Springe direkt zu Inhalt

„Die Rollen unterscheiden sich. Die Werte nicht.“

Abschied vom Amt: Interview mit den Vizepräsidentinnen Verena Blechinger-Talcott und Petra Knaus

28.07.2026

Prof. Dr. Verena Blechinger-Talcott (l.) war als Vizepräsidentin unter anderem zuständig für Universitätskultur, Internationales, Diversity und Gleichstellung. Prof. Dr. Petra Knaus verantwortete als Vizepräsidentin die Themen Forschung und Transfer.

Prof. Dr. Verena Blechinger-Talcott (l.) war als Vizepräsidentin unter anderem zuständig für Universitätskultur, Internationales, Diversity und Gleichstellung. Prof. Dr. Petra Knaus verantwortete als Vizepräsidentin die Themen Forschung und Transfer.
Bildquelle: Christian Demarco/Bernd Wannenmacher

Pandemie, Krieg, Sparzwänge und gesellschaftliche Polarisierung: Die vergangenen Jahre haben auch die Freie Universität geprägt. Am Ende ihrer Amtszeit als Vizepräsidentinnen blicken Petra Knaus und Verena Blechinger-Talcott zurück: auf Erfolge, schwierige Entscheidungen und persönliche Erfahrungen. Ein Gespräch über Führung in Krisenzeiten, Wissenschaftsfreiheit, Mut – und darüber, was sie aus ihrer Zeit im Präsidium mitnehmen.

Nach Ihrer Amtszeit: Was überwiegt – Stolz, Erleichterung oder Wehmut?

Petra Knaus (ehemalige Vizepräsidentin für Forschung): Ich glaube, es ist eine gute Mischung aus allem. Wehmut empfinde ich vor allem, weil ich manche Menschen, die ich in den vergangenen vier Jahren sehr gut kennengelernt habe und mit denen ich viele schöne Gespräche geführt habe, künftig nicht mehr so selbstverständlich treffen werde. An der Freien Universität gibt es wirklich sehr interessante Menschen, die sich mit großem Engagement einbringen – aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und Statusgruppen.

Stolz bin ich darauf, dass es uns in dieser schwierigen Zeit im Team gelungen ist, die Entwicklung von Strategiefeldern für die Forschung anzustoßen. Dafür bin ich angetreten. Gleichzeitig waren wir durch die Haushaltskürzungen in einem Strukturentwicklungsprozess und hatten unglaublich viele andere Themen. Trotzdem ist es gelungen, den Blick nach vorn und die Vision zumindest ein Stück weit aufrechtzuerhalten, ohne ständig nur über Eurobeträge und Kürzungen zu sprechen.

Verena Blechinger-Talcott (ehemalige Vizepräsidentin für Internationales, Gleichstellung, Diversität und Nachhaltigkeit): Wir haben in den vergangenen acht Jahren wirklich viel geschafft. Besonders stolz bin ich auf die umfassende Überarbeitung der hochschulrechtlichen Grundlagen für Gleichstellung und Diversity. Nach der Änderung des Berliner Hochschulgesetzes mussten wir praktisch alle Regelungen neu fassen – von der Grundordnung über die Antidiskriminierungs- und Gleichstellungssatzung bis hin zum Code of Conduct. Das war ein ziemlich dickes Brett, weil all diese Regelungen am Ende durch den Akademischen Senat verabschiedet werden und eine Mehrheit finden mussten.

Ich finde es großartig, wie wir das gemeinsam hinbekommen haben. Präsidium und Akademischer Senat haben sich hier nach und nach einen gemeinsamen Prozess erarbeitet, in dem wir diskutiert haben: Was für eine Universität wollen wir sein? Welche Werte sollen unsere Regelungen ausdrücken? Dazu kommen die Klimanotstandserklärung, die Nachhaltigkeitsstrategie, die Biodiversitätsstrategie und die dazugehörigen Richtlinien.

Was ich dabei gelernt habe, ist der sogenannte Whole University Approach: Forschung und Lehre müssen zu dem passen, was wir auf dem Campus tun, wie wir intern kommunizieren, und wie wir nach außen auftreten. Das gilt für Nachhaltigkeit genauso wie für Diversity.

Und ist nach Jahren im Präsidium auch Erleichterung dabei?

