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Lernen mit ganz viel Glücksgefühl

Sprachen lernen ohne Frust: Wie das geht, weiß Michaela Sambanis. Die Professorin für Didaktik des Englischen hat mit ihrem Kollegen Christian Ludwig das Konzept des „Happy Learning“ entwickelt

22.04.2026

Ansätze aus dem Improvisationstheater helfen dabei, ins Sprechen zu kommen.

Ansätze aus dem Improvisationstheater helfen dabei, ins Sprechen zu kommen.
Bildquelle: Paul Scheffler

Frau Professorin Sambanis, warum brauchen wir einen neuen Ansatz des Lernens?

Wir leben in einer Welt voller Herausforderungen, was besonders bei jungen Menschen für große Frustration sorgen kann. Die digitale Transformation droht das Gehirn zu überfordern, weil es ständig mit Informationen überflutet wird und zunehmend verlernt, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren.

Dazu kommen Kriege, Krisen und Konflikte, die Angst machen, erschöpfen und für großen Stress sorgen. Würden wir so weitermachen wie bisher, wäre das Lernen nur eine weitere Schwierigkeit, die es zu bewältigen gilt.

Stattdessen wollen Sie erreichen, dass Lernen nicht nur leichter fällt, sondern sogar glücklich macht. Quasi ein Gegengift zu den Herausforderungen des Weltgeschehens?

Lernen kann auf jeden Fall dazu beitragen, sich wohler zu fühlen. Die Gehirnforschung lehrt uns, dass es Freude machen kann, sich anzustrengen und Aufgaben zu meistern, etwa wenn wir ein Quiz lösen. In dem Moment wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet, und wir erleben ein Gefühl der Belohnung.

Warum ist das so?

Menschen sind für das Lernen geschaffen, und nicht zu lernen, macht sogar langfristig unglücklich. Schon Babys sind unheimlich neugierig, und Kinder stellen auch deshalb so viele Fragen, weil sie die Welt erleben und wirklich verstehen möchten. Sie sind voller Lernbereitschaft und Lernfreude. Das Gehirn will Wissen verarbeiten und Informationen nicht nur durchrauschen lassen.

Warum empfinden wir dann, je älter wir werden, das Lernen zunehmend als Belastung?

Weil das Gehirn sehr plastisch ist, es passt sich an das an, was ihm geboten wird. Im digitalen Zeitalter, in dem wir nun mal leben, ist jede Antwort nur einen Klick entfernt. Was wir dadurch verinnerlichen: Das muss ich gar nicht lernen, ich kann es ja jederzeit anderweitig abrufen. So wird das Gehirn nicht mehr gefordert, und das Erlangen von Informationen ist nicht mehr an das Belohnungssystem gekoppelt.

Christian Ludwig und Michaela Sambanis forschen am Institut für Englische Phililogie der Freien Universität zur Didaktik des Englischen.

Christian Ludwig und Michaela Sambanis forschen am Institut für Englische Phililogie der Freien Universität zur Didaktik des Englischen.
Bildquelle: Paul Scheffler

Mit Ihrem Konzept des „Happy Learning“ wollen Sie diese Entwicklung umkehren: Lernen, insbesondere das Lernen von Fremdsprachen, soll wieder glücklich machen und dadurch auch leichter fallen.

Wir nennen es Positive Didaktik: Unser Ziel ist es, Lernen mit schönen Emotionen zu verknüpfen. Sprachunterricht soll guttun. Wer beim Lernen entspannt ist, kann sich besser konzentrieren und den Lernstoff leichter abspeichern. Deshalb wollen wir auch Strategien vermitteln, die den Lernenden helfen, zur Ruhe zu kommen und negative Gefühle zu überwinden. Und noch etwas ist uns wichtig: Auch die Lehrkraft soll sich wohl fühlen, damit sie gern im Beruf bleibt und nicht ausbrennt.

Sie arbeiten in Ihren Seminaren mit Lehramtsstudierenden, geben Workshops für Lehrkräfte und gehen direkt an Schulen. Funktioniert „Happy Learning“ denn für alle?

Ja, von unserem Konzept profitieren alle, und ich würde auch so weit gehen zu sagen, dass jeder Mensch am Lernen Freude haben kann. Je früher wir ansetzen, desto leichter wird es den Lernenden fallen, das Positive und ihre eigenen Stärken zu sehen und dadurch langfristig besser zu lernen. Aber es ist nie zu spät, damit anzufangen.

Wie vermitteln Sie das konkret?

Wir beginnen immer mit einem Energizer. An Grundschulen setzen wir den Akzent auf Bewegung, an weiterführenden Schulen eignen sich auch Elemente aus dem Improvisationstheater. Besonders gut geht das im Kreis: sich gemeinsam bewegen, zusammen lachen, sich einen Ball zuwerfen oder positive Wörter sagen, zum Beispiel. Auch Atemübungen können helfen, um in ein positives Mindset zu kommen. Dann analysieren wir: Wie geht es mir? Welche Effekte hatte diese Übung auf mich oder meine Schülerinnen und Schüler? Das ist schon der erste Aha-Moment: Das kann ich also tun, um mich gut zu fühlen. Das dann beim Lernen selbst abrufen zu können, ist das Ziel.

Wie geht es danach weiter?

Nach diesem Einstieg ist das Gehirn bereit für neue Informationen. In Seminaren vermittle ich hier den Forschungs- oder Theorieteil. Wenn ich spüre, dass die Konzentration bei den Lernenden nachlässt, baue ich eine Bewegungsübung ein. Abschließend diskutieren wir über die Methode und reflektieren: Was kann ich dadurch mitnehmen?

Besonders bei Fremdsprachen haben viele Lernende Hemmungen, im Unterricht laut zu sprechen, aus Sorge, etwas Falsches zu sagen. Kann Ihr Ansatz auch dabei helfen?

Ja, diese „foreign language anxiety“ erleben viele Lernende. Auch da können Ansätze aus dem Impro-Theater helfen, um ins Sprechen zu kommen. Oder man stellt sich gerade hin, macht sich groß. Das bewirkt im Gehirn auch schon ganz viel.

Ihr Buch „Happy Learning – Glücklich und erfolgreich Sprachen lernen“, das Sie gemeinsam mit Christian Ludwig geschrieben haben, ist kürzlich auch in der englischen Fassung erschienen. Funktioniert der Ansatz weltweit?

Ich bin viel international unterwegs, und da kommt diese Frage immer wieder auf. Grundsätzlich ist vieles universell anwendbar. Bei speziellen Lernumgebungen, etwa wenn in einer Schulklasse in Kamerun hundert Kinder sitzen, überlegen wir mit den Lehrkräften gemeinsam, wie wir die Strategien anpassen können, damit sie auch dort funktionieren.

Ihr Fokus ist das Sprachenlernen. Kann die Positive Didaktik ein Vorbild auch für andere Fächer sein?

Lernen bedeutet ja ganz grundsätzlich, Reize im Gehirn zu verarbeiten, ganz gleich, um welches Fach es sich handelt. Hat man Spaß am Lernen, kann man in jedem Bereich in einen Flow kommen. Es wäre großartig, wenn andere Didaktiken unseren Ansatz für sich weiterentwickeln würden – und wenn viele Menschen Freude am Sprachenlernen hätten und beim Lernen Glück fänden.

Die Fragen stellte Anne Kostrzewa

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