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Steht Russland vor dem wirtschaftlichen Kollaps?

Seit dem Ausbruch des vollumfänglichen Krieges häufen sich die Prognosen über den schnellen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft. Doch wie realistisch sind sie?

17.06.2026

Was sagt die Wissenschaft? Antworten von Prof. Dr. Alexander Libman, Politikwissenschaftler am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.

Was sagt die Wissenschaft? Antworten von Prof. Dr. Alexander Libman, Politikwissenschaftler am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: erstellt mit KI

Die intensiven Verflechtungen zwischen Russland und dem Westen ließen 2022 viele vermuten: Westliche Sanktionen werden zu einem schnellen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft führen. Dieser Zusammenbruch blieb aus: Im Gegenteil hat Russland 2023 und 2024 einen wirtschaftlichen Boom erlebt. Die marktwirtschaftliche Anpassung führte dazu, dass Russland neue wirtschaftliche Beziehungen, vor allem mit China und mit dem Globalen Süden, finden und Sanktionen effizient umgehen konnte. Das durch die Sanktionen in Russland eingesperrte Kapital, das für Investitionen verwendet wurde, der Anstieg der staatlichen Militärausgaben sowie steigende Reallöhne beschleunigten das Wachstum.

Prof. Dr. Alexander Libman

Prof. Dr. Alexander Libman
Bildquelle: privat

Prof. Dr. Alexander Libman ist Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Osteuropa und Russland. Er leitet die Abteilung Politik des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin.

Im Jahr 2025 kam dieser Boom zum Ende. Sogar offizielle staatliche Prognosen, die im Mai veröffentlicht wurden, gehen für das Jahr 2026 von einem Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent aus – also fast ein Nullwachstum. Diese Entwicklung hat drei Ursachen.

Was schwächt die Wirtschaft Russlands?

Erstens leidet Russland unter Knappheit der Arbeitsressourcen. Das Land hat eine Arbeitslosigkeitsrate von etwa 2 Prozent; es gibt schlichtweg keine Arbeitskräfte, die für den weiteren Anstieg der Produktion verwendet werden können. Dass der Staat nach wie vor denjenigen enorme wirtschaftliche Vorteile verspricht, die an die Front gehen (und deswegen in der produktiven Wirtschaft fehlen), macht die Lage nicht besser.

Zweitens greift der Staat mit Regulierungsmaßnahmen immer mehr in das wirtschaftliche Geschehen ein. Es geht dabei nicht um einen systematischen Kurs zur „mehr Staat“ oder gar Rückkehr zu Planwirtschaft, sondern eher um Handlungen einzelner Bürokrat*innen. Zum einen hat der Krieg die Position der Gruppen im russischen Staatsapparat gestärkt, die massive Einschränkungen des privaten Lebens zum Zwecke der Sicherheit und staatlichen Kontrolle fordern: Sie scheinen sich in den bürokratischen Kämpfen immer durchzusetzen. Zum anderen greifen die Beamten, die enorm unter dem Druck stehen, die politischen Ziele der Regierung durchzusetzen, immer häufiger zu nicht-marktwirtschaftlichen Instrumenten. Diese versprechen zwar schnelle Ergebnisse, sind aber für die wirtschaftliche Stabilität desaströs. Ein Beispiel dafür sind die massiven Einschränkungen des Internets, die sehr hohe wirtschaftliche Kosten für Russland mit sich bringen.

Drittens erlebt Russland einen neuen Umverteilungskampf um lukrative Unternehmen und Betriebe. Die Staatsanwaltschaft fordert immer öfter, dass diese ins Staatseigentum übertragen werden, oft unter vorgeschobenen Begründungen. Das verunsichert die Unternehmen und reduziert die Wirtschaftsleistung.

Eher lang andauernde Stagnation als plötzlicher Kollaps

Diese Entwicklungen sprechen jedoch eher für einen langfristigen Stagnationsprozess als für einen Kollaps. Ein Kollaps, also eine massive und schnelle Reduktion der Wirtschaftsleistung, würde viel aggressivere und tiefgreifendere Eingriffe des Staates ins Wirtschaftsgeschehen fordern – zum Beispiel unbegrenzte Geldemission, die zu einer Hyperinflation führen würde, oder komplettes Aussetzen der marktwirtschaftlichen Koordinierungsmechanismen.

Solange die Märkte in Russland grundsätzlich funktionieren, werden sie sich anpassen und die Wirtschaft am Laufen halten – wobei natürlich von einem Wirtschaftswachstum dann trotzdem keine Rede sein kann. Das bedeutet auch, dass Putin in absehbarer Zukunft trotz der wirtschaftlichen Probleme Geld für seinen Krieg in der Ukraine haben wird.

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Was sagt die Wissenschaft? In dieser Reihe antworten Forschende der Freien Universität Berlin auf Fragen unserer Zeit. Alle bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier