Klimaschutz unter Druck
Die Herausforderungen der Nachhaltigkeitstransformation: Interview mit dem Leiter des Umweltbundesamtes Dirk Messner
19.08.2026
Der FU-Alumnus Dirk Messner ist Präsident des Umweltbundesamtes (UBA).
Bildquelle: Susanne Kambor / Novamondo
Dirk Messner studierte, promovierte und habilitierte sich am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und hat dort eine außerplanmäßige Professur. Seit 2020 leitet er das Umweltbundesamt. Im Interview erklärt er, warum sich die Diskurse über Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren verschoben haben und wie die Transformation weiterhin erfolgreich gestaltet werden kann.
Herr Messner, in Politik und Gesellschaft hat sich die Wahrnehmung des Stellenwerts der Nachhaltigkeitstransformation seit 2019 gravierend gewandelt. Obwohl sich an der Dringlichkeit für ambitionierten Klimaschutz nichts geändert hat, ist Nachhaltigkeit inzwischen aber anscheinend nicht mehr Teil des Fortschrittsnarrativs. Inwieweit stimmt dieser Eindruck?
Diesen Eindruck würde ich teilen. Der European Green Deal (EGD), der von der konservativen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorangebracht wurde, war zu Beginn der 2020er-Jahre Europas »Man to the Moon«-Projekt. Europa wollte zeigen, wie Wohlstandssicherung und gesellschaftlicher Fortschritt in den Grenzen der Ökosysteme möglich sind. Wenige Jahre später steht der EGD unter großem Druck. Er verliert an Unterstützung. Und Sie haben recht: Die Umweltforschung zeigt weltweit, dass sich die planetaren Krisen zuspitzen. Institutionen wie das Umweltbundesamt werden wieder zu »Mahnern«, während Anfang der 2020er-Jahre die Umsetzung einer ambitionierten Umwelt- und Klimapolitik — als Kern unserer wirtschaftlichen Modernisierung — im Vordergrund stand.
Auf welche Faktoren ist diese Entwicklung hauptsächlich zurückzuführen?
Drei Ursachenkomplexe sind dafür ausschlaggebend: Erstens befindet sich die europäische Wirtschaft in einer schwierigen Situation; die Steigerung der Innovationskraft der Ökonomie muss mit den Kernzielen des EGD zusammengeführt werden. Von Teilen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird ambitionierter Klimaschutz vor allem als zusätzliche Belastung der Wirtschaft verstanden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Gaza-Konflikt und die erratische Politik der Trump-Regierung haben zudem dazu geführt, dass die EU ihre Investitionen in (insbesondere militärische) Sicherheit massiv erhöht — und damit die Investitionsspielräume für den Übergang zur Nachhaltigkeit einschränkt. Die Doppelkrise aus Rezession und Sicherheitsbedrohungen schafft ein Klima der Gegenwartsfixierung — »erhalten was ist«; sie erschwert zukunftsorientierten Strukturwandel.
Zweitens haben sich die politischen Prioritäten der Bürger*innen verschoben. In den Jahren 2018 bis 2020 standen Umwelt- und Klimapolitik ganz oben auf deren Agenda. Nun haben sich andere Sorgen durchgesetzt, die die Bürger*innen umtreiben. Die UBA-Umweltbewusstseinsstudie von 2025 zeigt, dass sich die Menschen nun vor allem um die Erosion der Gesundheits- und Bildungssysteme sowie um die innere Sicherheit Gedanken machen. Die Demokratiekrisen haben mit diesen Verschiebungen zu tun. Viele Menschen haben den Eindruck, dass der Staat seinen Kernaufgaben nicht mehr nachkommt. Der Gesellschaftsvertrag zwischen Bürger*innen und Politik wird brüchig. Da erscheinen vielen Bürger*innen Umwelt- und Klimaprobleme als »zweitrangig«.
Drittens hat die EGD-Transformation »Probleme zweiter Ordnung« geschaffen, auf die die Politik nicht hinreichend vorbereitet war. So schafft die Nachhaltigkeitstransformation vielfältige Verteilungs- und Gerechtigkeitsprobleme, die unzureichend bearbeitet wurden — die »Heizungshammer-Debatte« war ein Ausdruck des Gefühls, dass sich viele Menschen die Klimapolitik nicht leisten können. Zudem stellt die Transformation hohe Anforderungen an die Handlungsfähigkeiten des Staates.
Heute würde ich sagen: Ohne eine massive Modernisierung des öffentlichen Sektors kann der Umbau zur Nachhaltigkeit nicht gelingen. Die Debatte um »Entbürokratisierung« muss in diese Richtung gelenkt werden: Wie funktioniert ambitionierte Klima- und Umweltpolitik mit möglichst schlankem regulativem Aufwand?
