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„Wir lassen die jungen Menschen allein“

Religion kann demokratische Systeme stärken. Dafür braucht es religiöse „Infrastrukturen“ und Religious Literacy

16.10.2026

Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg vom Berliner House of One.

Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg vom Berliner House of One.
Bildquelle: Rene Arnold

Worum geht es?
Religious Literacy ist die Fähigkeit, ohne selbst unbedingt religiös zu sein, Religion, Religiosität und deren Verflechtungen mit sozialen, politischen und kulturellen Lebensbereichen zu verstehen und rational wie auch anerkennend zu beurteilen.

Frau Professorin Achour, Sie haben Lehramtsstudierende für das Fach Politik zu Beginn eines Seminars gefragt, wie sie zu Religion stehen. Was kam heraus?

Sabine Achour: Die Studierenden waren oft distanziert. Religion war für sie eher etwas Missionierendes, auch Rückständiges. Das ist insofern bedeutsam, weil zu den klassischen Prinzipien der Didaktik gehört, bei dem anzusetzen, was die Lernenden mitbringen. Die Studierenden adressieren in ihrer pädagogischen Arbeit selbstverständlich Queerness oder Rassismuserfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Aber gelebte Religiosität sehen viele mit Skepsis.

Wie sind Sie dieser Skepsis begegnet?

Achour: Unsere Frage war, inwiefern sich sogenannte Conceptual Changes, also die Weiterentwicklung oder Veränderung vorhandener Denk- und Erklärungsmuster, anstoßen lassen. Wir haben vor allem auf Begegnungen gesetzt: Wir waren mit einem Imam in der Moschee am Columbiadamm, haben die Synagoge am Fraenkelufer besucht und waren bei einem christlichen Träger politischer Bildungsarbeit. Die Personen haben aus ihrer eigenen Religiosität heraus erläutert, warum sie politische Bildung, demokratische Teilhabe und gesellschaftliche Vielfalt für wichtig halten und wie sie das auf ihre heiligen Schriften zurückführen.

Das war für viele ein Schlüsselerlebnis und hat eine mögliche bisherige kognitive Dissonanz aufgelöst, also einen Spannungszustand, bei dem Gedanken, Werte und Handlungen erst einmal nicht übereinstimmen. Eine unserer Praxispartnerinnen trägt ein Kopftuch und arbeitet in der religiösen wie in der politischen Bildung – das war für einige Studierende zunächst nicht erwartbar.

Hat das ihre Haltung verändert?

Achour: Die Perspektive auf die Funktion von Religion in einer pluralistischen Demokratie hat sich bei vielen verändert. Auch nichtreligiöse Studierende sahen Religion durchaus als möglichen Zugang zu Schülerinnen und Schülern und als Teil deren Identität, der anzuerkennen ist. Viele sagten am Ende, eigentlich müssten alle Lehramtsstudierenden ein solches Seminar belegen, um etwa einen besseren Einblick in die Lebenswelten muslimischer Kids in Berlin zu erhalten, aber genauso in die jüdischer Schülerinnen und Schüler, um begreifen zu können, was es heißt, wenn man die eigene Religion in dieser Stadt nur unter Polizeischutz ausüben kann.

Sabine Achour (l.) ist Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Saskia Schäfer (r.) ist Forschungsgruppenleiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Sabine Achour (l.) ist Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Saskia Schäfer (r.) ist Forschungsgruppenleiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Bildquelle: Fotostudio Charlottenburg, Studio Monbijou

Frau Schäfer, Sie haben lange in Südostasien geforscht. Wie haben Sie dort den Umgang mit Religion erlebt?

Saskia Schäfer: Ich habe zu Indonesien, Singapur und Malaysia gearbeitet und dort Feldforschung betrieben. Es sind plurale Gesellschaften, deren Institutionen multikulturell gedacht sind. Es gibt Feiertage für die jeweils großen Religionen, es wird in wichtigen Bereichen versucht, Gleichberechtigung herzustellen. In Indonesien waren religiöse Akteurinnen und Akteure beim Demokratisierungsprozess in den 1990er Jahren zentral. Das kontrastierte immer stark mit dem, was ich in Deutschland erlebt habe. Hier, und in Berlin besonders, herrscht große Skepsis gegenüber Religion, wenn es um Zusammenleben und Demokratie geht.

Die zentrale These Ihres Forschungsprojekts „Exploring and Activating the Democratic Potential of Religion in Times of Growing Antisemitism and Racism“ lautet, Religion berge demokratische Potenziale. Was spricht dafür?

Schäfer: Aus der vergleichenden Politikwissenschaft wissen wir, dass Religion sich in jede Richtung nutzen lässt. Es gibt emanzipatorische religiöse Kräfte – Indonesien ist da ein wichtiges Beispiel, phasenweise kann man auch die Kirchen in Deutschland dazuzählen. Gleichzeitig kann Religion antidemokratische Tendenzen verstärken wie beim religiösen Nationalismus in den USA, in Polen, Ungarn, Indien oder in der Türkei. Der öffentliche Diskurs in Deutschland richtet sich jedoch fast ausschließlich auf das Negativbeispiel. Über feministische Koraninterpretationen etwa spricht kaum jemand.

