„Unser Blick kann nie neutral sein“
Die Geschlechter- und Diversity-Forschung hat sich an deutschen Hochschulen zu einem unverzichtbaren Baustein in der Wissenschaft entwickelt. Sie erweitert den methodischen Werkzeugkasten und deckt blinde Flecken in Forschungsdesigns auf
16.10.2026
Am 22. März 2026 fand vor dem Brandenburger Tor in Berlin eine Demonstration des Bündnisses „Feminist Fight Club“ unter dem Motto „Gegen sexualisierte digitale Gewalt – Solidarität mit allen Opfern“ statt.
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Samstag, 4. Juli 2026: Der Bundesparteitag der AfD tagt in Erfurt. Heute-Journal-Moderatorin Dunja Hayali führt in der Sendung ein Interview mit der frisch wiedergewählten Parteivorsitzenden Alice Weidel. Viele werden sich an dieses Gespräch erinnern: Die ZDF-Journalistin fragte sachlich nach, bekam jedoch keine inhaltlich weiterführenden Antworten von Weidel. Stattdessen reagierte die Politikerin zunehmend aggressiv.
Hayali bekam und bekommt nach Interviews wie diesem neben viel Anerkennung auch eine Welle von Hass und Drohungen auf Social-Media-Plattformen zu spüren: als Journalistin, als Mensch, der sich gegen Rassismus und für Meinungsfreiheit einsetzt, und vor allem auch als Frau. Zahlen des Bundeskriminalamtes von 2024 belegen, dass in jenem Jahr allein in Deutschland 18.224 Frauen und Mädchen Opfer digitaler Gewalt wurden. Insgesamt sind 61,2 Prozent aller polizeilich erfassten Opfer digitaler Gewalt weiblich.
Dies ist eines von vielen Themen, mit denen sich die Gender- und Diversity-Forschung an der Freien Universität Berlin beschäftigt. Gerade jetzt wird sie dringend gebraucht: Mit dem Erstarken des Internetphänomens der „Manosphere“ oder Mannosphäre mehren sich antifeministische, oft misogyne Inhalte. Sie werden über ein loses, internetweites Netzwerk aus Blogs, Foren und Social-Media-Kanälen verbreitet. Empirische Forschung versucht zu ergründen, was sich in dieser Manosphere abspielt – nachdem sie lange als Randphänomen abgetan wurde.
Intersektionale Gewaltmuster
Mit Cybergewalt befasst sich beispielsweise ein Forschungsprojekt, das die Politikwissenschaftlerin Gülay Çağlar verantwortet: „Im Kreuzfeuer: Politische Cybergewalt und institutionelle Maßnahmen zum Schutz der Demokratie“. Die Volkswagenstiftung fördert Çağlars Vorhaben mit knapp 1,3 Millionen Euro. In einem Vorgängerprojekt, „Mapping the GerManosphere“, beschäftigte sie sich speziell mit der deutschen Ausprägung von Misogynie. Die Professorin an der Freien Universität leitet den Arbeitsbereich Gender und Diversity am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft. Sie ist zugleich wissenschaftliche Leiterin des Margherita-von-Brentano-Zentrums (MvBZ), das die Geschlechterforschung an der Universität bündelt.
Demokratische Teilhabe und Hasskriminalität: Gegenstand aktueller Forschungsvorhaben an der Freien Universität.
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Die MvBZ-Datenbank umfasst 146 laufende interdisziplinäre Forschungsprojekte der Geschlechterforschung, an denen jeweils mehrere Fachbereiche beteiligt sind. 98 davon sind Promotionsvorhaben.
„Wir untersuchen Gewalt gegen Mandats- und Amtsträgerinnen und -träger. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf Gewalt gegen Frauen“, erläutert Çağlar. Die Politikwissenschaftlerin und ihr Team gehen Fragen nach wie: Wen trifft digitale Gewalt besonders stark? Lassen sich Muster erkennen? Im Zentrum stehen Frauen, die sich öffentlich politisch äußern oder emanzipierte Lebensweisen repräsentieren. „Wir legen unseren Fokus dabei auch auf intersektionale Gewalt- und Diskriminierungsmuster – bei denen sich beispielsweise die Thematisierung von Geschlecht, Migrationshintergrund und sexueller Orientierung überlagern“, betont die Forscherin.
Çağlar verweist auf den Misogynie-Begriff der Philosophin Kate Manne, Autorin des Buches „Down Girl“. Misogynie ist demnach kein individuelles Gefühl, sondern fungiere als eine Art „Strafvollzug des Patriarchats“: Frauen würden für emanzipiertes Verhalten sanktioniert, beschimpft und bedroht, um sie „in ihre Grenzen zu verweisen“ und von öffentlicher Sichtbarkeit abzuhalten.
Zugleich untersucht das Forschungsprojekt, wie Exekutive, Legislative und Judikative auf Cybergewalt reagieren oder handeln könnten, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken. Als beispielsweise der Publizist Roland Tichy vor ein paar Jahren in seinem Magazin „Tichys Einblick“ eine sexistische Bemerkung über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli veröffentlichte, sprach das Landgericht Berlin ihr dafür später 10.000 Euro Schmerzensgeld zu. Das Gericht begründete das mit einer Verletzung der Menschenwürde. Es hatte zuvor, 2019, ähnliche Beleidigungen gegen die Grünen-Politikerin Renate Künast als von der Meinungsfreiheit gedeckt eingestuft; erst das Bundesverfassungsgericht korrigierte diese Entscheidung 2021.
