs und Lukas Aktaş. Beide studieren im englischsprachigen Masterstudiengang Semitic Studies. „Die Reise war für mich die erste Gelegenheit, semitischsprachige Kulturen vor Ort zu erleben“, sagt Aleksandrs Grigorjevs. „Wir konnten mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen, unsere eigenen Sprachkenntnisse ausprobieren und den Alltag intensiv kennenlernen, etwa beim Besuch von Winzern und Backstuben.“ Sein Kommilitone Lukas Aktaş stammt selbst aus der türkischen Turabdin-Region. Das lokale Aramäisch ist seine Muttersprache. „Ich bin nach Berlin gekommen, um dort mehr über meine eigene Kultur und Sprache zu lernen“, sagt er. Auf der Reise trafen die Studierenden unter anderem auch seinen Großvater, einen Kalligraphen, der auf Syrisch-Aramäisch arbeitet, der Liturgiesprache der syrischen Kirchen. „Obwohl ich die Region natürlich sehr gut kenne, habe ich auf der Reise viel dazugelernt“, sagt Aktaş.
In den Dörfern, die die Studierendengruppe besucht hat, werden heute nicht nur aramäische, sondern auch arabische Dialekte gesprochen. Viele davon sind vom Aussterben bedroht. „Wir haben deswegen zahlreiche Interviews mit den Menschen vor Ort geführt und diese aufgezeichnet“, sagt Aleksandrs Grigorjevs. „So können wir aktiv dabei unterstützen, die Sprachen zu bewahren und wichtige Daten für eigene Forschungsprojekte sammeln.“ Neben den Dialektaufzeichnungen haben die Studierenden vor Ort alte syrisch-aramäische Handschriften und Inschriften in Kirchen und Klöstern fotografisch dokumentiert. Gemeinsam wollen sie diese nun auswerten.
Für Studierende des Masterstudiengangs Semitic Studies an der Freien Universität besteht seit einigen Jahren die Möglichkeiten, an solchen Studienreisen teilzunehmen, im vergangenen Jahr etwa nach Kairo. Dabei müssen die Studierenden lediglich für einen kleinen Teil der Kosten aufkommen, die meisten wurden mithilfe externer Fördergelder und Eigenmitteln des Instituts für Semitistik aufgebracht. „Es ist wichtig, dass junge Menschen, die diese Sprachen und Kulturen erforschen, auch vor Ort Erfahrungen sammeln können“, sagt Maciej Klimiuk. „Doch oft handelt es sich um Gegenden, die auf eigene Faust nicht immer leicht zu erreichen sind.“
Klimiuk, der seit zwei Jahrzehnten im universitären Betrieb tätig ist, beobachtet, dass immer weniger Studierende solche Reisen auf sich nehmen. „Für mich hat es den Anschein, dass die jungen Menschen heute manchmal etwas zaghaft sind“, sagt er. „Wir bieten diese Reisen auch an, damit sie Erfahrungen sammeln können und hoffentlich später alleine erneut in die Region fahren.“
Für Aleksandrs Grigorjevs steht fest, dass er wieder nach Turabdin möchte. „Ich plane schon die nächste Reise“, sagt er. „Ich möchte das nächste Mal gemeinsam mit Freunden aus Lettland fahren.“

