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„Zivilgesellschaftliche Kräfte lassen sich nicht stärken, während Bomben fallen”

Interview zum Krieg in Iran mit dem Konfliktforscher Jannis Julien Grimm und dem Völkerrechtler Helmut Aust

12.03.2026

Dr. Jannis Julien Grimm (links) und Prof. Dr. Helmut Aust

Dr. Jannis Julien Grimm (links) und Prof. Dr. Helmut Aust
Bildquelle: links: Martin Bender, rechts: Michael Fahrig

3500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Berlin und Teheran. Welche Aufgabe hat Wissenschaft in Zeiten des Krieges? „Deutschlands Selbstverständnis als völkerrechtsfreundlicher Staat ist im Grundgesetz verankert, als Reaktion auf historische Unrechtserfahrungen. Das in Erinnerung zu halten, ist Aufgabe der Wissenschaft“, sagt Helmut Aust. Ein Gespräch mit dem Völkerrechtler von der Freien Universität Berlin und dem Konfliktforscher Jannis Julien Grimm.

Welche Expertise haben die interviewten Wissenschaftler?
Prof. Dr. Helmut Aust ist am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität Professor für Öffentliches Recht und die Internationalisierung der Rechtsordnung. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Völkerrecht, Menschenrechte sowie deutsches und ausländisches Verfassungsrecht.

Dr. Jannis Grimm
ist Konfliktforscher an der Freien Universität Berlin. Er forscht zum Zusammenhang von staatlicher Gewalt und Protest sowie den Dynamiken revolutionärer Bewegungen und sozialer Transformationsprozesse insbesondere in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten. Jannis Grimm leitet die Forschungsgruppe „Radikale Räume / Radical Spaces“ am Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung.

Herr Professor Aust, Herr Grimm, Israel und die USA haben den Iran angegriffen – ohne UN-Mandat, während laufender diplomatischer Verhandlungen. Was steckt hinter diesem Krieg?

Helmut Aust: Die offizielle Begründung bezieht sich auf das iranische Atomprogramm: Es schließe sich ein letztes Zeitfenster, bevor es zur existenziellen Bedrohung für Israel werde. Argumente wie der Schutz von Menschenrechten im Iran haben in den Stellungnahmen vor dem UN-Sicherheitsrat keine prominente Rolle gespielt.

Jannis Julien Grimm: Die USA wollen Stärke demonstrieren, Israel will das ballistische Raketenprogramm des Irans dauerhaft ausschalten. Nicht zuletzt dient der Angriff dazu, den Diskurs von der verheerenden Lage in Gaza wegzulenken. Aus strategischer Sicht ist der Zeitpunkt günstig: Die iranische Luftabwehr ist geschwächt, die regionalen Verbündeten des Regimes stehen unter Druck, und das Regime selbst befindet sich wegen der brutalen Niederschlagung der Proteste in einer tiefen Legitimitätskrise. Gleichzeitig hat die Trump-Administration seit der Intervention in Venezuela offensichtlich Gefallen an der Idee des Regime-Change von außen gefunden.

Ist dieser Angriff völkerrechtlich gedeckt?

Aust: Es gibt das Konzept der vorbeugenden Selbstverteidigung – aber auch dafür ist Voraussetzung, dass ein Angriff wirklich unmittelbar bevorsteht. Dass das so ist, haben die handelnden Akteur*innen nicht plausibel dargelegt. Immerhin hatte Trump nach dem Angriff im Sommer 2025 verkündet, das iranische Atomprogramm sei ein für alle Mal vernichtet. Wenn das stimmte, worin besteht dann die unmittelbare Bedrohung?

Was folgt daraus in der Praxis?

Aust: Das Völkerrecht ist eine Rechtsordnung ohne zentrale Durchsetzungsinstanz. Deshalb hängt viel davon ab, wie andere Staaten sich positionieren. Und genau deshalb ist die Reaktion der Bundesregierung problematisch: Sie hat die Operation politisch unterstützt und sich von einer völkerrechtlichen Bewertung distanziert – man wolle Verbündete nicht „belehren". Dass eine Regierung dazu nicht verpflichtet ist, stimmt. Aber die Rhetorik, das Völkerrecht sei nur ein Faktor unter vielen, untergräbt seine Autorität als Maßstab für internationale Politik.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat gezeigt, dass es anders geht: Er hat klar gemacht, dass ihn das Ende des iranischen Regimes politisch nicht stört und trotzdem auf die Völkerrechtsverstöße hingewiesen.

