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Ihrer Zeit 100 Jahre voraus

Mit einem facettenreichen Programm feiert das Seminar für Tanzwissenschaft bis Mitte Juli das 20-jährige Bestehen der Valeska-Gert-Gastprofessur für Tanz und Performance

22.04.2026

Randfiguren und existenziellen Themen widmete sich Valeska Gert auf der Bühne auf nie dagewesene Weise, etwa in einem Tanz mit dem Namen „Der Tod“.

Randfiguren und existenziellen Themen widmete sich Valeska Gert auf der Bühne auf nie dagewesene Weise, etwa in einem Tanz mit dem Namen „Der Tod“.
Bildquelle: Suse Byk

„Über Donald Trump und seine Politik würde Valeska Gert wohl eine groteske, verzerrte Satire tanzen. Sie hätte sich ganz sicher nicht zurückgehalten“, sagt Lucia Ruprecht. Die Professorin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität leitet seit 2022 das Programm der Gastprofessur, das den Namen der Tänzerin, Schauspielerin und Kabarettistin trägt, die 1892 in Berlin geboren wurde und 1978 in Kampen auf Sylt starb. Initiiert wurde die Valeska-Gert-Gastprofessur 2006 von Lucia Ruprechts Vorgängerin, Professorin Gabriele Brandstetter. Kooperationspartner der Universität sind die Akademie der Künste und das Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Im Rahmen der Professur gastiert für den Zeitraum eines Semesters jeweils eine Choreografin oder ein Choreograf und arbeitet in einem Kurs des bundesweit für eine Universität einzigartigen Masterstudiengangs „Critical Dance Studies“ mit 10 bis 15 Studierenden zusammen. In Blockseminaren entsteht ein Werk oder Programm, das vielfältige Formen haben kann. Teil des Studiengangs ist damit praxisgeleitete Forschung, wie Wissenschaftlerin Lucia Ruprecht hervorhebt: „Wir sitzen nicht nur im Seminarraum und lesen Texte zu Tanz und dessen Geschichte, sondern die Studierenden erarbeiten ein Projekt im Dance Lab unterm Dach des Instituts. „Das Spannende daran ist, dass am Anfang nie klar ist, was am Ende dabei herauskommt“, sagt Lucia Ruprecht. Reizvoll dabei sei, dass nur wenige Studierende ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer sind.

Ihre Tanzsatiren begründeten ein eigenes Genre

Die Namenspatronin der Professur bietet den Teilnehmenden durch ihr Werk eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten, denn Sozialkritik und das Sprengen von Konventionen machten Valeska Gert zu einer der innovativsten Tänzerinnen der historischen Avantgarde; ihre Tanzsatiren begründeten ein eigenes Genre. Fast paradox ist dabei, dass Valeska Gert in der Tanzwissenschaft bis heute eine große Strahlkraft hat, obwohl sie in ihrer schöpferischen Blütezeit in den 1920er Jahren gar nicht zu den zu den zentralen Personen der damals vorherrschenden Ausdruckstanzbewegung, wie Mary Wigman und Rudolf von Laban, zählte. Das durch Wigman und Laban auch in deren Schulen verkörperte Tanzen in der Natur, die Ausrichtung an abstrakten Inhalten und das damit einhergehende Pathos habe Valeska Gert rundweg abgelehnt: „Am seelischen Ausdruck des expressionistischen neuen Menschen war Valeska Gert nicht interessiert. Sie machte sich darüber lustig und ist unter anderem bis heute so interessant, weil sie als Künstlerin eine Einzelkämpferin war“, sagt Lucia Ruprecht.

Als Jubiläumsgastprofessorin konnte die ungarisch-französische Choreografin, Filmemacherin und Performerin Eszter Salamon gewonnen werden.