Gibt es auch Beispiele für gelingende Transformationsprozesse? Wenn ja, was können wir aus diesen Erfolgen lernen?
Die gibt es. Die erneuerbaren Energien befinden sich auf einem globalen Expansionskurs, den sich selbst viele Optimisten vor zehn Jahren nicht hätten vorstellen können. Gut 70 Prozent der Neuinvestitionen im weltweiten Energiesektor gehen in die Erneuerbaren — fossile Investitionen verlieren an Bedeutung. Die Herausforderung ist hier: die vorhandenen fossilen Infrastrukturen in dem Zeitfenster bis etwa 2050 abzubauen. ie vorhandenen fossilen Kapazitäten werden, zum Teil sehr erfolgreich, von etablierten Lobby-Allianzen verteidigt. Der Streit um das »Verbrenner-Aus« oder der Druck, Gas- und Ölheizungen zu erhalten, gehören in diesen Kontext. Gegenwarts- und Vergangenheitsinteressen sind oft besser organisiert als Zukunftsinteressen.
Die Energiewende war einmal das Vorzeigeprojekt der deutschen Nachhaltigkeitstransformation. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand, auch im internationalen Kontext?
Der Energiesektor ist der Treiber der Klimaneutralität. Unsere Projektionen zeigen, dass wir zentrale Ziele der Energiewende erreichen können, wenn wir ambitioniert weiterarbeiten: 80 Prozent Erneuerbare am Strommix bis 2030 sind erreichbar; eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen zwischen 1990 und 2030 um 65 Prozent ist in Reichweite. Im Energiesektor geht es jetzt, neben dem weiteren Ausbau von Wind- und Sonnenenergie, um Investitionen in das Gesamtsystem der Energieversorgung: Netze, Speicherkapazitäten, digitale Steuerung, grüne Wasserstoffpotenziale als Back-up zu den Erneuerbaren. Das sind die Stellschrauben, um bis 2045 einen klimaneutralen Energiesektor aufzubauen.
Unsere Projektionen zeigen aber auch: Wenn das Engagement der Bundesregierung für die grüne Wende im Energiesektor nachlässt und vermeintliche Wahl- und Technologiefreiheiten zu wieder steigenden Emissionen führen, kann die Energiewende noch scheitern. Lernen können wir nun von China. Das Land investiert enorme Summen, um bis Mitte des Jahrhunderts die fossilen Grundlagen der Energieversorgung zu überwinden.
Welche Rolle spielt das ab 2027 ins Auge gefasste Emissionshandelssystem ETS 2 für den künftigen Klimaschutz?
Das ETS-2-System führt zu einer Bepreisung von Emissionen im Gebäude- und Mobilitätssektor. Leider wurde es kürzlich auf 2028 verschoben, weil sich viele EU-Mitgliedsstaaten Sorgen machen, dass noch keine hinreichenden Mechanismen entwickelt wurden, um die Kosten für die Bürger*innen, insbesondere für vulnerable Gruppen, abzufedern. Das UBA hat Lösungen für eine soziale Ausgestaltung des ETS 2 vorgelegt. Wir schlagen ein sozial differenziertes Klimageld vor, ergänzt durch fokussierte Förderungen für besonders vulnerable Gruppen — beides könnte aus den Einnahmen der CO₂-Bepreisung finanziert werden. Wir sollten den unteren 50 Prozent der Einkommenspyramide versprechen, dass sie durch die Einführung des ETS 2 finanziell nicht schlechter gestellt werden. Das ETS-2-Instrumentarium ist sehr wichtig für den Klimaschutz, denn bisher erreichen wir unsere Klimaziele im Gebäude- und Mobilitätssektor nicht. Das könnte sich mit dem ETS 2 ändern — aber nur dann, wenn die soziale Ausgestaltung in allen Mitgliedsstaaten gelingt. Da ist noch viel zu tun.
Welche Handlungsbereiche sind Ihrer Meinung nach die größten Sorgenkinder?
Mobilität und Gebäude hatte ich schon genannt. Darüber hinaus machen mir die Ökosysteme große Sorgen. Ein großer Teil der Emissionen wird in den Meeren und den Land-Ökosystemen eingespeichert. Fallen die Ökosysteme als »Senken« aus, beschleunigt das die globale Erwärmung zusätzlich. Weltweit gibt es Studien, die zeigen, dass Ökosysteme an vielen Orten zu Treibhausgasquellen werden oder ihre Senkenkapazitäten erodieren. Das könnte zum Beispiel für das Amazonas-Regenwaldgebiet gelten. Ein weiteres Risikopotenzial liegt bei den Kipppunkten im Erdsystem. Hier geht es zum Beispiel um das Abschmelzen des Grönland-Eisschildes, den Kollaps des Monsunsystems oder das Schmelzen des Permafrostes.
