Was kannst du bewegen?
20 Jahre „Schüler:innenUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz“ – auch in diesem Frühling waren mehr als 1300 Kinder auf dem Campus der Freien Universität Berlin in Dahlem
22.04.2026
Wie wollen wir leben? Und was kostet dies? Schülerinnen und Schüler gestalten Modelle ihrer Traumstadt …,
Bildquelle: Anne Kostrezewa
Ida und Justus verhandeln über die Zukunft. „Wir brauchen breitere Radwege“, fordert Ida, während sie für ihr Stadtmodell eine Grünfläche ausschneidet. „Wenn genug Platz ist, fahren auch mehr Menschen mit dem Fahrrad.“ Justus schüttelt den Kopf: „Die Straße ist auch wichtig. Wo soll denn sonst der Krankenwagen fahren? Und die Müllabfuhr?“ „Also meine Traumstadt hat nicht so viele Straßen“, sagt Ida. „Meine schon“, antwortet Justus. „Mir ist nämlich auch wichtig, dass sie sicher und sauber ist.“
Die beiden Kinder sind mit ihrer Klasse an die Freie Universität gekommen, um im Rahmen der „Schüler:innenUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz“ mehr über nachhaltige Entwicklung zu lernen.
Der Workshop „Gestaltet eure Traumstadt – Klimafreundlich & lebenswert“ ist eine von insgesamt 66 Veranstaltungen, zu der im März mehr als 1300 Fünft- und Sechstklässlerinnen und -klässler auf den Dahlemer Campus und an andere Universitätsstandorte kamen. Hier durften sie interaktiv und praxisnah lernen, forschen und ihr Bewusstsein schärfen für Fragen, die die Zukunft des Planeten betreffen.Während Justus und Ida nach einem Kompromiss suchen, rennen Schülerinnen und Schüler einer Zehlendorfer Grundschule immer wieder den Gang auf und ab, steigen die Treppenstufen ins Untergeschoss hinunter und springen Seil. Zuvor haben sie für den Workshop „Stromausfall, Strommix und Kabelsalat – wir erkunden, was in der Steckdose steckt“ ein Frühstück vorbereitet und gemessen, wie viel Strom sie dabei verbrauchen, etwa um Tee zu kochen, Kaffeebohnen zu mahlen oder Milch aufzuschäumen. Nun versuchen sie, dieselbe Energie mit dem Körper zu erzeugen.
Für eine Scheibe Toast müssen Lea und Maisie zweieinhalb Minuten Treppensteigen. Max hat ein Ei im Topf gekocht und müsste dafür nun eine Stunde schnell joggen.
Am Ende ihres Workshops sitzen die Kinder mit roten Wangen und verschwitzten Haaren in der Feedbackrunde. „Eine Herdplatte verbraucht krass viel Strom, das war mir so nicht klar“, sagt Max. Die Kinder einigen sich, künftig noch genauer darauf zu achten, nicht genutzte Geräte auszuschalten.
Kinderrechte erfahren
Nebenan isolieren Schülerinnen und Schüler einer 6. Klasse aus Spandau im Workshop „Umbau statt Abriss – wir gestalten ein Haus für die Zukunft“ mit verschiedenen Naturmaterialien einen Schuhkarton und messen, wie sich die Temperatur im Innern ändert. Leo sagt: „Es ist spannend zu erfahren, welche Materialien umweltverträglich sind.“ Hannah ergänzt: „Mehr ist nicht immer besser. Viele dünne Schichten isolieren sogar besser als eine dicke.“
Einen Gang weiter entwickelt eine 6. Klasse aus Mariendorf Ideen, wie sie einen Baum retten könnte, der für den Neubau einer Turnhalle gefällt werden soll. In dem Theater-Workshop „Mitgestalten – dein Recht auf Mitbestimmung“ haben die Schülerinnen und Schüler zunächst viel über Kinderrechte erfahren und stellen nun auf der Bühne Lösungen vor: In einer Gruppe wird die alte Turnhalle kurzerhand renoviert, statt neu gebaut. Eine andere Gruppe verlegt den Bauplatz, eine dritte ruft zu einer Großdemo auf.
Was die Kinder lernen: Ihre Stimme ist wichtig, und mit den Kinderrechten verpflichten sich Erwachsene, Kindern zuzuhören und sie ernst zu nehmen.
„Die Kinder überraschen mich immer aufs Neue mit ihren Ideen“, sagt Theaterpädagoge Fabian Schrader, der den Workshop leitet. „Ich möchte ihnen Mut machen, für das einzustehen, was ihnen wichtig ist.“
… rechnen, wie viel Strom ein Frühstück verbraucht und gehen auf virtuelle Spurensuche im indonesischen Regenwald.
