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Von einer erkämpften Einrichtung zum etablierten Forschungszentrum

Zehn Jahre Margherita-von-Brentano-Zentrum – doch seine Geschichte beginnt schon deutlich früher

16.10.2026

Geschlechterforschung an der Freien Universität: Hier ein Bild aus dem Jahr 1979.

Geschlechterforschung an der Freien Universität: Hier ein Bild aus dem Jahr 1979.
Bildquelle: Picture Alliance / DB Wieselhuber

Feministische KI: Künstliche Intelligenz anders denken“, „Intersektionalität und Menschenrechte“ und „Geschlecht und Klasse. Intersektionale Perspektiven auf Klassismus“: Solche Veranstaltungen sind heute selbstverständlicher Bestandteil des Lehrangebots an der Freien Universität. Dies und dass es mit dem Margherita-von-Brentano-Zentrum (MvBZ) für Geschlechterforschung eine zentrale Anlaufstelle für Gender- und Diversity-Forschung an der Freien Universität gibt, ist der Frauenbewegung zu verdanken.

Sie verschaffte der Frauen- und Geschlechterforschung in den 1970er-Jahren mit zahlreichen Initiativen Sichtbarkeit. 1970 wurde zudem mit der Philosophin Margherita von Brentano erstmals eine Vizepräsidentin in die Hochschulleitung der Freien Universität gewählt.

Eines der zentralen Anliegen Brentanos war der Kampf gegen die Benachteiligung von Frauen an der Hochschule. Als Würdigung der kritischen Philosophin trägt die Zentraleinrichtung für Frauen- und Geschlechterforschung (ZEFG) an der Freien Universität seit 2016 ihren Namen. Die Universität ehrt zudem alle zwei Jahre Personen oder Initiativen für ihre Arbeit in der Geschlechterforschung oder Gleichstellung mit dem Margherita-von-Brentano-Preis.

Inhaltlich bündelt das MvBZ Geschlechterforschung, etwa zu Themen wie transnationale Geschlechterverhältnisse, Körper und Sexualität, digitalen Öffentlichkeiten, Macht- und Diskriminierungsstrukturen sowie feministischer Theorie – und macht diese über Datenbanksammlungen, Netzwerke und Partnerschaften mit anderen Institutionen deutschlandweit und international sichtbar. International ist das Zentrum zum Beispiel über das Netzwerk Una Europa aktiv, aus dem die Initiative „Una Europa Gender and Equality Network“ (UGEN) hervorging.

Sexualisierte Gewalt auch an Hochschulen unterbelichtet

Doch das MvBZ ist nicht nur eine wichtige interdisziplinäre Schnittstelle zwischen den Fachbereichen und Zentralinstituten, sondern verfolgt auch eigene Forschungsvorhaben, für die sie Drittmittel einwirbt. Ein Schwerpunkt widmet sich sexualisierter Belästigung, Diskriminierung und Gewalt im Hochschulkontext.

„Angesichts der MeToo-Debatte mag man es kaum glauben, aber genau dieses Thema ist an Hochschulen noch immer unterbelichtet“, sagt MvBZ-Geschäftsführerin Heike Pantelmann. Denn: „Hochschulen sehen sich selbst als aufgeklärte Organisationen, in denen es keine schweren Auseinandersetzungen, Diskriminierungskonflikte und Probleme mit sexualisierter Gewalt gibt. Und so wollen sie auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Deshalb ist es umso wichtiger, genau diesen Strukturen auf den Grund zu gehen.“

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Pantelmann bildet gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Gülay Çağlar das Führungsduo: Çağlar ist wissenschaftliche Leiterin des MvBZ, Pantelmann die Geschäftsführerin. Ergänzt wird die MvBZ-Leitung durch einen Beirat. Er setzt sich aus internen und externen Mitgliedern zusammen und bildet alle vier Mitgliedsgruppen der Universität ab: von der Professorin bis zum Studierenden.

Vorbilder fehlten

Ein Blick zurück in die Geschichte des MvBZ. 1971 standen im Gesamtvorlesungsverzeichnis der Freien Universität die ersten Vorlesungen zu explizit frauenbezogenen Themen: „Frauenemanzipation“ und „Zur Lage der Frau im Erwerbsleben in der BRD“ in der Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut (OSI).

Feministisch aktive Forscherinnen und engagierte Studentinnen brachten in den 1970er-Jahren einen nicht mehr aufzuhaltenden Prozess in Gang: Sie setzten sich dafür ein, dass in Forschung und Lehre mehr Themen aufgenommen wurden, die explizit Frauen, ihre Lebensumstände und ihre Positionen in der Gesellschaft in den Blick nahmen – und setzten sich zugleich für mehr Sichtbarkeit für Frauen in der Wissenschaft ein. Mit der zunehmenden Beliebtheit solcher Seminare wurden die Rufe nach einer festen Verankerung von Frauenforschung, wie das wissenschaftliche Feld zu der Zeit hieß, an der Freien Universität lauter.

Unterstützung kam von der damaligen Berliner Landesregierung: Nach einem Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses von 1978 entwickelte eine Planungsgruppe ein Konzept für einen wissenschaftlichen Forschungs- und Studienschwerpunkt in der Frauenforschung. Vor 45 Jahren, 1981, nahm die Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung ihre Arbeit auf.

Anregung und Durchführung von Lehrveranstaltungen, Beratung und Förderung von jungen Wissenschaftlerinnen, Dokumentation, Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit – „diese Fülle der Aufgaben war eine große Herausforderung für das Gründungsteam, das damals aus nur drei Wissenschaftlerinnen und einer Sachbearbeiterin bestand“, sagt Heike Pantelmann rückblickend. „Man muss bedenken: Damals gab es keine Institution, an der man sich hätte orientieren können und keine gesonderte Stelle für Gleichstellungsfragen – das haben die Kolleginnen an der ZEFG mitbearbeitet.“

Digitale Infrastruktur

Ein besonderer Schwerpunkt am MvBZ heute ist Open Access und Open Science – der Aufbau offener Infrastrukturen für Geschlechterforschung, der sich aus dem langjährigen Arbeitsbereich Publikationsförderung am MvBZ entwickelte: das Repositorium GenderOpen, das Publikationen der Geschlechterforschung seit den 1970er Jahren sichert; das Open Gender Journal sowie die Plattform „Datensammlung Geschlechterforschung“.

Das Portal macht mehrere Datensammlungen zu Forschungsprojekten und zu Forschenden in einem digital verwalteten, übergreifend recherchierbaren Datenbanksystem zugänglich. Im vergangenen Jahr kam ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 1,5 Millionen Euro geförderter Fachinformationsdienst hinzu, ein Kooperationsprojekt mit vier Partnereinrichtungen.

Anita Runge, bis 2019 MvBZ-Geschäftsführerin, hat die Open-Science-Projekte mitaufgebaut. Sie sagt: „Bei all diesen Vorhaben geht es um den freien Zugang zu Wissen und um die nachhaltige Sicherung der Forschungsergebnisse der Geschlechterforschung seit ihren Anfängen.“ Ein digitaler Sicherungsort mag auch mit Blick auf Regierungsbildungen in Bundesländern unverzichtbar sein und einem möglichen Einfluss auf die Wissenschaftspolitik. Dass nicht alle Parteien von Gender- und Diversity-Forschung überzeugt sind und fördern wollen, ist bekannt. „Nachhaltige Strukturen und Kooperation in der Wissenschaftscommunity sind deshalb umso wichtiger“, betont Anita Runge.