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Kann Berlin Mega-Events? Und wenn ja, wie viele?

Olympische Spiele, Expo und ein runder Geburtstag – ein Interview mit Geschichtsprofessorin Jessica Gienow-Hecht

09.03.2026

Berlin-Marathon am 21. September 2025. Ein Großevent am Tag ist machbar. Als der Marathon 2021 am selben Tag stattfand wie die Bundestagswahl, gab's in Berlin Probleme.

Berlin-Marathon am 21. September 2025. Ein Großevent am Tag ist machbar. Als der Marathon 2021 am selben Tag stattfand wie die Bundestagswahl, gab's in Berlin Probleme.
Bildquelle: SCC Events / Sebastian Wells

Die Stadt Berlin diskutiert über mögliche Bewerbungen für die Ausrichtung von Olympischen Spielen in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 und eine Bewerbung für die EXPO im Jahr 2035. Für Letztere gibt es derzeit keine Unterstützung durch den Senat, trotzdem setzen sich Befürworter, wie der Verein Global Goals, weiter dafür ein. Jessica Gienow-Hecht, an der Freien Universität Professorin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien, hat sich als Historikerin mit Mega-Events wie den Olympischen Spielen und der Expo beschäftigt.

Frau Professorin Gienow-Hecht, Sie forschen zum Nation Branding, also zur Selbstdarstellung von Staaten. Dazu gehören auch Mega-Events wie die Olympischen Spiele und die Weltausstellung Expo, deren jüngste Ausgabe in Japan Sie vor Kurzem besucht haben. Wie blicken Sie auf die Berliner Pläne?

Es klingt einigermaßen kurios, dass die Stadt Berlin nicht nur ein Mega-Event ausrichten könnte, sondern gleich drei hintereinander: Wenn aus den Plänen Wirklichkeit würde, hätten wir 2035 die Expo, 2036 die Olympischen Spiele und 2037 den 800. Geburtstag der Stadt Berlin. Das dritte Event kommt nolens volens; aber sollten die anderen beiden auch stattfinden, wäre einiges los in einer Stadt, die nicht dafür bekannt ist, dass sie solch große Ereignisse reibungslos hinbekommt.

Ich denke da an die Wahl zum Abgeordnetenhaus 2021: Damals wurden der Berlin-Marathon und die Wahl zusammen so schlecht organisiert, dass die Wahl wiederholt werden musste, was den Steuerzahler Dutzende Millionen Euro gekostet hat. Aber natürlich kann die Stadt daraus lernen und sich in Zukunft besser aufstellen.

Zur Expo-Bewerbung kommen wir gleich, lassen Sie uns zuerst über die Olympischen Spielen sprechen: Viele Menschen – darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – haben sozusagen Bauchschmerzen, sollten die Spiele genau 100 Jahre nach den Nazi-Spielen wieder in Berlin stattfinden. Die Olympischen Spiele von 1936 mit den Massenaufmärschen, der NS-Inszenierung und den Bildern von Leni Riefenstahl wären 100 Jahre später doch als Subtext omnipräsent.

Ich verstehe die Bedenken gut, würde indes sagen: Genau deshalb sollte man das machen. Was Berlin heute als Stadt ausmacht, ist doch gerade der Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Das hat ja sogar zu einer Art des „Dark Tourism“ geführt: Berlin als Stadt der permanenten Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die überall präsent ist, vom Mahnmal für die ermordeten Juden Europas zum Brandenburger Tor, von der Siegessäule zur Gedenkstätte Berliner Mauer.

Berlin könnte daraus auch die Position ableiten: Guckt Euch die Veränderungen der vergangenen 100 Jahre an, wie sich ein liberaldemokratischer Staat nach einer Diktatur herausbilden kann.

Könnte man wirklich einen Aufmarsch im Berliner Olympiastadion machen, ohne dass Assoziationen an die Nazi-Spiele allgegenwärtig wären? Andererseits wurden da schon die Fußball-Weltmeisterschaften der Jahre 1974 und 2006 und die EM 2024 veranstaltet.

Ich glaube, viele Menschen in den jüngeren Generationen, vor allem außerhalb Deutschlands, können mit dem Jahr 1936 gar nicht so viel anfangen, es sei denn, man sagt es ihnen. Und das wäre ja auch der Auftrag: Man müsste die historische Erinnerung einbauen.

Jessica Gienow-Hecht ist Professorin für Geschichte am JFKI für Nordamerikastudien.

Jessica Gienow-Hecht ist Professorin für Geschichte am JFKI für Nordamerikastudien.
Bildquelle: Martin Funck

Worum geht es im Interview zu Mega-Events in Berlin?
Die Historikerin Jessica Gienow-Hecht erläutert, wie Städte und Staaten Großveranstaltungen zur Selbstdarstellung nutzen. So hat sich die 1851 erstmals ausgerichtete Weltausstellung im Laufe der Zeit gewandelt von einer Messe für industrielle Innovationen und Erfindungen hin zur Gegenüberstellung politischer Ideologien und Ideen. 

