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„Die Gelassenheit ist gewachsen“

Am Mittwoch um 19:12 Uhr ist eine partielle Sonnenfinsternis zu beobachten. Was passiert da? – Aus der Reihe: Was sagt die Wissenschaft?

11.08.2026

„Ein seltsamer Zufall, dass eine totale Sonnenfinsternis genau dann auftritt, wenn auch das Publikum zur Beobachtung und Bewunderung da ist.“

„Ein seltsamer Zufall, dass eine totale Sonnenfinsternis genau dann auftritt, wenn auch das Publikum zur Beobachtung und Bewunderung da ist.“
Bildquelle: erstellt mit KI

Interview mit dem Planetologen Professor Ralf Jaumann aus Anlass der partiellen Sonnenfinsternis an diesem Mittwoch, 12. August 2026.

Herr Professor Jaumann, welche Konstellation ermöglicht die partielle Sonnenfinsternis am Mittwoch?

Wenn Sonne und Mond von der Erde aus gesehen scheinbar an derselben Stelle am Himmel stehen, dann verdeckt der Mond die Sonne. Da beide Körper ein halbes Grad am Himmel bedecken – die Sonne ist größer, aber weiter weg als der kleinere Mond – kommt es zu einer vollständigen Bedeckung, einer totalen Sonnenfinsternis. Weicht ihre Stellung jedoch etwas voneinander ab wie am Mittwochabend, wird nur ein Teil der Sonne bedeckt, deshalb kommt es zur partiellen Sonnenfinsternis.

Wieso kann man eine Sonnenfinsternis sehr lange im Voraus exakt prognostizieren?

Da die Bahnen von Erde und Mond genau bekannt sind, kann man eine Sonnenfinsternis genau berechnen und voraussagen. Bei der Sonnenfinsternis entsteht ein Kernschatten, das ist der Bereich hinter der Abbildung der Sonne auf der Erde, und ein Halbschatten. Dies liegt daran, dass die Sonne eine ausgedehnte Lichtquelle ist; so fällt außerhalb des Kernschattens etwas Licht auf die Erde. Im Halbschatten kann die Bedeckung der Erde lange dauern, im Kernschatten nur Minuten. Die Sonnenfinsternis am Mittwoch beginnt in ganz Deutschland partiell von frühestens 19:12 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit an; sie dauert bis spätestens zum Sonnenuntergang um 21:04 Uhr Dabei wird im Südwesten ein Bedeckungsgrad von maximal 90 Prozent erreicht.

Wann ist das Phänomen in Berlin zu beobachten?

In Berlin dauert die partielle Sonnenfinsternis 1 Stunde und 23 Minuten. Rund 85 Prozent der Sonne sind zum Höhepunkt um 20:08 Uhr bedeckt. Der Mond schiebt sich von 19:15 langsam vor die Sonne – bis nur noch eine leuchtende Sichel knapp über dem Westhorizont sichtbar bleibt.

Wann ist die nächste partielle und die nächste vollständige Sonnenfinsternis in Deutschland zu sehen?

Eine Sonnenfinsternis kommt im Schnitt alle drei Jahre vor.

Allerdings war die letzte totale Sonnenfinsternis im Süden Deutschlands am 11. August 1999 zu sehen, die nächste wird erst am 3. September 2081 stattfinden. Die nächste partielle Sonnenfinsternis soll in Deutschland am 2. August 2027 sichtbar sein.

Prof. Dr. Ralf Jaumann

Prof. Dr. Ralf Jaumann
Bildquelle: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

Ist für Sie als Forscher eine Sonnenfinsternis noch etwas Besonderes?

Eine Sonnenfinsternis ist immer etwas Besonderes. Ein Aspekt ist sicherlich sehr interessant und weniger bekannt als die Schattenbildung durch das Verdecken. Erde und Mond beeinflussen sich durch ihre Gravitation gegenseitig, sie bremsen ihre Eigenrotation. Der Mond ist dabei völlig ausgebremst, er dreht sich einmal um sich selbst, während er die Erde umkreist. Die Erde wird dabei auch abgebremst und zwar um etwa 1,33 bis 1,7 Millisekunden werden die Tage pro Jahrhundert länger.

Dies hat mit dem Drehimpuls zu tun, wie bei der Pirouette einer Eiskunstläuferin. Die variablen Größen des Drehimpulses sind Winkelgeschwindigkeit, also Rotation, und die Entfernung der Körper voneinander. Ändert sich eine dieser Größen, muss sich auch die andere ändern. Wird die Rotation langsamer, muss die Entfernung Erde Mond größer werden – zurzeit sind es etwa 3,8 Zentimeter pro Jahr. Das bedeutet, dass der Mond früher viel näher bei der Erde war. Bei einer Sonnenfinsternis bedeckte der Mond die Sonne damals viel mehr als selbst bei einer totalen 100-Prozent Sonnenfinsternis in unserer Zeit.

In Zukunft, etwa in 600 Millionen Jahren wird der Mond so weit von der Erde entfernt sein, dass er die Sonne nicht mehr ganz bedecken kann. Die Erde gibt es seit 4,5 Milliarden Jahren und wird es auch noch ein paar Milliarden Jahre lang geben. Ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass eine totale Sonnenfinsternis genau dann auftritt, wenn auch das Publikum, also die Menschheit zur Beobachtung und Bewunderung da ist!

Wie hat sich der Umgang der Menschen mit solchen Phänomenen über die Jahrhunderte und in der Neuzeit verändert?

Nun, wenn die Sonne dunkel wird, macht das erst einmal Angst. Allerdings ließ sich dieses Phänomen dann doch als wiederkehrend erklären und später, dank des Astronomen Johannes Kepler, der von 1572 bis 1630 lebte, auch berechnen. Damit ist auch die Gelassenheit gewachsen.

Welche Gefahren gehen von der Sonnenfinsternis fürs menschliche Auge aus, und wie kann man sich schützen?

Ein direkter Blick in die Sonne kann die Netzhaut des Auges dauerhaft schädigen, was zu Sehbehinderung und Erblindung führen kann. Gefährlich ist, dass man das nicht gleich merkt. Man sollte auf jeden Fall eine Sonnenfinsternis nur mit einer speziellen Brille beobachten, am besten bedampfte Silber-Polyesterfolie oder schwarzes Polymer. Damit werden 99,9 des Sonnenlichts und Strahlung blockiert. Solche Brillen kann man einfach kaufen.

Wie schützen sich Tiere?

Ich glaube, Tiere sind hier klüger als Menschen, die schauen gar nicht in die Sonne.

Ralf Jaumann ist seit 2006 Honorarprofessor am Institut für Geologische Wissenschaften, Fachrichtung Planetologie und Fernerkundung der Freien Universität. Bis 2020 war er stellvertretender Leiter des Institutes für Planetenforschung und Leiter der Abteilung Planetengeologie am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Berlin-Adlershof. Er war und ist beteiligt an Missionen der Raufahrtorganisationen NASA, ESA und JAXA zum Mars und Venus, zum Saturn und Jupiter, zu Asteroiden und Kometen.