Petra Knaus: Ich bin tatsächlich erleichtert, dass ich künftig nicht mehr so viel sitzen muss. Ich finde es wahnsinnig ungesund, stundenlange Sitzungen zu haben, ohne dass einem auch nur ein Glas Wasser angeboten wird und man sich für eine Biopause praktisch anmelden muss. Ehrlich gesagt finde ich, dass die Art, wie wir solche Sitzungen durchführen, nicht gesund ist. Deshalb bin ich froh, dass das jetzt für mich vorbei ist.

Verena Blechinger-Talcott: Es ist schon angenehm, wenn man morgens nicht mehr um acht Uhr ins erste Meeting hetzen muss, sondern seine Zeit wieder selbst gestalten kann. In so einem Amt gibt man ein Stück Autonomie über den eigenen Kalender ab. Deshalb freue ich mich darauf, diese Freiheit wiederzugewinnen.

Verena Blechinger-Talcott bei der Veranstaltung Frühlingsimpulse im April 2026.

Verena Blechinger-Talcott bei der Veranstaltung Frühlingsimpulse im April 2026.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Sie waren Vizepräsidentin in außergewöhnlich krisenhaften Jahren – geprägt vom russischen Angriff auf die Ukraine, dem Krieg in Gaza und den aktuellen Sparmaßnahmen. Hätten Sie unter anderen Bedingungen mehr erreichen können?

Verena Blechinger-Talcott: Krisen gibt es immer. Jede Agenda, mit der ein neues Präsidium startet, wird irgendwann von der Realität eingeholt. Bei uns kam allerdings sehr vieles gleichzeitig. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine war für mich als Vizepräsidentin für Internationales eine echte Wasserscheide. Bis dahin haben wir immer versucht, möglichst viele Türen zu öffnen und internationale Vernetzung zu ermöglichen. Plötzlich mussten wir ganz bewusst eine Tür schließen. Das war auch innerhalb der Universität umstritten.

Ich halte die Entscheidung bis heute für richtig. Gleichzeitig finde ich es sehr schade. Ich war selbst mehrfach in Russland und habe dort viele bereichernde Erfahrungen gemacht. Aber politisch war klar: Die russischen Universitäten sind nicht frei, die Forschung ist nicht frei. Unter diesen Bedingungen war eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich.

Diese Zeit hat auch neue Fragen aufgeworfen: Wie wollen wir künftig international zusammenarbeiten? Wie schützen wir unsere Hochschulangehörigen und die akademische Freiheit? Und wie ermöglichen wir gleichzeitig wissenschaftliche Kooperation – etwa auch mit Blick auf China? Das sind Fragen, die uns noch lange beschäftigen werden. Die „Versicherheitlichung“ ist auch in diesen Bereich eingezogen. Wir müssen internationale Kooperationen nicht mehr nur unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten, sondern zunehmend unter Sicherheits- und geopolitischen Gesichtspunkten bewerten.

Der Begriff der „Versicherheitlichung“ fällt derzeit häufig. Besteht die Gefahr, dass auch Hochschulleitungen zunehmend auf Nummer sicher gehen?

Verena Blechinger-Talcott: Diese Tendenz gibt es. Umso wichtiger ist es, den eigenen Werten treu zu bleiben und auch mutig für sie einzustehen. Das war mir immer wichtig. Gerade Universitäten sind Orte, an denen demokratische Praxis gelebt werden muss. Wenn wir dort Türen schließen, was bedeutet das für die Gesellschaft? Unsere Verantwortung geht weit über Forschung und Lehre hinaus.

Wenn die Anforderungen an Hochschulleitungen immer größer werden: Wie behält man den Blick für das Wesentliche?

Verena Blechinger-Talcott: Wir erleben seit Jahren, dass immer stärker versucht wird, Hochschulen kleinteilig zu steuern. Dem muss man etwas entgegensetzen. Hochschulautonomie ist nicht zufällig verfassungsrechtlich geschützt. Ich orientiere mich an dem japanischen Grundsatz Choose and Focus. Man muss auswählen, worauf man seine Energie verwendet. Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird. Führung heißt auch, bewusst Nein zu sagen, Widerstand zu leisten und Prioritäten zu setzen.

Wenn Sie auf Ihre acht Jahre zurückblicken: Waren Internationalität und akademische Freiheit von Anfang an Ihre wichtigsten Themen?

Verena Blechinger-Talcott: Dass Internationalität mein zentrales Thema sein würde, war von Anfang an klar. Aber ich habe damals nicht geahnt, welche Tragweite das bekommen würde. Die zunehmende Politisierung und Polarisierung der Hochschulen haben mich während der gesamten acht Jahre begleitet.