Warum ist das wichtig?
Berlin bewirbt sich für die Ausrichtung Olympischer Spiele. Auch die Bewerbung Berlins für die Expo 2035 findet Unterstützung, unter anderem durch den Verein Global Goals. Universitätspräsident Prof. Dr. Günter M. Ziegler setzt sich dort ein, weil er auch hier von der Rolle der Universitäten überzeugt ist: Wegen ihrer wissenschaftlichen Expertise und ihrer Größe sind sie ein starker Motor der Stadt. 
Die Olympischen Sommerspiele 2024 fanden in Paris statt.

Die Olympischen Sommerspiele 2024 fanden in Paris statt.
Bildquelle: RUN JOR, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Ein wichtiger Punkt dazu: Ich finde, die jüngsten Olympischen Spiele in Frankreich im vergangenen Sommer und Italien im Winter haben sehr gut vorgemacht, wie man Olympia anders, und zwar dezentral, denken kann. Es würde deshalb auch gar keinen Aufmarsch im Olympiastadion geben, das Stadion wäre ein Austragungsort für sportliche Wettkämpfe, während die Eröffnungszeremonie ganz anders gedacht und woanders ausgetragen würde.

Lassen Sie uns über die Expo sprechen, für deren Ausrichtung in Berlin nicht nur die Wirtschaftsverbände trommeln. Die Weltausstellung ist hervorgegangen aus der „Great Exhibition of the Works of Industry of All Nations“, die 1851 in London zum ersten Mal stattfand. Sie waren vor Kurzem bei der Expo in Osaka in Japan. Welche Art von Veranstaltung ist das heutzutage?

Als Historikerin würde ich sagen: Die Expo hat sich im Laufe der Zeit enorm gewandelt. Die Weltausstellung im Kristallpalast in London von 1851 hat wenig mit dem zu tun, was aus der Expo 100 Jahre später wurde.

Bis zum Ersten Weltkrieg war die Expo im Wesentlichen eine Messe für industrielle Innovationen und Erfindungen, unterhalten und bespielt von Industrieunternehmen, wohlwollend begleitet von Regierungen, die darin eine Möglichkeit sahen, sich positiv darzustellen.

Aber schon in der Zwischenkriegszeit nahm politische Ideologie immer mehr Raum ein. Die Expo von 1937 in Paris ist dafür berühmt, dass sich hier Nationalsozialismus und Sowjetunion in Form von monumentalen Gebäuden und Statuen gegenüberstanden und miteinander konkurrierten.

Und im Kalten Krieg?

Da wird die Expo zu einem weiteren Austragungsort des Ost-West-Konfliktes, wo sich im Wesentlichen die Sowjetunion und die USA inszenieren und darstellen, wie sie den Weltraum erforschen, die Massengesellschaft organisieren, technologischen Fortschritt feiern oder sich die Zukunft – kapitalistisch oder sozialistisch – vorstellen. Ab 1970 gab es immer wieder Beiträge zu globalem Fortschritt und der Zukunft der gesamten Menschheit. Aber eigentlich bleibt es so bis zum Fall der Berliner Mauer: die Expo als symbolischer Soft-Power-Kampfplatz der Ideologien.

Von 1990 bis heute beobachten wir eine seltsame Mischung aus technologischer und industrieller Innovationsdarstellung und weltanschaulicher Konkurrenz. Das konnte man in Osaka ganz deutlich sehen – einen Kampf der Ideologien, aber anders als im Kalten Krieg: auf der einen Seite die liberalen Demokratien, auf der anderen Seite autoritäre Staaten wie Saudi-Arabien oder China. In Osaka waren vor allem die arabischen Staaten wie die Vereinigten Emirate, Katar und Saudi-Arabien sehr erfolgreich mit ihren Pavillons. Da wurde unter enormem Einsatz von Geld und Arbeitskraft eine sehr unpolitische Selbstdarstellung betrieben.

Die Expo 2025 fand vom 13. April bis zum 13. Oktober 2025 in Osaka, Japan, statt. Im Bild: der „Grand Ring“, auf dem man das Areal umrunden konnte.

Die Expo 2025 fand vom 13. April bis zum 13. Oktober 2025 in Osaka, Japan, statt. Im Bild: der „Grand Ring“, auf dem man das Areal umrunden konnte.
Bildquelle: Ibamoto, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Was war denn dabei die Aussage, wenn es keine politische war?

