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Eine Brücke, die zu lange Einbahnstraße war

Ein Projekt am John-F.-Kennedy-Institut soll die Forschung zu einem vernachlässigten Kapitel der Black History voranbringen: den prägenden Besuchen prominenter afroamerikanischer Intellektueller in Deutschland

22.04.2026

Audre Lorde war mehrfach als Gastprofessorin in Berlin. Das Bild zegt sie 1992 am Winterfeldtmarkt.

Audre Lorde war mehrfach als Gastprofessorin in Berlin. Das Bild zegt sie 1992 am Winterfeldtmarkt.
Bildquelle: Dagmar Schultz

Wenn wir Seminare im Raum 340 haben, erinnere ich die Studierenden daran: Genau hier hat Audre Lorde ihre Kurse gehalten“, sagt Helen Gibson. „Man kann ihre Präsenz spüren, sie leitet uns. Das macht mich glücklich.“

1984 kam Audre Lorde als Gastprofessorin zum ersten Mal nach Berlin. Drei Kurse hat die bekannte US-amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin im Sommersemester 1984 in besagtem Raum am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität gegeben. Als Lehrbeauftragte und Research Fellow des Instituts lehrt Helen Gibson regelmäßig dort.

Hier ist das neue Projekt „Zwischen Imperium und Exil: Afroamerikanisches Denken und die deutsche koloniale Imagination“ angesiedelt, gemeinsam geleitet von Helen Gibson und K. Bailey Thomas, „Eleanor M. Carlson Visiting Assistant Professor in the Department of Gender and Women’s Studies“ an der US-amerikanischen University of RhodeIsland. Beide forschen zu afroamerikanischer feministischer Theorie, Gibson aus historischer Perspektive, Thomas aus erkenntnistheoretischer. „Mich interessiert, wie Gruppen Wissen konstruieren und teilen, aber auch, was verhindert, dass Wissen weitergegeben wird“, sagt Helen Gibson.

Audre Lorde ist ein gutes Beispiel für das Teilen, aber auch für das Verblassen von Wissen.

Zwischen 1984 und 1992 lebte Lorde in jedem Jahr einige Wochen in Berlin. Als Mentorin ermutigte sie vor allem afrodeutsche Frauen, ihre Identität selbst zu definieren und sich zu organisieren. In ihren Vorträgen thematisierte sie regelmäßig Sexismus, Rassismus und Deutschlands koloniale Verstrickungen. Doch während ihre Schriften heute rege studiert werden, gebe es kaum Forschung zu Lordes Lesungen und Seminaren, so Thomas. „Sie sind zwar im Archiv der Freien Universität gut zugänglich, aber niemand hat sie vollständig verschriftlicht.“

Die vergangenen Semesterferien verbrachte Thomas deshalb im Universitätsarchiv und transkribierte mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitenden alle Aufnahmen. Eine Publikation soll Lordes Vorträge zugänglich machen – nicht nur für Forschende, auch für die breite Öffentlichkeit.

K. Bailey Thomas sagt: „Die weiße Mehrheitsgesellschaft in Deutschland nimmt Black History als Parallelerzählung wahr. Dabei ist die Geschichte der Schwarzen ein zentraler Teil der Geschichte dieses Landes.“ Das führe mitunter zu absurden Situationen: „Deutsche Institutionen laden schwarze Amerikanerinnen wie mich ein, um über Rassismus in den USA zu sprechen. Ich muss ihnen dann sagen: ‚Dasselbe ist hier passiert – und es passiert immer noch.‘“

Aufklärung und Kolonialismus

Kaum bekannt ist, dass gerade dieser „koloniale Gedächtnisverlust“ als Katalysator für philosophische und politische Theorien wirkte. Der Soziologe W.E.B. Du Bois etwa schrieb später in seinen Erinnerungen an seine Berliner Studienzeit ab 1892: Hier habe er „das Rassenproblem in Amerika, das Problem der Völker in Afrika und Asien und die politische Entwicklung in Europa als etwas Zusammenhängendes“ begriffen.

Der Philosoph und Journalist William Pickens nahm 1927 im Preußischen Herrenhaus an einer Kundgebung für die „Weltemanzipation der farbigen Rassen“ teil. Helen Gibson sagt dazu: „Pickens thematisierte damals den Gegensatz, den viele Deutsche ignorierten: einerseits die deutsche Aufklärung, andererseits das Erbe der Kolonialherrschaft in Afrika und das Aufkommen des Nationalsozialismus.“

Mit ihrem Projekt, das von der Stiftung Deutsch-Amerikanische Wissenschaftsbeziehungen gefördert wird, wollen Gibson und Thomas die Forschung voranbringen, vor allem aber Neugier wecken für diese Geschichten. Thomas sagt: „Ein Traum wäre es zum Beispiel, wenn afrodeutsche Schriftstellerinnen und Aktivistinnen wie May Ayim oder Katharina Oguntoye irgendwann ganz selbstverständlich zum Lehrplan an Berliner Schulen gehören.“ Zur internationalen Abschlusskonferenz für das Projekt im Dezember sind deshalb auch Lehrerinnen und Lehrer eingeladen.

Black Studies fördern

Darüber hinaus kommt Thomas in diesem Jahr dreimal an das John-F.-Kennedy-Institut: Unter anderem finden virtuelle Lesegruppen zum Werk afroamerikanischer Intellektueller statt, etwa zu W.E.B. Du Bois, Jennifer L. Morgan und Christina Sharpe. Im Juli richten Thomas und Gibson mehrere Veranstaltungen aus, darunter eine Gesprächsrunde mit afrodeutschen Intellektuellen und Forschenden aus der Public History.

An deutschen Universitäten gibt es keine Professuren oder Studiengänge für Black Studies.

Wer eine wissenschaftliche Laufbahn in diesem Feld plane, müsse ins Ausland gehen, sagt Thomas: in die USA, nach Kanada oder Großbritannien. Beispiele hierfür sind Fatima El-Tayeb, die in Hamburg promovierte, oder Alexander Ghedi Weheliye, der sein Bachelorstudium an der Freien Universität absolviert hat. Beide lehren an US-amerikanischen Ivy-League-Universitäten. „Der Braindrain in diesem Forschungsfeld ist offensichtlich“, sagt Thomas.

Das große Ziel des Projekts sei deshalb, Deutschland als eigenständige Stimme in der schwarzen transatlantischen Geistesgeschichte fester zu etablieren. „Die Freie Universität hat das Potenzial, ein führendes Zentrum für Black Critical Theory zu werden“, sagt Thomas. „Ihr Lehrpersonal ist gut vernetzt und hat reichlich Expertise. Und viele Studierenden warten sehnsüchtig auf Veranstaltungen zu diesem Thema.“