75 Jahre im Sturm der Zeitgeschichte
Das Osteuropa-Institut der Freien Universität beleuchtet anlässlich seines Jahrestags die eigene Geschichte
16.10.2026
Blick auf die kasachische Hauptstadt Astana. Die ehemaligen Sowjetrepubliken sind in den Fokus gerückt.
Bildquelle: Susanne Strätling
Gibt es ein anderes Institut an der Freien Universität, das enger mit der jüngeren Zeitgeschichte verflochten ist als das Osteuropa-Institut (OEI)? Gegründet wurde es 1951 in den Anfangsjahren des Kalten Krieges in West-Berlin als interdisziplinäres Regionalinstitut, zu einem Zeitpunkt, als die Trennung Europas in Ost und West gerade Form annimmt: Der Forschungsgegenstand „Osteuropa“ liegt hinter dem Eisernen Vorhang, in den Diktaturen des Warschauer Pakts.
Dann fällt 1989 die Mauer, und die Sowjetunion löst sich in höchst dramatischer Weise nahezu friedlich auf, auch wenn danach – etwa auf dem Balkan – bald blutige Kriege folgen: Auf einmal gruppiert sich das Objekt des wissenschaftlichen Interesses am OEI völlig neu, in neue Staaten, neue Allianzen, neue Perspektiven.
2022 schließlich prallt die Zeitgeschichte ein weiteres Mal auf das Institut, als Russland die Ukraine überfällt: Jetzt reißen sogar Verbindungen nach Russland ab, die seit den 1960ern bestanden und den Kalten Krieg überdauert hatten. Aus „Osteuropa“ ist der größte Teil – Russland – unerreichbar.
Interesse und Feindforschung
Als das OEI gegründet wurde – drei Jahre nach Gründung der Freien Universität Berlin –, geschah das im Kontext der US-amerikanischen Tradition der „area studies“, also der dort schon länger etablierten Regionalwissenschaften. Die bewegten sich stets im Spannungsfeld zwischen dem wissenschaftlichen Interesse an Sprache, Kultur und Geschichte einer Region – und dem Anliegen, Wissen über eine Region zu nutzen: für Wirtschaft und Politik, für Diplomatie und als Herrschaftswissen.
Für Robert Kindler, Professor für die Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas am OEI, ist das eine Ambivalenz, die das Institut immer wieder geprägt habe: einerseits die Erwartung, das Wissen über Osteuropa für die je eigenen Interessen zu nutzen – im Extrem als „Feindforschung“ –, andererseits der Anspruch der Forschenden, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Zugleich wollten auch diese ihr Wissen teilen, ihre Expertise zugänglich machen, den Austausch fördern.
„Forschung über die Länder und Gesellschaften Ost- und Mitteleuropas zu betreiben, idealerweise im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus diesen Regionen“ – so benennt Robert Kindler den Anspruch am OEI. Dieser Austausch war allerdings immer schon komplex und schwierig.
Susanne Strätling kann davon einiges erzählen. Die Professorin am Osteuropa-Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt Slavische Literaturen hat viele Jahre über die sowjetische Avantgarde geforscht und 2022 nur aus der Ferne miterlebt, dass ihr Buch „Die Hand am Werk“ auf Russisch auch in Moskau erschien.
Strätling sagt, von der Kultur- und Literaturwissenschaft werde zwar oft angenommen, dass sie von der Politik weniger betroffen seien, aber das sei ein falsches Bild: „Wissenschaft muss zwar autonom und frei von parteipolitischen Interessen bleiben, aber sie steht nicht außerhalb der Politik. In Fächern wie der Literatur- und Kulturwissenschaft sehen wir das im Kontext des russisch-ukrainischen Krieges etwa an Debatten darüber, was der künstlerische und kulturelle Kanon des östlichen Europas ist und welche Position ukrainische und russische Künstlerinnen und Künstler darin einnehmen.“ Dazu gehöre auch die Revision von Forschungstraditionen, die über Jahrzehnte die Werke ukrainischer Künstlerinnen und Künstler als „russisch“ etikettiert hätten.
Mini-Forschungsprojekte
Eine Selbstreflexion der Institutsgeschichte versuchte Robert Kindler im Sommersemester 2026 zusammen mit seinem Kollegen Clemens Günther und Studierenden in einem Seminar. Ausgehend von den Beständen im Universitätsarchiv haben Studierende eine Reihe von Mini-Forschungsprojekten begonnen.
Darunter ist beispielsweise eine Analyse, unter welchen Umständen das Amt einer Frauenbeauftragten eingerichtet wurde: welche Diskussionen darüber geführt wurden, welche Widerstände es gab.
Der Student Nicolo Luzzatto beschäftigt sich mit seinen Kommilitonen Paul Grohmann und Hans Wegener mit dem Austausch, den das OEI während des Kalten Krieges mit der Ždanov-Universität in Leningrad/St. Petersburg unterhielt. Seit 1968 gab es ein Abkommen zwischen der Freien Universität und der Ždanov-Universität, das im Jahr 2022 beendet wurde. Bis dahin konnte das OEI jedes Jahr zwei Studierende nach Leningrad entsenden, umgekehrt kamen je zwei Studierende aus Leningrad nach Berlin.
Nicolo Luzzatto hat im Archiv dazu einen Ordner ausfindig gemacht, in dem die Erfahrungsberichte der Studierenden versammelt sind. Daraus lässt sich die Atmosphäre der Zeit eindrücklich rekonstruieren: die Faszination für die Sowjetunion, die Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen über den „Systemgegner“, das Misstrauen gegenüber ausländischen Studierenden, die als potenzielle Spione galten, deren Unsicherheit, welches Verhalten sie in Schwierigkeiten bringen könnte, und schließlich die Erfahrung, als Gast aus dem Land der Nazis wahrgenommen zu werden – in einer Stadt, in der noch an jeder Straßenecke die Erinnerung an die mehr als 800 Tage währende Belagerung und Aushungerung von 1941 bis 1944 lebendig ist, die eine Million Tote forderten.
Der Student Amadeus Albrecht untersucht, wie das OEI in seiner Geschichte auf die Ukraine geblickt hat: Er ist der Ansicht, dass der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine für das OEI ein ähnlicher Schockmoment gewesen sei wie die Auflösung des Ostblocks nach 1989. Man könnte sagen, auch das gehört dazu, wenn ein Institut derart eng mit der Zeitgeschichte der beforschten Region verbunden ist: dass es von allen Umwälzungen jeweils mitbetroffen ist.

