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Willst du Forschung mitbestimmen?

Wie lebensnah ist die Forschung zu mentaler Gesundheit? Bei KOMMIT-KIDS sollen Kinder und Jugendliche mitreden können

22.04.2026

Wer entscheidet eigentlich, worüber zur mentalen Gesundheit von Kindern geforscht wird?

Wer entscheidet eigentlich, worüber zur mentalen Gesundheit von Kindern geforscht wird?
Bildquelle: picture alliance / Fotoagentur Sven Simon

Bei all den Krisen derzeit ist es schon für Erwachsene schwer, nicht die Zuversicht zu verlieren. Wie muss es erst Kindern und Jugendlichen gehen? Erst Kontakteinschränkungen und Homeschooling während der Pandemie. Dann der Ausbruch von Kriegen und Krisen nah und fern. Dazu Lernstress, Cyber-Mobbing, die tägliche Überdosis an Social Media und vielleicht noch familiäre Konflikte on top. Kein Wunder, dass es um die mentale Gesundheit der Jugend nicht gut steht:

Nach einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung fühlte sich 2025 ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler psychisch belastet – mehr als je zuvor.

Was lässt sich dagegen tun? Welche Probleme sind am dringlichsten? Werden in der Wissenschaft überhaupt die passenden Fragen gestellt? Und wer entscheidet eigentlich, worüber zur mentalen Gesundheit von Kindern geforscht wird? An diesen Fragen arbeitet das Beteiligungsprojekt KOMMIT-KIDS, das im September 2025 im Rahmen des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit DZPG gestartet ist. KOMMIT-Kids ist kein klassisches Forschungsprojekt, sondern ein strukturierter Beteiligungsprozess, in dem Kinder und Jugendliche selbst Forschungsfragen entwickeln und priorisieren.

Das Projekt ist auf Kinder vom Grundschulalter bis zu 17 Jahren zugeschnitten. Zunächst sammeln die Forschenden gemeinsam mit den Teilnehmenden möglichst viele Fragen und Themen. In einer zweiten Phase wählen die Jugendlichen selbst aus, welche davon ihnen besonders wichtig sind.

Die Beteiligung und der Zugang zum Projekt sind niedrigschwellig gestaltet. Kinder zwischen sechs und elf Jahren können an kreativen Workshops teilnehmen, etwa im Futurium oder bei der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin. Jugendliche ab zwölf Jahren beteiligen sich online über eine Dialogplattform. Zusätzlich ist eine bundesweite Postkartenaktion geplant, bei der Kinder und Jugendliche ihre Ideen einreichen können. Wer möchte, kann sich auch längerfristig als Ko-Forscherin oder Ko-Forscher engagieren und regelmäßig an Treffen teilnehmen.

Dialog vor Ort

Wie wird der Kontakt zu den jungen Menschen hergestellt? „Ganz unterschiedlich“, sagt die Psychologieprofessorin Claudia Calvano von der Freien Universität Berlin. „Die Themenvorschläge der Jugendlichen werden wir überwiegend online sammeln. Dazu wurde eine Website erstellt, über die wir mit ihnen auch in den Dialog treten können. Wir gehen zudem in die bevorzugten sozialen Medien.“ So werden sie etwa über einen Account bei Instagram angesprochen: Willst du Forschung mitbestimmen? Welche Themen sind dir wichtig? Auch mit Schulen und Stadtmuseen sei man gut vernetzt.

In der Grundschule wird der Dialog vor Ort gesucht: „Wir sehen auch die Grundschüler bereits als Ko-Forschende an, die uns begleiten, informieren und aktiv eingebunden sein werden.“ Die Vorbereitungsphase des über drei Jahre laufenden Projektes sei bereits abgeschlossen. Vom Sommer an will das Team sowohl online als auch in den Schulen den Dialog mit Interessierten aufnehmen.

„Wir hoffen, noch in diesem Jahr erste Themen einsammeln zu können“, sagt Calvano. Parallel werden weitere Kinder- und Jugendräte an den DZPG-Standorten eingerichtet und in das Projekt eingebunden. Ebenso wie an der Universität Marburg gibt es auch an der Freien Universität Berlin bereits einen Jugendbeirat für Forschung zu psychischer Gesundheit. Diese Gremien sollen auch untereinander vernetzt werden.

Bei den monatlichen Treffen des Jugendbeirats geht es insbesondere um Mitsprache und die Initiierung und Beteiligung an Forschung. „Auch Externe, die mit Jugendlichen forschen wollen, können hier ihre Projektideen vorstellen“, sagt Claudia Calvano. Inzwischen hat der Jugendrat an der Freien Universität sogar ein eigenes Projekt erarbeitet. Eine Masterstudentin wird die vom Jugendbeirat entwickelte Fragestellung untersuchen: Welche individuellen und gesellschaftlichen Faktoren hemmen die Inanspruchnahme psychotherapeutischer Angebote von Jugendlichen in Deutschland?

Es fehlt an Therapieplätzen

Apropos psychotherapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche: Es gibt längst nicht genügend Therapieplätze. Der Versorgungsengpass wird sich noch zuspitzen – schon weil die Boomer-Generation demnächst in den Ruhestand gehen wird. Honorarkürzungen und fehlende Finanzierungen für entsprechende Weiterbildungen seien das falsche politische Signal, betont die Forscherin. Der Bedarf sei einfach riesig, und die Wartezeit auf eine Therapie liege derzeit bei sechs Monaten.

Inzwischen gibt es in fast allen Schulen Fachleute für Sozialarbeit und Schulpsychologie. Grundsätzlich sei das sehr gut, meint Claudia Calvano. Aber die Ressourcen sind knapp. Trotzdem sei es wichtig, weil das Thema mentale Gesundheit auf diese Weise ohne große Hemmschwelle in den Alltag komme.

„Schulen sollten grundsätzlich ein Ort sein, an dem das Thema psychisches Wohlbefinden großgeschrieben wird. Wo man sieht, dass es jedem einmal nicht gut gehen kann und es kein Makel ist, sich über Emotionen auszutauschen.“

Soziale Kompetenz, Rücksichtnahme, Respekt: Es sei lohnenswert, sich dafür Zeit zu nehmen. Denn wenn das Schulklima besser wird, wirke sich das auch auf die schulischen Leistungen positiv aus, sagt Claudia Calvano: „Eine Aktionswoche im Jahr oder ein Tag pro Halbjahr: ganz egal, Hauptsache, es passiert regelmäßig und wird normal.“