Als Jubiläumsgastprofessorin konnte die ungarisch-französische Choreografin, Filmemacherin und Performerin Eszter Salamon gewonnen werden.
Bildquelle: Suse Byk

Valeska Gert habe ihre eigene Art entwickelt zu tanzen, und sie setzte ihre Stimme ein – zum Sprechen und zum Singen. In ihren überwiegend solistischen Tänzen und den pantomimischen Studien stellte Valeska Gert oft Menschen am Rande der Gesellschaft der Weimarer Republik dar. Sie nutzte dabei ihren Körper, dessen Grenzen und Möglichkeiten jenseits der Schönheitsstandards der Zeit. „Durch ihre grotesken und provokativen Pantomimen und Tänze schrieb sie Tanzgeschichte“, betont die Wissenschaftlerin. Und nicht nur das: Aus heutiger Sicht geradezu bahnbrechend ist, dass Valeska Gert, die als Jüdin vor den Nationalsozialisten in die USA floh, schon vor 100 Jahren Gender-Stereotypen durcheinanderwarf und damit zu einer Vorreiterin queerer und feministischer Kultur wurde. „Valeska Gert hat ihre Relevanz so auch posthum entwickelt“, sagt Lucia Ruprecht.

„The Living Book“ mit Eszter Salamon

Als 36. und Jubiläumsgastprofessorin konnte die ungarisch-französische Choreografin, Filmemacherin und Performerin Eszter Salamon gewonnen werden, die wie Valeska Gert über künstlerische Grenzen hinweg arbeitet. „Salamons Arbeiten gelten als die bedeutsamsten zeitgenössischen Auseinandersetzungen mit der grotesken Ästhetik Valeska Gerts“, hebt Lucia Ruprecht hervor. Eszter Salamon hat ihre Arbeit mit den Studierenden in den nächsten Wochen unter den Titel „The Living Book“ gestellt; sie nimmt sich dabei mit den Studierenden Valeska Gerts Autobiografie „Ich bin eine Hexe: Kaleidoskop meines Lebens“ aus dem Jahr 1968 vor. Das Semesterprogramm wird im Rahmen einer öffentlichen Festveranstaltung am 8. Juni um 19 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz vorgestellt. Dort präsentieren die Beteiligten einen Monat später, am 8. Juli, ebenfalls vor Publikum das Ergebnis ihrer künstlerisch-wissenschaftlichen Kooperation und Auseinandersetzung mit Valeska Gerts Wirken.

Die Leiterin des Programms betont, wie wesentlich es für die Verbindung von Kunst und Wissenschaft ist, gemeinsam mit dem Beirat der Gastprofessur auch weiterhin so wichtige Choreografinnen und Choreografen wie nora chipaumire, Deborah Hay, Koffi Kôkô, Xavier Le Roy und Meg Stuart für die Freie Universität zu gewinnen.

Studierende aus mehr als zehn Ländern

Die Studierenden des seit Oktober 2024 englischsprachigen Masterprogramms, mit dem die Lehre der Gastprofessur von Beginn an eng verwoben war, kommen derzeit aus mehr als zehn Ländern, sagt Lucia Ruprecht. Den Absolvierenden steht ein breites Tätigkeitsfeld offen: Sie sind tätig in Journalismus und Publizistik und dabei in Redaktionen für Tanz und Kunst, sie bekleiden Tanzdramaturgie-Stellen an Produktionshäusern und Theatern im In- und Ausland, sie arbeiten im Management von Produktionen und Projekten, nehmen Positionen in kulturpolitischen Netzwerken und Institutionen ein oder arbeiten in der Wissenschaft.

Weitere Informationen

  • Die Eröffnungsveranstaltung der Valeska-Gert-Gastprofessur von Eszter Salamon findet am 8. Juni 2026, 19 Uhr, in der Akademie der Künste statt
  • Teil des Jubiläumssemesters ist die öffentliche Vorlesungsreihe „Valeska Gert and Her Afterlives“, in der sich Vortragende aus dem In- und Ausland bis Mitte Juli dem Wirken und Vermächtnis der Künstlerin aus verschiedenen Blickwinkeln nähern.
  • Den Schlusspunkt der Reihe im Hörsaal des Instituts für Theaterwissenschaft in der Steglitzer Grunewaldstraße 35 gestaltet am 14. Juli Valeska Gert gewissermaßen selbst: Gezeigt wird sie im Stummfilm „Diary of a Lost Girl“ von G. W. Papst aus dem Jahr 1929, mit Live-Begleitung durch die Pianistin und Komponistin Eunice Martins.