In den Stromschnellen der Gegenwart
Einstein Lecture Dahlem: Vortrag des Soziologen Steffen Mau über die Krise der liberalen Demokratie
06.11.2026
Der renommierte Soziologe und Autor Steffen Mau analysiert und beschreibt Gesellschaft und ihre Krisen.
Bildquelle: Christoph Assmann
Steffen Mau sprach am 5. November im vollbesetzten Max-Kade-Auditorium der Freien Universität über „Problemzonen“, in denen das liberale Skript an seine Grenzen kommt: die Entkopplung von Wohlstand und Demokratie, die abnehmende Steuerungsfähigkeit der westlichen Staaten und ihrer Institutionen und die „critical juncture“, auf die unsere Gesellschaft möglicherweise zusteuert.
Es gibt eine Art der intellektuellen Anstrengung, die fast erbaulich wirkt, auch wenn sie sich mit düster stimmenden Themen befasst: Der Soziologe Steffen Mau jedenfalls hat die Gabe, seine Zuhörer mit der Gewissheit zurückzulassen, dass sie sich und ihre eigene Gegenwart nach seinem Vortrag nun besser verstehen. Auch wenn er gerade eine Stunde lang über Krisen, Probleme und den möglichen Niedergang unseres liberalen Gesellschaftsmodells gesprochen hat. Steffen Mau hat das am 5. November bei der 25. Einstein Lecture eindrucksvoll demonstriert.
Mau hat selbst an der Freien Universität Berlin Soziologie und Politikwissenschaft studiert und kam über Stationen in Florenz und Bremen nach Berlin an die Humboldt-Universität, wo er seit 2015 die Professur für Makrosoziologie innehat; seit 2025 ist er auch Direktor am Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissenschaft in Göttingen. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er mit seinen Büchern „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ (2019) und „Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“ (2023).Seine Einstein Lecture stellte Mau unter den Titel „Problemzonen. Zur Krise des liberalen Gesellschaftmodells“, auch wenn er sich gleichsam sofort selbst ermahnte, nicht in den Chor jener einzustimmen, die die Krise mitbewirken, indem sie sie herbeireden. Stattdessen versuchte Mau ganz nüchtern, unsere Gegenwart auf den Begriff zu bringen. Er schlug dafür das Bild der „Drift“ vor, oder das einer driftenden Gesellschaft: getrieben von schnellem Wandel und hoher Dynamik, unter Druck von innen und äußeren Kräften ausgesetzt, zugleich immer weniger fähig, zu steuern und die Bewegungsrichtung selbst zu bestimmen.
Prof. Dr. Steffen Mau mit Prof. Dr. Tanja Börzel und Prof. Dr. Günter M. Ziegler
Bildquelle: Christoph Assmann
Mau begann mit der Frage, wie der derzeit inflationär verwendete Begriff der Krise überhaupt wissenschaftlich sinnvoll verwendet werden könne. Er schlug folgende Definition vor: Krise bezeichne eine Entwicklung, in der institutionelle Arrangements oder Handlungs- und Deutungsmuster, die bisher funktioniert haben, nicht länger in der Lage sind, anstehende Probleme zu bewältigen. Das sei weniger ein objektiver Prozess als eine „kollektive diskursive Deutung“, die daran anknüpft, dass viele Menschen bemerkten, wie Gewissheiten sich auflösen, wie Unsicherheit und Kontingenz zunehmen.
Schuld ist die Drift
Was aber ist es, was so in die Krise gerät? Mau bezieht sich auf das liberale Gesellschaftsmodell und dessen Zukunftsversprechen: Lange habe es als Fortschrittserzählung gewirkt, in der Verknüpfung von wirtschaftlichem Wachstum, Demokratie und sozialem Aufstieg.
Doch während es 1989 schien, als hätte das westliche, liberale Modell endgültig triumphiert und seine Überlegenheit bewiesen, machten sich heute Niedergangserzählungen breit. „Narrative der Verschlechterung“, oder, wie Mau es nennt, „eine Bewusstseinslage des Deklinismus“: Alles wird immer schlimmer, wir erwarten gar nicht mehr, dass es zukünftigen Generationen einmal besser gehen wird.