Digitale Gewalt gefährde die Vielfalt der Meinungen und damit die repräsentative Demokratie, sagt Gülay Çağlar. Denn: Meinungsstarke Politikerinnen und Politiker zögen sich zurück, schränkten ihre Präsenz auf Social-Media-Plattformen ein und sprächen seltener in TV-Talkshows und Gesprächssendungen im Radio über ihre Themen.
Meinungsfreiheit versus Selbstschutz? Çağlar sagt: „Wer aus Angst vor Bedrohungen schweigt, dessen Meinungsfreiheit ist durch verbreiteten Hass längst eingeschränkt.“ Das betreffe mitunter auch die Forschenden selbst, bedauert die Politikwissenschaftlerin. Sie müssten nicht nur gegen die absurde Verkürzung ihres Forschungsgebietes auf „das Gendern“ und den Groll dagegen ankämpfen. „Wir bekommen auch selbst Hass zu spüren.“
Heteronormative Schulbücher
Das Forschungsgebiet Gender und Diversity in Forschung und Lehre ist nicht nur in den Sozialwissenschaften relevant. Das zeigt an der Freien Universität die Forschungsarbeit der Biologiedidaktikerin und Postdoktorandin Sarah Huch. Sie vertritt in ihrem Fach den Schwerpunkt Gender und Diversity sowie Sexuelle Bildung in den Naturwissenschaften, bildet Lehramtsstudierende aus und Lehrkräfte fort, bietet Workshops für Schulklassen an und entwickelt Unterrichtsmaterial. „Dafür betreiben wir klassische empirische Bildungsforschung, entwickeln Fragebögen für die Klassen und kooperieren mit Schulen. Denn erst, wenn wir wissen, wo die Kinder und Heranwachsenden stehen, können wir gezielt Material entwickeln“, erläutert Huch.
Bei der Demonstration am 22.03.2026 war Rapperin Mariybu beteiligt. Die eigene Meinung zu sagen ist wichtig, denn wer aus Angst vor Bedrohung schweigt, dessen Meinungsfreiheit ist längst eingeschränkt – das zeigt die Forschung der Freien Universität.
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Viele Schulbücher und andere Unterrichtsmaterialien seien nach wie vor heteronormativ ausgerichtet, doch das entspreche längst nicht mehr der gesellschaftlichen Entwicklung, sagt die Forscherin. „In der biologischen Geschlechterforschung gilt es als Konsens, dass Geschlecht auf hormoneller, genetischer, morphologischer und anatomischer Ebene vielfältige Ausprägungen hat und sich nicht in zwei Kategorien erschöpft – die Festlegung auf Zweigeschlechtlichkeit ist auch ein gesellschaftliches Konstrukt“, erläutert die Wissenschaftlerin.
Dass es bei der Sensibilisierung von Lehrpersonen sowie von Schülerinnen und Schülern für dieses Thema noch viel zu tun gibt, belegt unter anderem eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) von 2020 zu den Erfahrungen queerer Personen in Europa. Mit 140.000 Befragten ist sie die bisher größte Erhebung, die sich mit Hasskriminalität und Diskriminierung gegen diese Gruppe befasst. Viele der jugendlichen Befragten gaben an, im Alltag, auch vor Gleichaltrigen, ihre Identität zu verstecken. Die Nachfrage bei den Lehramtsstudierenden nach Inhalten zu einem pädagogischen Umgang mit Vielfalt sei hoch, sagt Sarah Huch. „So hoch, dass ich deutlich mehr Lehrveranstaltungen dazu anbieten könnte.“
Positionalität als Forschende
Feministische Perspektiven erweitern – über das Forschungsthema hinaus – den methodischen Zugang in der Wissenschaft, verdeutlichen die Begrenztheit des Wissens und können durch intersektionale Ansätze, in denen etwa Geschlecht mit Klasse und „race“ zusammengebracht wird, gesellschaftliche Vielfalt abbilden.
Das verdeutlicht Antonie Schmiz, Professorin für Humangeografie an der Freien Universität. Ein zentraler Punkt in ihrer eigenen Arbeit ist für Schmiz ihre Positionalität als Forschende. Gemeint ist die Art und Weise, wie die eigene soziale, gesellschaftliche und persönliche Position das Denken, Handeln oder Forschen prägt.
„Meine Kollegen, Kolleginnen und ich schreiben in unseren Veröffentlichungen bewusst in der Ich- oder Wir-Form und legen offen, aus welcher Position heraus wir forschen“, sagt Schmiz, die sich auf Migrationsforschung spezialisiert hat. „Denn als Forschende haben wir natürlich auch eine gesellschaftliche Position inne – unser Blick kann nie neutral sein.“
Schmizʼ Fokus liegt auf dem städtischen Umgang mit Migration auf verschiedenen Ebenen: von internationalen kommunalen Kooperationen bis hin zu quartiersbezogenen Maßnahmen. Dazu gehören zivilgesellschaftliche Organisationen, die Aushandlung von Repräsentation, Zugängen und Identitätspolitiken. „Dabei nehme ich eine vergleichende Perspektive ein, die Migration im Zusammenhang mit Kategorien sozialer Ungleichheit denkt.“
Drei Fachbereiche, drei unterschiedliche Zugänge – und eine gemeinsame Grundannahme: dass Institutionen, Räume und Wissensbestände nicht neutral sind, sondern Geschlecht und andere Kategorien in sich tragen. In Zeiten, in denen die Geschlechter- und Diversity-Forschung politisch angegriffen und infrage gestellt wird, wird deutlich: Sie wird gebraucht.



