Wenn Algorithmen alte Schriften lesen
Ein internationales Forschungsteam digitalisiert osmanisch-türkische Handschriften aus sechs Jahrhunderten vom Berg Athos. Eine neue Software soll sie automatisch transkribieren
22.04.2026
Seiten aus dem Buch Exodus in einer der frühesten gebundenen Ausgaben des Alten Testaments, die in den Archiven des Pantokratoros-Klosters aufbewahrt werden.
Bildquelle: Richard Wittmann
Wenn Richard Wittmann seinen türkischen Kollegen von einem fast 600 Jahre alten Zettel erzählt, den er in einem Kloster auf dem Berg Athos entdeckt hat, bekommen diese, wie er berichtet, eine Gänsehaut. Die Notiz, kaum größer als ein Post-it, ist ein schlichtes Glückwunschschreiben an einen Abt – verfasst in einfacher Prosa von Sultan Mehmed II., jenem Mann, der wenig später Konstantinopel für die Osmanen eroberte.
Der Zettel gehört zu rund 30.000 osmanisch-türkischen Dokumenten, die in den zwanzig Klöstern des Berges Athos lagern – einer halbautonomen Republik orthodoxer Mönche auf einer Halbinsel im Norden Griechenlands. Wittmann, stellvertretender Direktor des Orient-Instituts Istanbul, eines geisteswissenschaftlichen Instituts der Max-Weber-Stiftung, arbeitet in einem internationalen Forschungsteam namens „Manuscripta Ottomanica montis Athonis“ (Osmanische Handschriften des Berges Athos), zu dem auch Forschende der Freien Universität gehören.
Innerhalb von zehn Jahren wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler alle Dokumente digitalisieren und einen Katalog mit Transliterationen und Übersetzungen erstellen. Außerdem wollen sie die erste KI-gestützte Software entwickeln, die handschriftliches Osmanisch-Türkisch lesen kann. Die Forschenden hoffen, am Ende des Projekts besser zu verstehen, warum ein zukünftiger osmanischer Sultan – Herrscher eines der mächtigsten muslimischen Reiche – einem griechisch-orthodoxen Mönch so großen Respekt zollte.
Insel des Friedens
Der Berg Athos birgt einen einzigartigen Schatz an Dokumenten, die teils bis ins 9. Jahrhundert n. Chr. zurückreichen. In den Klöstern, die sich an steile Abhänge und Klippen schmiegen, liegen einige der weltweit ältesten Bibelausgaben und kunstvoll illuminierte Handschriften aus ganz Europa.
Neben diesen religiösen Texten haben sich Spuren von fast sechs Jahrhunderten osmanischer Herrschaft erhalten. Die Osmanen brachten diesen Teil Nordgriechenlands bereits vor dem Fall Konstantinopels 1453 unter ihre Kontrolle und hielten ihn bis 1912 – lange nach der Griechischen Revolution. Statt die orthodoxe Enklave gewaltsam zu unterwerfen, regelten sie ihr Verhältnis über Verhandlungen.
Die Klöster des Berges Athos besaßen – und halten noch immer – große Ländereien im östlichen Mittelmeerraum und auf dem Balkan; sie pflegten Handelskontakte bis nach Ägypten. Osmanisch-Türkisch war die Amtssprache des Reiches, und die Mönche bedienten sich der Sprache für ihren Kontakt zur Außenwelt.
Dass die Klöster so viele Schätze bewahren konnten, hängt wesentlich mit dieser Sammlung osmanischer Dokumente zusammen. Während seiner tausendjährigen Geschichte als Mönchsrepublik gelang es stets, dem Berg Athos zumindest ein gewisses Maß an Selbstverwaltung zu erhalten. Nach dem islamischen Recht des Osmanischen Reiches hätte eigentlich kein nichtmuslimisches staatsähnliches Gebilde über Autonomie verfügen dürfen – und doch habe die klösterliche Gemeinschaft genau das erreicht, erklärt Richard Wittmann.
Die Klöster (hier: Simonopetra) beherbergen einige der ältesten bekannten Bibelabschriften sowie illuminierte Handschriften aus ganz Europa.
Bildquelle: Richard Wittmann
Er leitet das Projekts und hat zuvor an der Freien Universität Berlin Turkologie und Islamwissenschaft studiert und an der Havard University promoviert. Nach dem Untergang des Byzantinischen Reiches gestatteten die neuen osmanischen Herrscher den Mönchen, sich weiterhin selbst zu verwalten, und stellten sie sogar unter offiziellen Schutz. Während der gesamten Zeit des Osmanischen Reichs konnten die Mönche ihre Lebensweise fortführen – und tun dies bis heute. „In gewisser Weise hat das Byzantinische Reich dort nie aufgehört zu existieren“, sagt Wittmann. Es wirke wie „ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit“.
Ein schillerndes Archiv des Alltags
Der Berg Athos ist bekanntermaßen schwer zugänglich: Er ist ausschließlich per Boot erreichbar, und Gäste – meist Pilger – brauchen eine Genehmigung, die nur kurze Aufenthalte erlaubt. Zutritt haben ausschließlich Männer. Die Abgeschiedenheit und Autonomie schützten die Halbinsel vor der Gewalt, die die umliegenden Regionen erschütterte – und retteten die Handschriften, die andernorts wohl zerstört worden wären.