Grimm: Wenn Regeln nur gelten, wenn sie politisch bequem sind, verlieren sie an ordnender Kraft. Eines der zentralen Argumente für die Unterstützung der Ukraine war: Wenn wir das Putin durchgehen lassen, ermutigt das andere, sich genauso zu verhalten. Das Problem ist, dass in einer Welt von Trump und Netanjahu nicht nur die Putins dieser Welt Völkerrecht brechen und das folgenlos bleibt. Das sickert nach unten: in Milizen, in andere Konfliktregionen.

Was bedeutet die Intervention für die Demokratiebewegung im Iran?

Grimm: Man sollte sehr vorsichtig sein mit der Annahme, dass Bomben von außen Emanzipation von innen befördern. Ein geschwächtes Regime wird nicht automatisch offener, es wird zunächst brutaler. Protest auf der Straße wird mit Kleinwaffen niedergeschlagen, das lässt sich durch Bomben nicht verhindern. Externe Angriffe bestätigen außerdem das Narrativ des Regimes, die Proteste seien von außen gesteuert – eine amerikanisch-israelische Operation. Das mobilisiert in einem sogenannten „rally around the flag“-Effekt oftmals auch nationalistische Kräfte unter jenen, die bisher unpolitisch waren.

Und auch wenn es im Zuge von Druck von außen zu Spaltungen innerhalb der Regime-Elite kommt, muss das noch nicht in eine demokratische Transformation münden. Im Gegenteil ist häufig Gewalt und Bürgerkrieg die Folge. Das hat man in Libyen beispielsweise gesehen. Der frühere Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, hat es treffend formuliert: Die Chancen eines friedlichen, verhandelten Übergangs wurden durch diese Intervention nicht erhöht, sondern erschwert.

Was kann Deutschland tun, um die demokratischen Kräfte im Iran zu unterstützen?

Grimm: Praktisch gibt es gerade sehr wenig Möglichkeiten, aber vor allem auch sehr wenig Willen. Zivilgesellschaftliche Kräfte lassen sich nicht stärken, während Bomben fallen – und schon gar nicht, wenn man diese Bombardierungen auch noch rechtfertigt. Was bleibt, ist der Versuch der Einhegung: darauf hinzuwirken, dass dieser Krieg nicht weiter eskaliert. Der Libanon wird bereits massiv bombardiert, im Gazastreifen läuft die humanitäre Katastrophe ungebremst weiter. Darüber hinaus verdrängt der Irankrieg weiter entfernte Konflikte von der Agenda, z. B. im Sudan, wo ein brutaler Bürgerkrieg tobt.

Doppelte Standards bei Menschen- und Völkerrecht wirken sich auf all diese Konfliktarenen gewaltverschärfend aus. Um dieser Erosion der regelbasierten Ordnung entgegenzuwirken, bräuchte es eigentlich eine radikale Abkehr der Bundesregierung von der blinden Bündnistreue gegenüber Israel und den USA und eine Rückbesinnung auf die im Grundgesetz verankerte Völkerrechtstreue. Die Bereitschaft dazu sehe ich momentan kaum – leider parteiübergreifend.

Was kann Wissenschaft in dieser Lage leisten?

Aust: Sie kann dazu beitragen, rechtliche Standards als Maßstab zu bewahren und vermitteln. In Deutschland kommt hinzu: Unser Selbstverständnis als völkerrechtsfreundlicher Staat ist im Grundgesetz verankert, als Reaktion auf historische Unrechtserfahrungen. Das in Erinnerung zu halten, ist Aufgabe der Wissenschaft.

Grimm: Wissenschaft kann begriffliche und empirische Nüchternheit einbringen und der Versuchung zur moralischen Eindeutigkeit widerstehen. Es ist gleichzeitig wahr, dass viele Iranerinnen und Iraner den Tod Khameneis als Befreiung empfinden und Angst haben, dass ihr Land so zerstört wird wie Gaza. Dass das Regime zu den brutalsten der Welt gehört und dass Oppositionskräfte, die auf dem Rücken einer ausländischen Armee ins Land kommen, keine demokratische Legitimität gewinnen. Diese Ambiguitätstoleranz zu verteidigen, ist die Aufgabe der Konfliktforschung in einer aufgeheizten Debatte.

Die Fragen stellte Christopher Ferner