Achour: Gerade Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, aber auch angehende Lehrkräfte hängen insbesondere in Berlin häufig der Säkularisierungsthese an, also der Annahme, Religion sei ein Auslaufmodell, das mit fortschreitender Modernisierung von selbst verschwindet. Dabei ist diese These wissenschaftlich seit Jahrzehnten widerlegt. Gesellschaften sind religiös, und Religionen verändern sich, etwa durch Migrationsprozesse.

Das Problem ist, dass Religious Literacy – nicht nur – bezüglich der drei großen Religionen Islam, Christentum und Judentum schlicht fehlt. Dieses Wissen und diese Haltung benötigen wir aber für ein Zusammenleben nicht nur verschiedener Religionen, sondern auch nichtreligiöser und religiöser Menschen.

Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind auch deshalb so eingängig, weil sie über weitverbreitete Stereotype und Zuschreibungen verlaufen, die oft wenig mit der vielfältig gelebten Religiosität zu tun haben. Diese Stereotype und Zuschreibungen beziehen sich auf Frauenbilder, Machtverhältnisse, Gewaltzuschreibungen, Bildungsvorstellungen. So äußerte eine Lehrerin gegenüber einer unserer Praxispartnerinnen die Sorge, einige Lernende könnten sich radikalisieren. Als Begründung nannte sie, dass diese fünfmal am Tag beteten. Ein anderes Beispiel: Jüdische Schülerinnen und Schüler werden aufgrund ihres Jüdischseins für die Politik Israels verantwortlich gemacht, was schnell mit israelbezogenem Antisemitismus einhergehen kann.

Was bedeutet das für die Bildung?

Achour: Dass es Strukturen braucht, in denen religiöses Deutungswissen, aber gerade auch Religious Literacy überhaupt gefördert werden. Gerade Jugendliche haben viele Fragen – aber eben auch Vorurteile – zu Religion. Wenn es keine Angebote an den Orten gibt, an denen wir Jugendliche erreichen, suchen sie die Antworten woanders: bei christlich-fundamentalistischen Influencern, bei salafistischen Gruppen. Das ist unnötiges pädagogisches Strukturversagen. Wir lassen die jungen Menschen allein und überlassen die Deutungshoheit fundamentalistischen und antidemokratischen Akteuren.

Betrifft das strukturelle Versagen alle Religionen gleichermaßen?

Achour: Viele muslimische Gemeinden leisten Bildungsarbeit unter finanziell unsicheren Bedingungen. Ihre Gemeindearbeit wird überwiegend durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und ehrenamtliches Engagement getragen. Anders als die großen christlichen Kirchen verfügen sie meist nicht über vergleichbar etablierte Finanzierungs-und Bildungsstrukturen. Das eröffnet Möglichkeiten und eine Unabhängigkeit. Für eine umfassende nicht nur religiöse, sondern auch demokratieorientierte Bildungsarbeit braucht es verlässliche Förderstrukturen.

Nicht ohne Grund greift die AfD die Kirchen an: Sie öffnen Räume, in denen Menschen zusammenkommen, Räume für Demokratie und Bildung. Die Partei bekämpft die demokratische Zivilgesellschaft, und dazu zählen auch Kirchen und Gemeinden. Wir sollten auch muslimische Gemeinden staatlich und personell unterstützen, damit sie derartige Demokratie- und Bildungsräume anbieten können, und sie als Partner in der Demokratie einbeziehen.

Ihr Projekt läuft weitere drei Jahre. Was haben Sie noch vor?

Achour: Wir wollen weitere Daten erheben und auswerten, mit weiteren Lehramtsstudierenden und mit Schulklassen, Lehrkräften und Polizeischülerinnen und -schülern. Wenn man an den Schutz jüdischer Einrichtungen denkt oder an Demonstrationen nach dem 7. Oktober, ist es für Polizeikräfte oft schwierig, Situationen in religiösen Kontexten richtig „zu lesen“ und angemessen handeln zu können.

Schäfer: Wir untersuchen weiter, unter welchen Bedingungen Religious Literacy prodemokratisch wirken kann. Welche medialen Debatten laufen, welche Zuschreibungen gibt es, welche Nachrichtenlage haben die jungen Menschen gerade verarbeitet, bevor sie ins Klassenzimmer kommen? Wie betroffen sind sie oder Angehörige persönlich?

Wissen über Religion trifft auf einen Raum, der selbst von antisemitischen und antimuslimischen Vorurteilen und von Kriegen in Westasien geprägt ist. Diese Spannungen kann Wissen nicht vollständig auflösen, aber dabei helfen, das Zusammenleben konstruktiv miteinander zu gestalten. Dafür darf aber in einer Demokratie unter Druck nicht weiter im zivilgesellschaftlichen Bereich, in der antisemitismus- und rassismuskritischen Bildung gekürzt werden.