Gewappnet für den Notfall
Forschende im Zusammenschluss „RESILIA“ entwickeln Konzepte zum Schutz der Bevölkerung und der kritischen Infrastruktur in Notlagen
16.10.2026
Der Stromausfall betraf weite Teile des Berliner Südwestens, hier eine Unterführung im S-Bahnhof Wannsee.
Bildquelle: Picture Alliance / Michael Kappeler
Die Kaskade beginnt vor Sonnenaufgang. Als Unbekannte in den Morgenstunden des 3. Januar 2026 eine Kabelbrücke über den Teltowkanal im Berliner Ortsteil Lichterfelde in Brand setzen, lösen sie damit die größte Havarie der Nachkriegsgeschichte in der Stadt aus: Binnen Minuten sind 100.000 Bewohnerinnen und Bewohner in 45.000 Haushalten der erwachenden Stadt von der Stromversorgung abgeschnitten, die Folgen treffen auch mehr als 200 Arztpraxen, Pflegeheime und Krankenhäuser. Ohne Energie- und Fernwärmeversorgung bei Minusgraden finden sich zudem 15 Schulen und etwa 2200 Unternehmen wieder. Erst nach 104 Stunden ist die Versorgung wieder vollständig hergestellt.
Infrastruktur vernetzt sehen
Der Stromausfall Anfang 2026 war wie eine Blaupause für den neuen Forschungsverbund RESILIA, der erst zwei Tage zuvor seine Arbeit aufgenommen hatte. Seine Mitglieder entwickeln Bildungsansätze zur Stärkung der Resilienz von Bevölkerung und Schutzstrukturen in Notlagen. „Wir sind in Deutschland bei solchen Szenarien teilweise naiv“, sagt der Informatikprofessor Jochen Schiller von der Freien Universität Berlin, der in dem Forschungsverbund eine Arbeitsgruppe leitet. Sein Team untersucht beispielsweise, welche technischen Anforderungen robuste Informations- und Kommunikationswege in Krisen brauchen, damit auch Schwachstellen und menschliches Fehlverhalten sich wenig bis gar nicht auswirken.
„Infrastrukturen werden noch immer oft isoliert betrachtet, obwohl sie hochgradig vernetzt sind“, sagt der Forscher. Kritische Infrastruktur „hänge“ nämlich nicht nur am Strom, sondern beispielsweise auch an jener Informationstechnologie, über die Energienetze betrieben würden. „Niemand weiß genau, welche Software-Fehler oder Angriffe welche Folgen haben können, etwa einen großflächigen Ausfall der Bahn oder den Stillstand eines ganzen Flughafens“, sagt Jochen Schiller. „Wenn wir Schwachstellen nicht erforschen, sind wir ihnen schutzlos ausgesetzt.“
Wie also können die Behörden die Folgen eines Klima-Schadensfalls bewältigen, wie auf von Bots gesteuerte Desinformationskampagnen reagieren, wie bei Bränden großen Ausmaßes? Not- und Gefahrenlagen gab es hierzulande schon immer, aber manche Situationen sind in der Wahrnehmung zuletzt häufiger aufgetreten, etwa der glimpflich ausgegangene Angriff von Drohnen mit Sprengstoff in der Nacht vom 4. auf den 5. August auf den Flughafen Leipzig/Halle, der Fund von Sprengvorrichtungen an Kraftwerken in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen oder die Erpressung der Berliner Verwaltung nach dem Cyberangriff und dem Diebstahl hochsensibler Daten auch der kritischen Infrastruktur Ende August. Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres verzeichnete das Bundeskriminalamt deutschlandweit mehr als 160 Verdachtsfälle der Sabotage.
Großer Forschungsverbund
Das Konsortium RESILIA deckt thematisch ein großes Feld ab: Geforscht wird zu Krisen und Katastrophen, zu Künstlicher Intelligenz, zu Kommunikationssystemen, zu Bildung und Didaktikkonzepten sowie zu Psychologie und Sicherheit. Die etwa 40 Mitglieder gehören der Freien Universität an sowie der Akademie der Katastrophenforschungsstelle, einem Lehrstuhl und einer Arbeitsgruppe der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und der Berliner Feuerwehr. RESILIA kooperiert mit vielen weiteren Institutionen und wird vom Bundesforschungsministerium über vier Jahre mit rund 16 Millionen Euro gefördert.