Nun, der saudi-arabische Pavillon in Osaka präsentierte eine Art des Nation Branding mit starker Betonung moderner Musik, bei dem sehr wirkungsvoll über die Rolle der Frau gesprochen wird, über Nachhaltigkeit, über Innovation und Kunst. Der chinesische Pavillon stand im Zeichen von Klimaschutz und „Green China“. Und all das in einem hocheffizienten asiatischen Land, in dem alles wie am Schnürchen funktioniert, weil – so ein möglicher Subtext – man sich nicht in langwierigen und schwierigen demokratischen Prozessen verliert.

Dem gegenüber präsentierten sich die liberalen Demokratien, die Skandinavier, auch Deutschland, in Osaka mit dem Thema der Partizipation: Wie schaffen wir es, eine vielfältige, nachhaltige Zukunftsvision zu entwickeln, die demokratisch legitimiert ist und alle mitnimmt?

Für die Expo-Bewerbung in Berlin kursierten einige Ideen, die vor allem auch Brandenburg einbezogen haben. Wie kann man sich das vorstellen?

Berlin und Brandenburg müssten der Bundesregierung vorschlagen, die Ausrichtung der Expo gemeinsam zu unterstützen. Ein möglicher Vorschlag sieht vor, dass in der Nähe des Flughafens BER ein Areal entsteht, das im besten Fall wie eine Art urbane Erweiterung gedacht wird.

Aber es geht doch vor allem um den Tourismus?

Eigentlich nicht. Natürlich kommt zu Olympischen Spielen ein erheblicher Anteil ausländischer Besucher*innen, aber bei den Expos sind es mehrheitlich Einheimische, in Berlin kämen sicher noch Besucher*innen aus den Anrainerstaaten dazu.

Die EXPO ist im Wesentlichen ein Bildungsangebot, das ist mir im vergangenen Jahr in Osaka wieder sehr stark aufgefallen. Beziehungsweise ist es beides: Möglichkeit der internationalen Selbstdarstellung und zugleich ein Angebot für die eigenen Bürgerinnen und Bürger, etwas zu sehen, das sie wahrscheinlich in ihrem Leben nie wieder zu sehen bekommen.

Trotzdem hat es den Anschein, dass die Bevölkerung, vor allem in Berlin, derartigen Mega-Events eher ablehnend gegenüber zu stehen, oder?

Es sind Großprojekte, für die die Stadt, das Land und die Bürger*innen ganz erhebliche Kompromisse eingehen müssten. Es wird lauter, es wird voller, es wird teurer, es führt dazu, dass man andere Dinge nicht anpacken kann, weil Ressourcen nun einmal endlich sind.

Ein Beispiel: Auf der Expo 2025 in Osaka war das Gelände umgeben von dem „Grand Ring“, einer riesigen Holzstruktur, auf der man einmal um das ganze Areal herumspazieren konnte. Das war wunderbar. Aber die Konstruktion dieser begehbaren Skulptur hat die japanische Holzindustrie stark gefordert. Ausländische Aussteller berichteten, dass sie zum Bau ihres Pavillons eigenes Holz mitbringen mussten.

Eine nicht unwichtige Frage für eine Stadt ist auch, was von solchen Mega-Events am Ende bleibt.

Ja, daran müssen sich seit den 1990er Jahren alle messen lassen, denken Sie an die Space Needle in Seattle, das ein bleibendes Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Oder an den Parque das Nações in Lissabon, da ist aus dem Expo-Gelände ein wichtiges und schönes Wohngebiet geworden.

Ein Gegenbeispiel war früher Schanghai: Lange Zeit blieb das Areal eine riesige Brache, die vor allem von Fahrlehrern genutzt wurde; heute ist es ein attraktiver Park. Für Berlin würde sich die Idee einer Neustadt anbieten, nachhaltig, schick, die Urbanität zu erschwinglichen Preisen realisiert, dafür wären dann sicher einige in dieser Stadt empfänglich.

Welche Rolle können da Universitäten spielen?

Meiner Ansicht wären die Berliner Hochschulen gut beraten, sich frühzeitig in eine Expo-Bewerbung einzubringen, zumal sie dort eine Präsenz haben könnten, wie das auch in Osaka der Fall war: Da hatten Universitäten gemeinsame Pavillons mit Unternehmen oder der Regierung, um zu zeigen, wie Menschen zukünftig leben könnten.

Und wer, wenn nicht die Universitäten, sollte im Wettstreit um das Versprechen einer besseren Zukunft für die Menschheit ihre Stimme einbringen? Berlin nimmt in dieser Hinsicht eine herausragende Stellung ein, denn gewiss gibt es in Deutschland keinen Ort, an dem so viel geballte Arbeitskraft im Sinne von Forschung und Lehre zu finden ist.

Die Fragen stellte Pepe Egger

Weitere Informationen

Jessica Gienow-Hechts Forschung ist als Buch erschienen: „Vom Staat zur Marke. Die Geschichte des Nation Branding. Wie Staaten sich selbst vermarkten und was sie damit bezwecken“