„Heute muss im Iran keine Frau mehr ein Kopftuch tragen“
Die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste von 2022 und 2023 haben die islamische Republik für immer verändert, sagt der iranische Soziologe Abbas Jong. Nun untersucht er die Sozialgeschichte der Bewegung.
16.10.2026
Proteste in Berlin gegen das Regime des Iran am 22. Oktober 2022.
Bildquelle: Picture Alliance / SZ Photo / Olaf Schülke
Angeblich, weil sie ihr Kopftuch zu locker getragen hatte, wird die kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini im September 2022 in Teheran festgenommen. Drei Tage später stirbt sie in Polizeigewahrsam infolge schwerer Misshandlungen durch die sogenannte Sittenpolizei. In den Wochen und Monaten danach erhebt sich im Iran eine der größten Protestbewegungen in der Geschichte des Landes. Unter dem Banner „Frau, Leben, Freiheit“ – dem Wahlspruch der kurdischen Freiheitsbewegung – gehen in mehr als 130 Städten im ganzen Land die Menschen auf die Straße.
„Die Menschen nahmen nicht mehr hin, dass der Staat bestimmt, welche Kleidung eine Frau tragen darf, wo sie sich im öffentlichen Raum hinsetzen darf, welche Musik gespielt wird oder wie junge Menschen ihre Freizeit gestalten“, sagt Abbas Jong. „Sie nahmen die Gefängnisse nicht mehr hin, die erzwungenen Geständnisse im Fernsehen, und vor allem, wie im Falle von Jina Mahsa Amini und vielen anderen Menschen, nicht die Morde.“
Abbas Jong, der selbst aus dem Iran stammt, forscht seit 2024 am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität. Nun hat der promovierte Soziologe gemeinsam mit Florian Zemmin, Professor für Islamwissenschaft und Co-Director der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies (BGSMCS), ein neues Forschungsprojekt über die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung initiiert. Dort erforscht Jong erstmals die Sozialgeschichte der Bewegung. Durch eine fundierte historische Analyse ebenso wie durch Interviews mit Zeitzeuginnen und -zeugen. „Die Proteste von 2022 waren von einer Reichweite, Ausdauer und Intensität, wie wir sie in der Islamischen Republik bislang noch nicht gesehen haben“, sagt er. „Sie haben tiefgreifende Veränderungen in der iranischen Gesellschaft erreicht, die nicht nur die Zukunft des Landes, sondern des ganzen Nahen Ostens prägen.“
Militaristische Autokratie
Um zu verstehen, was 2022 zum Ausbruch kam, müsse man sich mit dem Herrschaftssystem von Ali Khamenei beschäftigen, sagt Jong. Der schiitische Geistliche, der im Februar dieses Jahres bei einem israelisch-amerikanischen Raketenangriff getötet wurde, kam 1989 an die Macht. Dreißig Jahre lang führte er das Land mit harter Hand – leitete aber auch tiefgreifende politische Veränderungen ein. „Am Ende hatte das politische System des Irans kaum noch etwas mit der Islamischen Republik gemein, die 1979 gegründet wurde“, sagt Jong. „Khamenei hat das Land von einer klerikalen Aristokratie in eine militaristische Autokratie geführt.“
Unter Khamenei seien die bis dahin dominierenden Eliten – Teile des Klerus, Technokraten und andere einflussreiche Akteure – schrittweise entmachtet worden. An ihre Stelle sei eine komplexe Machtordnung getreten, in der insbesondere auch die Revolutionsgarden an Macht gewonnen hätten – jener berüchtigte Teil der iranischen Streitkräfte, der in besonderer Weise mit der Verteidigung der islamistischen Herrschaftsordnung betraut ist. „Die neuen Eliten aus dem Sicherheits- und Militärapparat sowie aus den Institutionen im Umfeld des Obersten Führers übernahmen nicht nur die politische, sondern auch die ökonomische Macht“, sagt er. „Ab Mitte der 2010er Jahre kontrollierten sie rund 80 Prozent der iranischen Wirtschaft.“
Viele hochrangige und prominente Angehörige der Revolutionsgarden und andere Vertreter der neuen Machteliten seien damals im großen Stil in den Konsum-, Finanz- und Immobiliensektor eingestiegen, sagt Jong – auch, um ihre enormen, oft aus illegalen Quellen stammenden Finanzmittel zu waschen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten seien in Teheran und anderen großen Städten nie gekannte, gigantische Shoppingmalls und Entertainment-Komplexe aus dem Boden gestampft worden. Mit den Einnahmen hätten die Revolutionsgarden ihre repressiven Einsätze im Inneren, ebenso wie zahlreiche geopolitische Operationen im Ausland finanziert – hätten gleichzeitig jedoch die Grundlage für eine neue Form von Opposition geschaffen.
