Exzellenz
Nach der Zukunft greifen
16.10.2026
Der Mathematiker Günter M. Ziegler ist Präsident der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: David Ausserhofer
Am 13. Oktober 2006 verkündete der Wissenschaftsrat die ersten Förderentscheidungen der Exzellenzinitiative. Die Freie Universität Berlin erhielt die Graduate School of North American Studies und, gemeinsam mit Technischer Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin, die Berlin Mathematical School – ein Projekt, das ich damals als Sprecher und noch von der TU aus auf den Weg bringen durfte. 20 Jahre Exzellenz an der Freien Universität sind ein Grund zum Feiern – und für einen selbstbewussten Blick auf den Weg, der vor uns liegt.
Der Erfolg kam damals nach einer brutalen Sparrunde 2003/2004 und mit einem lauten Trotzdem! 2007 folgten drei Exzellenzcluster und drei Graduiertenschulen – und wir erhielten als erste Berliner Universität den Titel Exzellenzuniversität. Diesen Titel verteidigte die Freie Universität 2012, und seit 2019 tragen wir den Titel als erster Verbund in der Exzellenzstrategie gemeinsam mit HU, TU und Charité. Ab 2027 wird die Berlin University Alliance Vorbild für zwei neue Exzellenzverbünde sein. Dass Universitäten sich in Verbünden gemeinsam entwickeln und ihr gesamtes Forschungsumfeld mitnehmen, ist also offenbar ein Erfolgsmodell.
Und heute? Wieder liegt eine Sparrunde hinter uns, 2025/2026, und sie ist noch lange nicht verarbeitet. Politisch nicht, denn die Hochschulverträge wurden durch den Berliner Senat gebrochen. Finanziell und strukturell auch nicht. Universitäten kann man nicht „einfach mal so“ zehn Prozent billiger oder zehn Prozent kleiner machen. Trotzdem! Wir haben das Potenzial, auch unter schwierigen Bedingungen an der Spitze des Wissenschaftssystems mitzuwirken. Ich freue mich, dies gemeinsam mit dem neuen Präsidium und allen Mitgliedern der Freien Universität anzupacken.
Forschung und Lehre und Transfer behandeln Themen, die die Gesellschaft braucht. Das Osteuropa-Institut, vor 75 Jahren an der Freien Universität gegründet, war 1951 wichtig und ist es immer noch. Das Margherita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung (MvBZ) wird zehn Jahre alt – die Anfänge der Geschlechterforschung reichen bis in die 1970er Jahre zurück. Wer im Wahlkampf „Exzellenz statt Geschlechterforschung“ rief, wollte billig punkten. Das MvBZ steht für Exzellenz in der Geschlechterforschung! Beide, Exzellenz und Geschlechterforschung, brauchen Zeit, Freiheit und verlässliche Finanzierung.
Früher war alles besser – dieses Narrativ hat Konjunktur, ist aber eine Illusion. Niemand weiß, was man in 20 Jahren sehen wird, wenn man auf diese Zeit zurückblickt. Ich bin zuversichtlich, dass man eine Freie Universität sehen wird, die sich auch unter großen Herausforderungen gut entwickelt hat. Deshalb feiern wir Jubiläen: Wir blicken zurück und greifen nach der Zukunft. Für die Wissenschaft, für die Gesellschaft, für Berlin.

