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„Manchmal streckt die Geschichte unerwartet die Hand aus“

Wie die italienische Renaissance-Literatur zur anti-emanzipatorischen Waffe wurde – ein Gespräch mit dem Romanisten Nicolas Longinotti

22.04.2026

Erzengel Eliel mit einer Arkebuse. Das Gemälde verbindet christliche und indigene Symbolik. Zugleich lässt sich die Darstellung der christlichen Figur in der eleganten Kleidung eines spanischen Artillerieoffiziers als Teil einer visuellen Legitimatio

Erzengel Eliel mit einer Arkebuse. Das Gemälde verbindet christliche und indigene Symbolik. Zugleich lässt sich die Darstellung der christlichen Figur in der eleganten Kleidung eines spanischen Artillerieoffiziers als Teil einer visuellen Legitimatio
Bildquelle: Anonym 1690 – 1720 / Wikimedia Commons

Herr Longinotti, Ihr Forschungsprojekt trägt den Titel „Weaponizing Italian Renaissance Literature: Catholicism, Gender, and Race in Colonial Latin America“ – auf Deutsch etwa: „Italienische Renaissance-Literatur als Waffe: Katholizismus, Gender und Race im kolonialen Lateinamerika“. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Der Ausgangspunkt war meine Promotion über Francesco Petrarca, einen Dichter, der sich im Italien des 14. Jahrhunderts als erster Mensch der Renaissance inszenierte, also als jemand, der eine neue Epoche einleitet. Davon ausgehend habe ich verfolgt, wie sich die Idee der Renaissance verändert hat und in andere Teile der Welt gelangt ist. In Lateinamerika traf die Conquista, die Eroberung des mittel- und südamerikanischen Festlandes durch Spanien und Portugal, auf Menschen mit vollkommen anderen Geschichten und Traditionen.

Und genau das hat mich interessiert: Was passiert mit dieser europäischen Idee in einem fremden Kontext? Inwiefern wird die italienische Literatur in diesem kolonialen Projekt als Waffe eingesetzt – oder eben auch nicht?

Was meinen Sie konkret, wenn Sie davon sprechen, dass Literatur als Waffe eingesetzt wird?

Ein Beispiel: Der spanische Dichter Diego Dávalos y Figueroa schreibt Anfang des 17. Jahrhunderts einen fiktiven Dialog mit seiner Frau, in dem beide über europäische Kultur, insbesondere über die Vorstellung von Liebe, diskutieren. Sie beschreiben Liebe als erhabenes Gefühl, das nur besonders feinsinnigen, gebildeten Menschen zugänglich sei. Dabei stützen sie sich auf das Liebes-Modell von Petrarca und Dante.

Im zweiten Teil des Werkes wird genau dieses Konzept genutzt, um über die indigene Bevölkerung zu urteilen. Die Frau fragt: Können Indigene eigentlich auch lieben? Die Antwort ihres Mannes ist ziemlich kategorisch: Nein, denn sie seien praktisch wie Tiere, ohne höhere Gefühle, ganz im Augenblick verhaftet. Alles Kultivierte sei europäisch. Ich habe mehrere solcher Fälle gefunden, in denen ein kulturelles Konzept benutzt wird, um indigene Menschen als weniger menschlich darzustellen.

Die Renaissance gilt gemeinhin als das goldene Zeitalter der europäischen Kultur. Wird sie zu Unrecht verklärt?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Sie war zweifellos ein kultureller Höhepunkt. Aber die Postkolonialforschung hat gezeigt, wie eng die Renaissance – ohnehin eine Epoche voller Konflikte und Spannungen – mit der Kolonialisierung verknüpft ist. Damals begannen Europäer zu glauben, dass die Geschichte der gesamten Menschheit nur aus einer Perspektive – nämlich der europäischen – erzählt werden kann, deren Höhepunkt die Renaissance sei. Alle Kulturen, die diesen Maßstab nicht erfüllten, wurden als barbarisch abgestempelt.

Was mich an Lateinamerika besonders fasziniert: Viele Kolonialautoren suchen ihre Legitimation nicht über Spanien, obwohl sie Spanisch schreiben, sondern über Italien. Sie inszenieren sich als Erben des Römischen Kaiserreichs, und über diese Verbindung zum Alten Rom und zur Katholischen Kirche rechtfertigen sie den modernen Kolonialismus.

Das Titelblatt des Parnaso antártico von Diego Mexía de Fernandil stammt aus dem Jahr 1608.

Das Titelblatt des Parnaso antártico von Diego Mexía de Fernandil stammt aus dem Jahr 1608.
Bildquelle: Wiki Commons

Die italienische Dichterin Vittoria Colonna (1492–1547) gilt als Vorreiterin feministischen Denkens. Trotzdem scheint ihr Werk in Lateinamerika eingesetzt worden zu sein, um ein Modell der idealen christlichen Frau zu konstruieren: verheiratet, keusch und ihrem Mann auch nach dessen Tod treu ergeben. Wie passt das zusammen?

Colonna war eine der ersten bedeutenden Dichterinnen in der europäischen Literatur. Ihr Werk ist stark christlich geprägt, deutlich mehr als die Hälfte ihrer Gedichte behandelt religiöse Themen. Bei der Rezeption in Lateinamerika rücken jedoch ganz bestimmte Aspekte in den Vordergrund: Sie war verheiratet, ihrem Mann treu, und sie schrieb auch nach dessen Tod ausschließlich über ihn.

Genau das wird nun zum Modell für lateinamerikanische Frauen erklärt. Nicht die selbstbestimmte Dichterin zählt, sondern die ideale katholische Ehefrau. Die emanzipatorische Dimension ihres Werkes wird ausgeblendet, die konservative betont. Das ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung.

Hat das Forschungsprojekt Ihren eigenen Blick auf die Renaissance-Literatur verändert?

Viele Werke, die heute weniger bekannt sind, können uns trotzdem sehr viel sagen. Die lateinamerikanische Literatur der Zeit zeigt mir, wie ich die großen Texte der italienischen Renaissance neu schätzen lernen kann. Wenn ich sehe, wie lateinamerikanische Autorinnen und Autoren mit Petrarca, Ariost oder Colonna umgehen, erkenne ich die Strahlkraft dieser Originale noch einmal aus ganz anderer Perspektive und entdecke immer neue Aspekte.

Gleichzeitig lese ich die Texte heute aufmerksamer: auf die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern hin, auf die Art, wie das Fremde dargestellt wird.

Was hat Sie bei Ihrer Forschung am meisten überrascht?

Etwas, das kurios klingt: In Dávalos’ Werk gibt es ein ganzes Kapitel über Pferde und ihre Rolle in der europäischen Kultur. Ich habe es in dem Sommer gelesen, als „Barbie“ im Kino lief – ein Film, in dem Männer obsessiv mit Pferden assoziiert werden. Kurz darauf sah ich „Oppenheimer“, dessen Protagonist während der Entwicklung des Manhattan-Projekts – des US-militärischen Atomforschungsprojekts Anfang der 1940er Jahre – davon träumt, auf seiner Ranch in New Mexico Pferde zu reiten.

Und da saß ich mit einem Text aus dem 17. Jahrhundert, der dieselbe Verknüpfung herstellt: Pferde als Symbol männlicher Identität. Diese Kontinuität über die Jahrhunderte hat mich wirklich erstaunt. Manchmal streckt die Geschichte unerwartet die Hand aus.

Die Fragen stellte Christopher Ferner