„Es entstand eine totalitäre und islamistisch geprägte, aber eben doch kapitalistische Ökonomie, die freie Konsumentinnen und Konsumenten braucht“, sagt Abbas Jong. „In einer Gesellschaft, die aller sonstigen Freiheiten beraubt war und in der andere politische und zivilgesellschaftliche Räume massiv unterdrückt und kontrolliert wurden, eröffnete sich mit der Shoppingmall ein alternativer Raum, in dem man ungezwungen mit globalen Trends und Lebensstilen spielen und experimentieren konnte.“
Politik im Shoppingcenter
Die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung, so die These von Abbas Jong, sei in ihrer Sozialstruktur nicht vergleichbar mit bisherigen Protestbewegungen im Iran. Sie habe sich nicht aus den klassischen Kreisen der Dissidenten rekrutiert, etwa aus der oppositionellen Politik, dem akademischen Milieu oder der Diaspora. „Sie entstand im Einkaufszentrum“, sagt der Soziologe. „In der vermeintlich unpolitischen Sphäre des Shoppings entstand eine Jugendkultur, die derjenigen des Regimes diametral entgegenstand.“
Um den harten Kern einer konsumorientierten, modernen und freiheitsliebenden Jugend hätten sich schließlich weitere Gesellschaftsschichten den Protesten angeschlossen. Frauen, Arbeits- und Lehrkräfte, Personen im Ruhestand oder Angehörige ethnischer oder religiöser Minderheiten. „Politische Forderungen nach mehr Freiheit mischten sich mit aufgestauter Frustration über Korruption, Ungerechtigkeit und die wirtschaftliche Inkompetenz der Führung.“
Eine ganze Gesellschaft ohne glaubhafte politische, wirtschaftliche oder kulturelle Perspektive habe aufbegehrt. „Anders als klassische Widerstandsbewegungen hatte diese Bewegung keine Anführer, keine Vereine, nicht einmal eine Adresse“, sagt Jong. „Das ist es, was sie so erfolgreich machte.“
Die Proteste von 2022 und 2023 hätten den Iran für immer verändert, sagt der Soziologe. Zwar habe sich an den Gesetzen nichts verändert – das Regime habe nach den Protesten jedoch nicht mehr die Fähigkeit gehabt, die Regeln durchzusetzen. „Heute muss keine Frau im Iran mehr das Kopftuch tragen“, sagt er. „Es gibt zwar noch die Gesetze, aber die Polizei schaut gezielt weg.“ Auch andere kulturelle Öffnungen seien gelungen. Das Nachtleben sei heute etwa viel freier. Studierende könnten nachts lange zusammen draußen sitzen, mit Musik.
Bomben schaden der Opposition
Es seien diese Erfolge gewesen, die – zusammen mit wirtschaftlichen Sorgen – die Proteste im Januar 2026 aufs Neue entfacht hatten. „Die Menschen haben geglaubt, wenn wir es geschafft haben, mit dem Kopftuch Schluss zu machen, dann kann es jetzt mit dem kompletten Regime gelingen“, erläutert Jong. „Niemand hat damit gerechnet, mit welch unfassbarer Härte das Regime eingreifen würde.“
In einer Situation existenzieller Bedrohung eröffnete das iranische Regime das Feuer. Schätzungen zufolge sollen im Januar 2026 bis zu 30.000 Protestierende von den Sicherheitskräften erschossen worden sein. Dann, Ende Februar, kamen die israelisch-amerikanischen Angriffe. „Die Bomben haben Khamenei und hochrangige Personen der Regierung und Sicherheit getötet, aber nicht das Regime entmachtet“, sagt Jong. „Vor allem haben sie der Opposition geschadet, da die Regierung die Angriffe auch als Vorwand für weitere Repressalien im Inneren genutzt hat.“
Nach endlosen Bombardements, einer dreimonatigen Internetsperre und zahlreichen verschärften Sicherheitsmaßnahmen liege das Land politisch und wirtschaftlich am Boden. „Es wird Jahre dauern, bis die Opposition sich von diesem Schlag erholt“, sagt Jong. „Aber eines ist sicher: Der Iran ist seit der ‚Frau, Leben, Freiheit‘-Bewegung ein anderes Land.“