Immer wieder stellte sich die Frage: Was macht die Freie Universität eigentlich aus? Dabei war es mir wichtig, die Universität über ihre Mitglieder ständig einzubeziehen – über die Internationalisierungsbeauftragten, den Expert*innenbeirat Gleichstellung, das Diversity-Plenum und natürlich den Austausch mit unseren Spitzenforscher*innen. Ich wollte wissen: Greifen wir die richtigen Themen auf? Denn Exzellenz ist für mich auch eine Lebensversicherung einer Universität: Wer wissenschaftliche Spitzenleistungen erbringt, kann unabhängiger und mutiger handeln.

Offenbar eine besondere Erfahrung, die Mitarbeit in einer Hochschulleitung … Welche Erkenntnis nehmen Sie persönlich mit?

Petra Knaus: Viele Universitätsmitglieder haben wahrscheinlich keine Vorstellung davon, wie breit das Themenspektrum im Präsidium tatsächlich ist. Auch ich hatte das vorher nicht. An den Diskussionen auf der Ebene der Hochschulleitung teilzunehmen, mitzuentscheiden und zu erleben, welche Position die Freie Universität einnimmt und wohin sie sich entwickeln soll, war unglaublich spannend. Ich empfinde diese Zeit als große persönliche Bereicherung.

Verena Blechinger-Talcott: Präsidiumsarbeit ist immer politische Arbeit. Man kann die schönsten Strategien entwickeln – wenn es nicht gelingt, die Menschen davon zu überzeugen, bleiben sie eine Kopfgeburt. Deshalb geht es immer darum, Menschen mitzunehmen und Mehrheiten für gemeinsame Ziele zu gewinnen.

Ich werde vor allem den Austausch vermissen. Gemeinsam an großen Themen zu arbeiten und immer wieder zu überlegen: Wo stehen wir? Was ist jetzt der richtige Weg? Dieses genuin politische Arbeiten hat mir viel Freude gemacht. Das hätte ich vorher gar nicht gedacht. Selbst schwierige Themen werden interessant, wenn man sie gemeinsam angeht, kreativ nach Lösungen sucht und am Ende auch den Mut hat, Entscheidungen zu treffen. Das gibt einem ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Petra Knaus: Der zunehmende Druck und der immer größer werdende Aufgabenbereich in der Hochschulleitung machen mir tatsächlich Sorgen. Ich habe in den vergangenen Jahren auch beobachtet, was diese Belastung mit Menschen macht. Wir müssen früher erkennen, wann Unterstützung notwendig ist und dann auch schneller reagieren. Unterstützung bedeutet für mich, Menschen dort zu entlasten, wo sie Verantwortung übernehmen sollen. Gleichzeitig braucht es den Mut, sich von Aufgaben zu trennen. Man kann heute nicht mehr alles machen. Und wir müssen schneller Entscheidungen treffen. Ich glaube, das ist inzwischen eine der wichtigsten Kompetenzen für Hochschulleitungen.

Ich habe in diesen vier Jahren immer wieder versucht, meine eigenen Werte zu hinterfragen – ganz unabhängig davon, ob ich gerade als Vizepräsidentin, Hochschullehrerin oder Wissenschaftlerin gehandelt habe. Die Rollen unterscheiden sich. Die Werte nicht. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist. Mein Vertrauen in gute Wissenschaft, wissenschaftliche Qualität und höchste Ansprüche hat sich jedenfalls in diesen vier Jahren nicht verändert.

Petra Knaus stellte bei den Frühlingsimpulsen Strategiefelder für die FU-Forschung vor.

Petra Knaus stellte bei den Frühlingsimpulsen Strategiefelder für die FU-Forschung vor.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Frau Professorin Knaus, Sie haben die Strategiefelder der Forschung zu einem Schwerpunkt gemacht. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Ich habe es mir deutlich leichter vorgestellt, Forschungsschwerpunkte für die FU zu entwickeln. Ich dachte, wir holen Menschen zu verschiedenen Forschungsthemen zusammen, diskutieren gemeinsam, und dann wird das schon. Das Format, das wir gewählt haben, halte ich für sehr gut, weil wir den Prozess wirklich von unten nach oben und aus einer großen thematischen Breite heraus entwickelt haben. Trotzdem hatte ich mir das einfacher vorgestellt. Motivation funktioniert heute – wie so oft – über finanzielle Anreize. Das hatte ich unterschätzt. Genau die konnten wir aber nicht bieten.