Vor einer Dekade wurden die meisten dieser Kipppunkte jenseits der 3-Grad-Erwärmungsgrenze vermutet. Neue Studien verweisen auf steigende Wahrscheinlichkeiten dafür, dass Kipppunkte bereits um die 2 Grad herum ausgelöst werden könnten. Ein solcher Erdsystemwandel stellt eine bisher im Wesentlichen unverstandene Herausforderung für zukünftige Generationen dar.
Wie können Wissenschaft und Universitäten dazu beitragen, die aufgezeigten Probleme zu bewältigen? Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie für die Wissenschaftskommunikation?
Ohne Forschung verstehen wir die Dynamiken von Klima- und Erdsystemwandel nicht. Forschung ist unser Fernrohr in denkbare Zukünfte. Forschung ist auch die Grundlage für Lösungen zum Umgang mit planetaren Krisen. Zugleich ist die universitäre Ausbildung in diesen Feldern unverzichtbar, um als Gesellschaften handlungsfähig zu bleiben. Wissenschaftskommunikation wird wichtiger. Wir haben erlebt, dass technokratische Transformationsstrategien scheitern, weil die Menschen nicht nachvollziehen können, was diese bezwecken sollen. Wissenschaft muss sich gegenüber der Gesellschaft und der Politik verständlich machen. »Wissenschaft für Wissenschaftler*innen«, die auf die Vermittlung von Forschungsergebnissen in die Gesellschaft verzichtet, unterminiert die Mitverantwortung der Forschung für gesellschaftliche Problemlösungsfähigkeiten.
Sie waren Mitglied in einer Reihe hochrangiger politischer Beiräte zur Nachhaltigkeitstransformation. Wenn Sie eine Zeitreise in die Vergangenheit machen könnten, würden Sie mit Ihrem heutigen Wissen die Politik anders beraten?
Ich habe drei Lehren aus 30 Jahren wissenschaftlicher Politikberatung gezogen: Erstens hatte ich von »Problemen zweiter Ordnung der Transformation zur Nachhaltigkeit« gesprochen. Denen würde ich heute eine deutlich größere Bedeutung zuschreiben. Zweitens sind Umwelt- und Klimaherausforderungen nur interdisziplinär, transdisziplinär und international vernetzt zu lösen. In allen drei Dimensionen gibt es viel Luft nach oben. Wir sind drittens in der Nachhaltigkeitstransformations-Community davon ausgegangen, dass die planetaren Fragen »die« zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts darstellen würden. Nun sehen wir drei weitere, tiefgreifende Veränderungsdynamiken, sozusagen tektonische Platten, die in Bewegung geraten sind.
Es hat den Anschein, als wenn wir es mit vier »großen Transformationen« zu tun haben, die in ihrem Zusammenspiel verstanden und bearbeitet werden müssen. Neben der Nachhaltigkeitstransformation beobachten wir: die umfassende Krise der Demokratien — in den Kernländern der Demokratie; die Erosion des internationalen Systems, im Zeitalter weltweiter Vernetzungen, die zu einer Renaissance imperialer Basisstrukturen in der Weltpolitik führen könnten; die Kraft und Reichweite der KI-getriebenen Disruptionen, die alle Subsysteme unserer lokalen, nationalen und globalen Gesellschaften und die Rolle des Menschen im Zivilisationsprozess herausfordern. Da gibt es noch einiges für die wissenschaftliche Politikberatung zu tun.
Die Fragen stellten Judith Hübner, Katrin Schweigel und Andreas Wanke.
Das Interview wurde am 12. März 2026 geführt und erschien zuerst im Nachhaltigkeitsbericht 2026 der Freien Universität Berlin.
Weitere Informationen
- Pressemitteilung vom 20.08.2026: Nachhaltigkeitsbericht 2026 veröffentlicht: Freie Universität Berlin mit neuen Impulsen für Klimaschutz
- Porträt über Dirk Messner im WIR-Magazin der ERG: „Ich hatte Nachhaltigkeit gar nicht auf meinem Radar“, erschienen am 20.08.2020
- Newsroom-Schwerpunkt Nachhaltigkeit
- Schwerpunkt und Videoreihe Nachhaltigkeit gemeinsam gestalten

