Keine Konzentration, da zu wenig Energie?
Der Neurobiologe Mohammad Dawood Rahimi betrachtet ADHS als Folge instabiler Energieversorgung des Gehirns
16.10.2026
ADHS hat unterschiedliche Ausprägungen. Welche Rolle spielen Energiedefizite?
Bildquelle: Picture Alliance / SvenSimon
Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit – die meisten Menschen denken bei dieser Auflistung wahrscheinlich an ADHS. Wie die Bezeichnung – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung – anklingen lässt, werden diesen Symptomen kognitive Defizite und Störungen zugeschrieben. Während die Anzahl der mit ADHS diagnostizierten Menschen steigt, sind sich Forschende über die zugrundeliegenden Mechanismen jedoch uneinig.
„Studien und Modelle können nicht ausreichend erklären, warum es solch unterschiedliche Ausprägungen von ADHS gibt. Warum Symptome auch einer einzelnen Person schwanken und von Hyperfokus bis zu Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, reichen, und vom jeweiligen Kontext abhängen können“, sagt der Neurobiologe Mohammad Dawood Rahimi. Er hat ein neues Erklärmodell entwickelt: „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ (EDHD), auf Deutsch Energiedefizit-Hyperaktivitätsstörung. Sein Ansatz rückt nicht die Aufmerksamkeit in den Fokus, sondern die Energieversorgung des Gehirns.
„Man mag meinen, das Gehirn könne jederzeit machen, was es wolle. Aber um zu funktionieren, braucht das Gehirn wahnsinnig viel Energie. Und diese benötigte Energie ist endlich“, erklärt Rahimi. Konzentration, beispielsweise, sei nicht allein an Disziplin und Willenskraft geknüpft, sondern auch daran, ob das Gehirn über ausreichend neuronale Energie verfügt, um die gestellten Anforderungen zu erfüllen.
„Mein Modell bietet einen anderen Betrachtungswinkel. Ich denke, wir sollten neurobiologische Prozesse wie den Glukosestoffwechsel und die Funktion der Mitochondrien genauer untersuchen. Möglicherweise werden bei Menschen mit ADHS-Symptomen bestimmte Hirnregionen, die zum Beispiel für die Planung, Aufmerksamkeit und Selbstregulation zuständig sind, zeitweise nicht ausreichend mit Energie versorgt“, sagt der Forscher.
Dieser Ansatz könne auch erklären, warum Menschen mit ADHS-Diagnose sich teilweise intensiv auf Aufgaben konzentrieren können und gleichzeitig oft als hyperaktiv beschrieben werden. Denn Impulsivität, Ruhelosigkeit oder schnelles Wechseln zwischen Aufgaben können kurzzeitig Energieressourcen stimulieren. Hyperaktivität könnte also ein Versuch der Betroffenen sein, eine instabile Energiezufuhr des Gehirns auszugleichen.
Mohammad D. Rahimi: „Möglicherweise werden bestimmte Hirnregionen nicht ausreichend mit Energie versorgt."
Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Um sein Modell zu überprüfen, hat Rahimi hypothetische Fälle entwickelt. Der fiktiven achtjährigen Schülerin Emma fällt es beispielsweise schwer, während langer Unterrichtsstunden aufmerksam zu sein. Sie zappelt oft herum und erledigt ihre Aufgaben unterschiedlich gut. Bei kurzen interaktiven Einheiten bringt sie sich ein, bei längeren verschlechtert sich ihre Beteiligung.
In konventionellen ADHS-Auslegungen würden Forschende ein Defizit in Emmas Arbeitsgedächtnis und in ihrer Fähigkeit hervorheben, Impulse zu kontrollieren und sich zu konzentrieren. Nach dem EDHD-Modell ist ihr Verhalten eine Kompensationsstrategie für fehlende Energie.
„Da Energie erschöpflich ist, brauchen Nervensysteme nach anhaltender Beanspruchung Erholungsphasen, um wieder effektiv einsatzbereit zu sein“, erläutert Rahimi. Fehle diese Erholung, könnten selbst einfache Aufgaben Betroffene überfordern. Deswegen interpretiert er in seinem Modell eine schwankende Energieversorgung des Gehirns als unzureichende Regeneration nach einem Energieverbrauch und nicht als krankhafte Defizite.
Dies habe konkrete Folgen für Betroffene und Gesellschaft. „Menschen mit ADHS-Symptomen werden oft als faul und verantwortungslos beschrieben. Eine ADHS-Diagnose geht für Betroffene immer noch mit Scham und Selbstvorwürfen einher“, sagt Rahimi.
Das zeigte sich an Reaktionen in den sozialen Medien: Influencerinnen und Influencer für Wissenschaftsthemen stellten sein Modell in Videos vor – diese wurden vielfach kommentiert. „Viele Menschen haben ein Gefühl der Erleichterung ausgedrückt. Erleichterung, dass ihre Schwierigkeiten teilweise mit Grenzen der Neurophysiologie zusammenhängen könnten, also mit ihren Energieressourcen. Erleichterung, dass es nicht nur um zugeschriebene individuelle Störungen gehen könnte“, sagt Rahimi.
Das Erklärmodell EDHD ist ein wissenschaftlicher Perspektivwechsel. Ein zusätzlicher theoretischer Ansatz, aber kein Diagnostik-Tool und keine klinische Beschreibung. ADHS-Merkmale nicht als Verhaltensproblem, sondern als Frage des Ressourcenmanagements zu betrachten, eröffnet neue Forschungsfelder. Wie lassen sich ADHS-Symptome neurobiologisch erklären? Welche Rolle spielen Schlaf, Erholung, Ernährung und Stoffwechsel neben der medikamentösen Behandlung? Diesen Fragen möchte Mohammad Dawood Rahimi auf den Grund gehen.
Geboren in Afghanistan, war Rahimi als Kind mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in den Iran geflüchtet. Dort studierte er Medizin und forschte an Kliniken. Zurzeit studiert er Cognitive Neuroscience an der Freien Universität Berlin. Mohammad Dawood Rahimi plant, hier im kommenden Jahr eine Promotion in Neurobiologie zu beginnen. Er hofft, die neurobiologischen Ursachen von ADHS genauer klären zu können – denn das Verstehen geht der Entstigmatisierung und Hilfe voraus.