Dass das so ist, führt Mau auf die „Drift“ zurück: Das meint nicht einfach nur schnellen Wandel, sei er technologisch, sozial, geopolitisch, sondern auch das gleichzeitige Auftreten einer Schwächung politischer und institutioneller Steuerungskapazitäten. Das bedeutet: Es fällt uns immer schwerer, gemeinsame Ziele zu definieren und anzusteuern. Was auch mit einem dritten Element zu tun hat: wachsender Konflikthaftigkeit.
Mau entlehnt den Begriff der „driftenden Gesellschaft“ von dem Soziologen Amitai Etzioni, wie der ihn etwa in seinem Buch Die aktive Gesellschaft (1968) entwickelt hat. Mau spezifiziert, dass für ihn die „drifting society“ nicht eine ungesteuerte Gesellschaft meint, sondern eine Gesellschaft, die von großer Dynamik gebeutelt wird, aber deren politische Institutionen immer weniger imstande sind,diese Dynamik zu steuern: Politik agiere nicht mehr langfristig und vorausschauend, sondern nur mehr reaktiv. Auf der subjektiven Ebene erleben die Menschen diesen Prozess als Kontroll- und Orientierungsverlust, was zu politischer Unzufriedenheit und Konflikten führen kann, worunter die Steuerungsfähigkeit der Institutionen weiter leidet. So verstärkt die Drift sich selbst. Die Problemlast steigt, aber die Mittel zur Problembearbeitung werden immer prekärer.
Was passiert, wenn ein andersartiger Entwicklungspfad eingeschlagen würde?
Mau führte dann fünf Bereiche aus, in denen dieser Prozess erkennbar ist: Von dem Zerfall der regelbasierten internationalen Ordnung, zur Abkopplung von Wirtschaftswachstum und Demokratie, zur abnehmenden Leistungsfähigkeit von Staaten, zur Bedrohung der Demokratie durch autokratische Tendenzen und schließlich zu kulturellen Konfliktdynamiken.
Dass dabei so viel ins Rutschen und Driften gerät, führt Mau zufolge dazu, dass sich auf einmal neue Möglichkeiten auftun: So könnte schließlich eine „critical juncture“, also eine kritische Weichenstellung erreicht werden, an der ein fundamental andersartiger Entwicklungspfad eingeschlagen wird.
Mau betonte, damit sei keine zwangsläufige Entwicklung gemeint, aber ein möglicher Umbruch, ein alternativer Entwicklungspfad, der ja überhaupt erst denkbar und sagbar wird, weil das Bisherige fragwürdig geworden ist. Wenn solch eine Entwicklung einträte, dann käme es darauf an, so schloss Mau, neue Formen von Sicherheit, Solidarität und demokratischer Gestaltungskraft entstehen zu lassen, um unsere demokratische Gesellschaftsform quasi neu zu begründen.
In der von Tanja Börzel, Politikwissenschaftlerin am Otto-Suhr-Institut und Sprecherin des Exzellenzclusters SCRIPTS, moderierten regen Diskussion, die an den Vortrag anschloss, fragten gleich mehrere Zuhörer*innen Steffen Mau, was denn seine Lösungsvorschläge seien, seine Antworten auf die multiple Krise. Mau aber stellte klar, dass dies die Aufgabe der Politik und der Zivilgesellschaft bleibe; und er als Soziologe sich aufs Analysieren und Beschreiben der „Problemzonen“ beschränken wolle.
Einen Fingerzeig, wo Lösungswege ansetzen könnten, gab er dann aber doch: Wenn die Transmissionsriemen, die Stimmungen und Strömungen aus der Gesellschaft, also von den Bürger*innen in die Politik transportieren, nicht mehr funktionieren, führe das zu einer Abkopplung der Parteien von der Realität der Bürger*innen. Insbesondere die Anliegen der jüngeren Generationen würden offenbar nicht mehr verstanden. Das sei ein erhebliches Problem.
Weitere Informationen
Mit den „Einstein Lectures Dahlem“ würdigt die Freie Universität Berlin seit 2005 unter Beteiligung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen das epochale Wirken Albert Einsteins über nahezu zwei Jahrzehnte in Berlin als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik.
Seit 2017 wird dieses hochkarätige, interdisziplinär ausgerichtete Universitäts-Colloquium am traditionellen Wissenschaftsstandort Berlin-Dahlem in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft ausgerichtet, der Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.
Die „Einstein Lectures Dahlem“ sprechen eine breite Universitätsöffentlichkeit an und umfassen alle Wissenschaftsgebiete, die durch Albert Einsteins Denken beeinflusst werden.