Der faltbare, geländegängige Roboter MULI kann Verletzte oder Gegenstände bis 100 Kilogramm transportieren.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen drei eng kooperierende sogenannte Resilienzlabore: ein stationäres am Berliner Ostbahnhof, ein mobiles für den Einsatz in Städten und Gemeinden und eines für den virtuellen Raum. „Wir wollen die Risikomündigkeit fördern, also die Fähigkeit, sich selbst ein Bild von Risiken und Gefahren zu machen, um dann selbst abwägen zu können, wie man sich dazu verhalten sollte“, sagt Martin Voss, Gründer der Akademie der Katastrophenforschungsstelle (AKFS) und Leiter der Krisen- und Katastrophenforschungsstelle (KFS) an der Freien Universität. Ziel sei es, dass alle potenziell Betroffenen bewerten können, was sie gefährdet, dass sie selbst aktiv werden, wo sie Risiken vermeiden oder beeinflussen können. „Sie sollen die eigenen Verletzlichkeiten und die Kapazitäten realistisch einzuschätzen lernen, um bestmöglich informierte Entscheidungen zu treffen.“
Konkret werden die Akteure in den Resilienzlaboren Situationen ausgesetzt, die den Herausforderungen von Escape Rooms ähneln, sich aber an echten Notlagen orientieren. „Das Ziel von RESILIA ist es, Krisen im kleinen Rahmen für große Maßstäbe erlebbar zu machen“, sagt Marius Wawerek, wissenschaftlicher Mitarbeiter. Statt ein Krisenszenario mit 8000 echten Personen zu proben, könne dieses in den Resilienzlaboren im Miniaturformat dargestellt werden. Dort können 50 Feuerwehrleute in einer fiktiven Notlage üben, auf das mit Künstlicher Intelligenz modulierte Verhalten von politisch Verantwortlichen und dem anderer Einsatzkräfte zu reagieren, etwa der Polizei, der Krankenhäuser und des Technischen Hilfswerks. Simuliert wird aber beispielsweise auch das Verhalten von Menschen, die sich selbst organisieren, die Hilfe leisten oder die sich in Gefahr bringen und deren Handeln von Einsatzkräften berücksichtigt werden muss.
„Nicht jedes erdenkliche Szenario lässt sich eins zu eins in eine digitale Simulation übersetzen“, erläutert Informatiker Jochen Schiller. Die Entwickler erarbeiteten die Lagen nach Wahrscheinlichkeit, Machbarkeit und Relevanz für den Bevölkerungsschutz. „Zunächst entwickeln wir gemeinsam mit Einsatzkräften, Behörden und Experten realistische und spielbare Krisenszenarien – etwa einen großflächigen Stromausfall an einem zentralen Knotenpunkt.“ Geklärt werde zunächst: Was benötigt ein Krisenstab in den ersten zwei Stunden? Wer muss wann mit wem kommunizieren? Welche Kaskadeneffekte treten zeitversetzt auf – etwa der Ausfall von Mobilfunkmasten oder die Überlastung von Notaufnahmen?
In einem zweiten Schritt werde menschliches Verhalten während einer Krise in digitale Bausteine für das KI-System übersetzt: „Über ein Modell legen wir fest, was einzelne Akteure, vom Helfer über den Krisenmanager bis hin zum betroffenen Bürger, wahrnehmen, wissen, anstreben – und wie sie unter Stress entscheiden“, sagt Jochen Schiller. Die digitalen Bausteine würden immer weiter verfeinert, etwa durch die Analyse von Best-Practice-Beispielen oder der Berichte von Einsatzkräften. „Die Erkenntnisse überführen wir in die Ausbildung von Feuerwehr, Katastrophenschutz und anderer Behörden.“
Gaskocher und Trockennahrung
Wie nötig es ist, dass alle Zuständigen in den Behörden und politisch Verantwortlichen ihre Risikomündigkeit und Zusammenarbeit in einer Notlage verbessern, zeigt das Beispiel des Anschlags auf die Stromversorgung im Berliner Südwesten: So listete der Landesrechnungshof auf, dass für Katastrophenschutz in einem Fall wie im Januar in der Stadt 37 Behörden zuständig seien. Davon hätten allerdings acht Organisationen nicht von ihrer Zuständigkeit gewusst, und knapp die Hälfte habe im Vorjahr kein Geld für diese Aufgabe eingeplant.
Unternehmen und die Bevölkerung können sich in den Laboren künftig ebenfalls spielerisch mit Risiken und Gefahren auseinandersetzen und dabei Möglichkeiten zur Vorsorge auch haptisch kennenlernen, etwa die vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfohlene Notfallausstattung: Sie reicht von einem Gaskocher sowie Trockennahrung und Wasser für zehn Tage bis hin zu Kerzen und Decken.


