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Romance und Climate Memoirs

Neue Literatur für junge Erwachsene mischt den Buchmarkt auf

04.08.2026

Bastian Schlüter und Stefanie Müller

Bastian Schlüter und Stefanie Müller
Bildquelle: Lorenz Brandtner / Peter Neumann

Gedruckte Bücher wurden für tot erklärt. Doch ausgerechnet junge Zielgruppen haben das Medium wiederbelebt. Der Philologe Bastian Schlüter erklärt, wie es dazu kam. Die Literaturwissenschaftlerin Stefanie Müller zeigt am Beispiel Klimawandel, was junge Autor*innen bewegt.

Als Bastian Schlüter eine Buchhandlung am Kudamm besuchte, fiel dem wissenschaftlichen Mitarbeiter am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität sofort etwas auf: An einem Tisch saß eine Gruppe junger Frauen und beklebte Bücher mit Strass und Perlen. Das waren echte Bücher, keine E-Books“, sagt Schlüter. Erstaunlich, denn eigentlich war ja schon das Ende des gedruckten Buches verkündet worden. Doch es kam anders: „Wir erleben die Rückkehr als materielles Medium.“

Das verdankt der Markt unter anderem einem neuen Segment: New Adult, eine Literaturgattung für 16- bis 30-Jährige. Aus textzentrierter Perspektive sei das eine recht neue, sehr markante Erscheinungsform der Adoleszenz- oder Postadoleszenzliteratur, sagt Schlüter. „In den Texten finden wir eine emotionalisierte, emphatische Ansprache der Probleme dieser Altersphase.“ Typische Themen: die Suche nach Identität, Beziehungen, Berufseinstieg. „Das stärkste Segment innerhalb von New Adult ist Romance, es geht also um Liebesbeziehungen“, sagt Schlüter. Als Beispiel nennt er „Heated Rivalry“ – darin gehen zwei verfeindete Hockeyspieler eine Beziehung ein.

Climate Fiction adressiert den Klimawandel

Ein weiteres Segment ist Climate Fiction. „Damit sind Texte gemeint, die den Klimawandel adressieren”, sagt Stefanie Müller, Professorin für Literaturwissenschaft am John-F.-Kennedy-Institut, die zu dem Genre forscht. Entweder gehe es unmittelbar um den Klimawandel und seine Folgen für die Figuren. Oder – weil der Klimawandel schwer darstellbar ist – näherten sich die Autor*innen ihm exemplarisch durch katastrophale Ereignisse: ein Meteortiteneinschlag, eine Flutwelle, eine Manifestation, die für das Ganze steht.

Die Rückkehr einer spezifischen Adoleszenzliteratur, eng verknüpft mit dem materiellen Buch, nennt Bastian Schlüter ein „hochspannendes Phänomen“. Denn erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine autonome Kinder- und Jugendliteratur, die die Bedürfnisse der Zielgruppe in den Vordergrund rückte. Mit der 1968er-Bewegung folgte eine emanzipative Jugendliteratur: Identität bildete sich durch Abgrenzung heraus, auch durch Kämpfe gegen die Älteren.

„Heute will niemand mehr erwachsen sein“

Seit den 1990ern weichen diese Grenzen auf. Schlüter nennt zwei Gründe: Zum einen eine Entdramatisierung des Generationenverhältnisses – man habe es an den Klimademos gesehen, bei denen Ältere und Jüngere Seite an Seite demonstrierten. Zum anderen habe sich die Adoleszenz immer weiter nach hinten verschoben: „Heut will niemand mehr erwachsen sein.“ Das Ergebnis: All-Age- und Crossover-Literatur, die Menschen aller Altersgruppen ansprechen will.

Und dann kam New Adult und mischte den Buchmarkt auf. Doch ist das tatsächlich ein eigenes Genre? Oder bloß eine Vorgabe des Buchmarkts? „Die Literaturwissenschaft klappert da ein bisschen hinterher“, sagt Schlüter. Ökonomisch jedenfalls hat der Buchhandel das Segment nach vorne gebracht. Ob es bleibt, ist offen: „Viele erwarten, dass sich das Segment durch Hyperkommerzialisierung und KI totlaufen könnte.“

Der dunkle Affekt

In der Young Adult Fiction über den Klimawandel dominieren apokalyptische Strukturen und ein Affekt, den Stefanie Müller „den dunklen“ nennt: Hilflosigkeit, die Suche nach Community, die Enttäuschung über Eltern, die keine Werkzeuge für den Umgang mit der Krise mitgegeben hätten. In der Erwachsenenliteratur tauche diese Wut kaum auf; dort gehe es oft um Schuldgefühle. „Wie erkläre ich es meinem Kind?“ sei ein wiederkehrendes Motiv, verbunden mit dem Rückzug in die private Sphäre.

Müllers Forschung hat sich mittlerweile zu den „Climate Change Memoirs“ verschoben. Gemeint sind autobiografische Texte zum Leben in Zeiten des Klimawandels. „Obwohl man Memoiren eher mit Namen wie Helmut Schmidt oder Jane Fonda verbindet, die auf ihr Leben zurückblicken, werden sie auch von jungen Menschen geschrieben“, sagt Müller. Genau darin liege die Leistung: „Wer das Genre Memoiren mit dem Thema Klimawandel verbindet, macht deutlich, dass der Klimawandel nichts ist, was in der Zukunft stattfindet – er läuft bereits.“

Ein Beispiel sei Daniel Sherells „Warmth: Coming of Age at the End of Our World“. Sherell, selbst in seinen späten Zwanzigern, hat das Buch als Brief an sein hypothetisches Kind geschrieben. Der Rahmen ist die klassische Frage: Kann ich es verantworten, selbst Kinder zu bekommen? Auch Brianna Craft kommt aus der Klimaaktivisten-Szene; sie berichtet in ihrem Buch über den UN-Klimagipfel. Zum Memoir wird ihr Text durch ihre persönliche Geschichte: sie hat häusliche Gewalt erlebt. Sie beginnt mit einem Traum, den sie als Kind immer wieder hatte: dass ihr Vater sie umbringt. Das Aufwachsen unter dieser permanenten Bedrohung wird für sie zum Modell dafür, was es bedeutet, in einer vom Klimawandel veränderten Welt groß zu werden.

Resignation ablegen

Welche Texte bei den Studierenden ankommen, kann Stefanie Müller klar sagen: „Das sind die Texte, in denen die Leute konkret sagen, wie wir es anders machen können.“ Etwa Robin Wall Kimmerers „Die Großzügigkeit der Felsenbirne“: Die Botanikerin denkt aus ihrer Praxis und ihrer Erfahrung als indigene Person darüber nach, wie sich ein Wirtschaftssystem vom Modell des Mangels zu einem des Überflusses umbauen ließe – weg vom Prinzip, dass jeder das meiste für sich herausholt, hin zu der Annahme, dass genug für alle da ist. „Da legen die Studierenden ihre Resignation ab“, sagt Müller, „weil jemand konkret erste Schritte aufzeigt, die sie in ihrem eigenen Leben umsetzen können.“