Bildquelle: Anne Kostrezewa
Lehrerin Birgit Stolte kommt seit 2008 immer wieder mit Klassen zur „Schüler:innenUni“. Sie sagt: „Ich finde es so wichtig, Kinder auch mal aus dem Kokon der Schule herauszuholen und sie das echte Leben kennenlernen zu lassen. Hier kommen sie ins Gespräch, schauen über den eigenen Tellerrand und lernen, Dinge und Zustände nicht einfach als gegeben hinzunehmen.“ Das sei heute wichtiger denn je, sagt Birgit Stolte:
„Durch Suchmaschinen und KI fällt es den Kindern zunehmend schwerer, sich selbst in ein Thema hineinzudenken, Zustände kritisch zu hinterfragen und Probleme konstruktiv anzugehen.“
Den kritischen Blick auf Gewohnheiten schärft auch eine 6. Klasse aus Wilmersdorf. In ihrem Workshop „Tropenwald auf dem Frühstückstisch“ in einem Seminarraum der Holzlaube gehen die Schülerinnen und Schüler virtuell auf Spurensuche im Regenwald. Vom Umweltpädagogen Christian Offer lernen sie, dass Wälder für etwa 500 Millionen Menschen weltweit die Lebensgrundlage bilden, warum der Wald für das Klima so wichtig ist – er ist wie eine natürliche Klimaanlage – und wieso bei tropischen Lebensmitteln wie Bananen das Label „fair trade“ wichtig ist für jene, die das Obst anbauen.
Als Christian Offer erklärt, dass in vielen Ländern auch Kinder mitarbeiten müssen, ist der Aufschrei groß: „Ist Kinderarbeit nicht eigentlich verboten?“, fragt eine Schülerin erschrocken. Dieselbe Frage wird auch im Workshop „Unser Smartphone unter der Lupe – welche Ressourcen stecken drin“ gestellt, den eine 6. Klasse aus Berlin-Buch besucht. Die Kinder haben gerade auf der großen Weltkarte gesehen, wo die Rohstoffe herkommen, die in Handys stecken. Dann erfahren sie, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Minen oft schlecht bezahlt und von der Arbeit krank werden und vielerorts minderjährig sind.
„Wenn man nicht immer gleich ein neues Handy kauft, sondern sein altes länger benutzt, müssten nicht so viele neue Handys gebaut werden“, argumentiert ein Schüler. „Dann braucht man weniger Rohstoffe, und die Kinder hätten Zeit, zur Schule zu gehen.“
Es sind Momente wie dieser, die die Initiatorin und Projektleiterin der Schüler:innenUni“, Karola Braun-Wanke, zum Lächeln bringen: „Genau darum geht es uns“, sagt sie. „Die Kinder setzen sich gemeinsam mit Problemen auseinander und suchen zusammen nach Lösungen. Sie reflektieren, welche Rolle sie in der Welt spielen und dass es einen Unterschied macht, ob ein Mensch handelt oder nicht.“
Vom Pilotprojekt zum Erfolg
Als Pilotprojekt wurde die „Schüler:innenUni“ im Jahr 2006 zum ersten Mal organisiert, in diesem Frühling und Herbst findet sie im 20. Jahr statt. Seitdem konnte die Freie Universität jährlich bis zu 3000 Schülerinnen und Schüler auf dem Campus willkommen heißen. „Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren inhaltlich weiterentwickelt“, sagt Karola Braun-Wanke. „Wir orientieren uns auch an den Lehrkräften und bringen immer wieder neue Aspekte ins Programm ein. Auch deshalb bleibt das Format so erfolgreich.“
Begleitet wird die „Schüler:innenUni“ von Fortbildungen für Lehrkräfte, die die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz auch in der Schule über den Lehrplan hinaus vertiefen möchten. Und indem manche Workshops von Lehramtsstudierenden geleitet werden, erreichen die Themen bereits die Lehrkräfte von morgen.
Auch dieses Mal waren beispielsweise sechs von Studierenden geleitete Workshops der Politikdidaktik im Programm, in denen „Wege in eine nachhaltige Zukunft“ entworfen wurden.
Es ging um Meeresverschmutzung, Frieden, Plastik, Tiefseebergbau, die Ostseeküste und die Fragen „Wer trägt Verantwortung? Was ist fair? Und was kannst du selbst bewegen?“. Ein weiterer von Studierenden geleiteter Workshop ging auf negative Gefühle ein, die die Folgen des Klimawandels auslösen können, und wie Kinder etwa mit Hilflosigkeit oder Angst umgehen.
Ida und Justus haben das Modell ihrer Stadt der Zukunft unterdessen fertiggestellt. Ganz einigen konnten sie sich nicht: Ihre Stadt hat breite Straßen und viele Radwege bekommen, aber auch reichlich Grün drumherum. Und vielleicht kommt das der tatsächlichen Zukunft nicht nur in Städten am nächsten: Man findet gemeinsam Kompromisse, damit es für möglichst viele Menschen schön wird.