Ein zweites großes Thema war die Campusentwicklung. Gerade hier steckt ein enormes Potenzial. Die Zusammenarbeit mit Andrea Güttner hat mir unglaublich viel Freude gemacht – trotz der schwierigen Rahmenbedingungen, der Haushaltskürzungen. Wir haben gemeinsam überlegt, wo Einsparpotenziale liegen, wie Flächen besser genutzt werden können und wie sich ein Campus entwickeln lässt, der stärker auf zukünftige Forschungsfelder ausgerichtet ist. Ich hatte dabei immer das Bild einer Satellitenstruktur vor Augen, in der unterschiedliche Disziplinen nicht entlang historischer Strukturen, sondern entlang gemeinsamer Zukunftsthemen zusammenrücken.

In beiden Themen bin ich längst nicht so weit gekommen wie erhofft. Trotzdem haben wir gute Grundlagen gelegt.

Ist eine Amtszeit von vier Jahren überhaupt sinnvoll?

Petra Knaus: Ich persönlich finde vier Jahre eher zu kurz, weil ich heute viele Dinge ganz anders angehen würde als zu Beginn meiner Amtszeit. Gleichzeitig sind wir keine hauptamtliche Hochschulleitung. Wir führen unsere wissenschaftlichen Aufgaben weiter. Genau so bin ich auch in dieses Amt gegangen: mit dem Anspruch, beides parallel zu machen. Ich glaube aber, dass sich das besser organisieren ließe – durch mehr Unterstützung am Institut während der Amtszeit und auch durch mehr Unterstützung im Präsidium.

Verena Blechinger-Talcott: An manchen Universitäten gibt es sechs Jahre lange Amtszeiten. Ich finde vier Jahre für die Freie Universität passend. Wir sind eine sehr politische Universität. Viele wollen mitbestimmen. Wenn etwas nicht gut läuft, ist eine vierjährige Amtszeit ein guter Zeitraum, um das festzustellen und durch eine Wahlentscheidung etwas zu verändern.

Abschied im Kreis von Kolleginnen und Kollegen: Universitätspräsident Günter M. Ziegler (M.) stieß gemeinsam mit Verena Blechinger-Talcott (l.) und Petra Knaus (r.) mit einem Glas Sekt auf bewegte Jahre im Präsidium an.

Abschied im Kreis von Kolleginnen und Kollegen: Universitätspräsident Günter M. Ziegler (M.) stieß gemeinsam mit Verena Blechinger-Talcott (l.) und Petra Knaus (r.) mit einem Glas Sekt auf bewegte Jahre im Präsidium an.
Bildquelle: Constanze Kaul

Zum Schluss eine persönliche Frage: Was kommt jetzt?

Petra Knaus: Ich werde jetzt erst einmal zur Ruhe kommen. Das ist wichtig. Dann möchte ich vieles wieder zusammenführen, was in den vergangenen Jahren liegengeblieben ist. Ich werde auf jeden Fall weiter forschen und freue mich sehr darauf, wieder ganz am Institut zu sein. Meine Arbeitsgruppe ist inzwischen zwar kleiner geworden, aber ich habe viele Ideen – insbesondere im Bereich Frauengesundheit. Außerdem habe ich mit Mechano-Genomics ein neues Forschungsgebiet aufgebaut. Dort wünsche ich mir, die nächste Generation weiterhin zu unterstützen und international gut zu vernetzen sowie unser Forschungsgebiet in die Anwendung zu bringen.

Ich möchte aber auch wieder mehr Zeit für mich selbst haben. Meine Gesundheit soll wieder einen größeren Stellenwert bekommen. Ich möchte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Und ich freue mich darauf, wieder mehr zu lesen. Es warten wunderbare Menschen darauf, dass ich endlich wieder mehr Zeit habe.

Verena Blechinger-Talcott: Ich bin von der Freien Universität beurlaubt und gehe zum Oktober als Direktorin an das Deutsche Institut für Japanstudien in Tokio. Das Institut ist ein von der Max-Weber-Stiftung getragenes geisteswissenschaftliches Forschungsinstitut im Ausland. Ich werde dort ein eigenes Forschungsprogramm verantworten und selbst wieder forschen. Das hat mir sehr gefehlt. Gleichzeitig gehört die Förderung der deutsch-japanischen Wissenschaftsbeziehungen und der transregionalen Zusammenarbeit zu den zentralen Aufgaben. Vieles von dem, was ich als Vizepräsidentin für Internationales gemacht habe, kann ich dort einbringen.

Die Fragen stellte Karin Bauer-Leppin