Dr. Richard Wittmann, stellvertretender Direktor des Orient-Institut Istanbul und Leiter des Projekts Manuscripta Ottomanica montis Athonis
Bildquelle: PicturePeople, München
Für die meisten Dokumente des Athos in anderen Sprachen gebe es längst Kataloge, doch an die osmanisch-türkischen Bestände habe sich bislang kaum jemand gewagt, sagt Wittmann. Dabei bieten sie ein schillerndes Archiv: Stiftungsurkunden, Reisedokumente für Mönche auf dem Weg nach Istanbul, Kaufverträge, Ernennungsurkunden von Mönchen und Äbten – oft mit dem kunstvoll geschwungenen Siegel des Sultans versehen –, dazu Medikamentenbestellungen, Verkaufsregister und vieles mehr.
All das eröffnet faszinierende Einblicke in die Verwaltung und Lebenswelt großer Teile des Osmanischen Reiches und zeigt, wie geschickt orthodoxe Klöster mit den osmanischen Machthabern verhandelten, Beziehungen pflegten und sich immer wieder besondere Privilegien sicherten.
Briefe in blumigem Altgriechisch
Im Jahr 2021 erhielt Richard Wittmann überraschend eine Einladung zu einer Audienz beim Ökumenischen Patriarchen – dem Oberhaupt der orthodoxen Kirche mit Sitz in Istanbul. Bei ihrem Treffen nutzte er die Gelegenheit und fragte, ob Forschungsaufenthalte auf dem Athos möglich wären. Die Antwort: ein klares Ja.
Zur gleichen Zeit hielt sich auch Professor Johannes Niehoff-Panagiotidis, Leiter der Byzantinistik an der Freie Universität Berlin, als Gastwissenschaftler am Orient-Institut in Istanbul auf. Gemeinsam reisten Wittmann und Niehoff-Panagiotidis erstmals auf den Athos – und entwickelten dort die Idee für das Projekt. Daraus entstand eine weitreichende Kooperation, an der Universitäten aus Deutschland, den USA, Griechenland und Frankreich beteiligt sind.
Im August 2025 unterzeichnete das Orient-Institut eine Vereinbarung mit der Freien Universität Berlin, die gewissermaßen das Dach für das Projekt bildet. Seit vergangenem Herbst koordiniert Yasaman Rezaei das Projekt und die Zusammenarbeit der Partner, finanziert von der Freien Universität.
Die Forschenden suchten außerdem jemanden mit einer besonders seltenen Qualifikation: Diese Person sollte Texte im Kirchen- oder Patriarchatsgriechisch verfassen können. Bis heute wird die offizielle Korrespondenz der Athos-Klöster in dieser blumig-ornamentreichen Form des Altgriechischen abgefasst.
Dr. Yasaman Rezaei, Koordinatorin des Projekts Manuscripta Ottomanica montis Athonis (MOmA)
Bildquelle: PicturePeople GmbH
Die Freie Universität sagte auch hier Unterstützung zu und finanzierte die Anstellung von Nikos Papaioannou, der zugleich als Sekretär im Archiv des Patriarchen in Istanbul arbeitet. Doch selbst, wenn eine kleine Gruppe von Forschenden Zugang zu den Klöstern erhält, reicht das bei Weitem nicht aus, um die osmanisch-türkischen Bestände umfassend zu erschließen. Ein weiteres Hindernis: Nur wenige Forschende können osmanisches Türkisch lesen – eine Sprache, die in einer abgewandelten arabischen Schrift geschrieben wurde. Selbst auf dem Athos beherrscht unter den rund 2000 Mönchen nur ein einziger diese Schrift. „So erscheint moderne Technologie gewissermaßen wie vom Himmel gesandt – genau im richtigen Moment“, sagt Wittmann.
Bestände digital sichern und zugänglich machen
Alle Dokumente werden in den kommenden zwei Jahren digitalisiert werden – das übernehmen Teams von Family-Search, einer Ausgründung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage für Ahnenforschung. Damit werden die Bestände digital gesichert und erstmals außerhalb des Athos zugänglich gemacht. Auf Basis dieser Scans entwickeln IT-Experten ein Tool zur Handschriftenerkennung, das osmanisch-türkische Handschriften automatisch liest und transkribiert.
Die schiere Menge an Dokumenten und die über Jahrhunderte gewachsene Vielfalt ihrer Schreibweisen lieferten, so Wittmann, genau das Material, das eine KI brauche, um daraus zu lernen. Sobald alle Dokumente gescannt und erste Transkriptionen erstellt sind, werden Studierende diese überprüfen und korrigieren.
Diese Arbeit wird voraussichtlich drei bis fünf Jahre dauern. Am Ende des Projekts wird ein Katalog die Scans, Transliterationen und Übersetzungen aller osmanisch-türkischen Dokumente des Athos zusammenführen. Forschende können darin Begriffe suchen und innerhalb von Sekunden alle relevanten Dokumente finden.
Yasaman Rezaei, die im vergangenen Jahr ihre Promotion im Fach Byzantinistik an der Freien Universität abgeschlossen hat, konnte bereits einen Prototyp testen: „Es war beeindruckend. Ich dachte: Wie schade, dass ich so etwas noch nicht für meine Promotion nutzen konnte.“
Aus dem Englischen übersetzt




