„So viel Schwung und Begeisterung“
Zum Ende seiner Amtszeit als Sprecher der Berlin University Alliance zieht FU-Präsident Prof. Dr. Günter M. Ziegler Bilanz: Wie hat sich der Berliner Exzellenzverbund seit 2019 entwickelt, und welchen Anteil hat die Freie Universität Berlin daran?
06.07.2026
Sieben Jahre nach dem Start der Berlin University Alliance (BUA) bereitet sich der Verbund – erfolgreich evaluiert – auf eine neue Förderphase vor. Für Günter M. Ziegler ist gerade seine zweite Amtszeit als Sprecher der BUA zu Ende gegangen. Im Interview spricht der Präsident der Freien Universität darüber, wie aus einer ambitionierten Idee ein gemeinsamer Wissenschaftsraum gewachsen ist, welche Impulse die Freie Universität in den Verbund eingebracht hat – und wie die BUA die FU verändert hat.
Das Board of Directors der Berlin University Alliance mit Prof. Dr. Dr. h.c. Günter M. Ziegler (Mitte) und dem neuen BUA-Sprecher Prof. Dr. Heyo K. Kroemer (Charité)
Bildquelle: Stefan Klenke
Zum 1. Juli 2026 hat Professor Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin, die Sprecherschaft der Berlin University Alliance (BUA) übernommen. Er folgt auf Professor Günter M. Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin, der diese Rolle im Exzellenzverbund in den vergangenen Jahren innehatte. Mit dem Wechsel an der Spitze startet die BUA in eine neue Phase: Nach der erfolgreichen Evaluation im Forschungswettbewerb Exzellenzstrategie von Bund und Ländern setzt der Verbund von 2027 bis 2033 sein neues Zukunftskonzept „Beyond Boundaries“ um.
Warum ist das wichtig?
Die Berlin University Alliance ist der Exzellenzverbund von Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technischer Universität Berlin und Charité – Universitätsmedizin Berlin. Gemeinsam verfolgen die vier Einrichtungen das Ziel, Berlin als international sichtbaren Wissenschafts- und Innovationsstandort weiterzuentwickeln und die Zusammenarbeit über institutionelle und disziplinäre Grenzen hinweg zu stärken. Der Sprecherwechsel markiert deshalb mehr als einen personellen Übergang: Er fällt in eine Phase, in der die BUA auf den Erfahrungen der ersten Förderperiode aufbaut und den gemeinsamen Wissenschafts- und Innovationsraum Berlin in der zweiten Förderphase – auch in Reaktion auf knappere finanzielle Mittel und zunehmende Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit – weiter vernetzen und international stärken will.
Herr Professor Ziegler, die Berlin University Alliance ist mit dem Anspruch angetreten, Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg neu zu denken. Wenn Sie heute Bilanz ziehen: Wo hat die Allianz Ihre eigenen Erwartungen übertroffen?
Der strukturelle Impact der BUA ist unglaublich. Wir haben nicht nur Strukturen für die Zusammenarbeit zwischen den drei Universitäten und der Charité aufgebaut, sondern auch die außeruniversitäre Forschung zusammengebracht, die jetzt als Berlin Research 50 auftritt. Wir haben die Kooperation im Transfer-Bereich mit Science & Startups auf den Weg gebracht und mit der Transferplattform JUNI zum Berlin-Brandenburger Projekt erweitert, und die Wirtschaft ist auch mit im Boot. Ein sehr großes Boot!
Als Vorbild für eine solche Zusammenarbeit hatten wir in Berlin ‚nur‘ die Mathematik, die früh berlinweit zusammengearbeitet und schließlich den Exzellenzcluster MATH+ hervorgebracht hat. Dass auch ganze Universitäten erfolgreich zusammenarbeiten, gar im Verbund auftreten können, galt 2019 noch als fraglich. Verbreitet war die Sorge zu hören, man würde nur ums Geld rangeln. Und auch die Gutachter*innen im Exzellenzwettbewerb haben genau nachgefragt, ob die Kooperation nur auf dem Papier besteht oder tatsächlich ‚lebt‘. Heute fragt keiner mehr, wir haben ein „Berliner Modell“ der Hochschulkooperation etabliert, und man schaut bundesweit nach Berlin.
Team und Gäste der Berlin University Alliance feiern die Weiterförderung des Exzellenzverbunds
Bildquelle: Stefan Klenke
Sie haben die BUA sowohl in der Gründungsphase als auch in den vergangenen beiden Jahren als Sprecher geprägt. Was hat Sie an der Entwicklung des Verbunds in dieser Zeit am meisten überrascht?
Der BUA-Spirit! Aus „das ist schwierig und anstrengend“ wurde Begeisterung, gemeinsam Großes zu bewegen. Es gab nicht den einen, entscheidenden Moment. Es war ein Prozess, in dem wir Stabilität und Resilienz gewonnen haben. Damit konnten wir auch schwierige Momente überwinden: Als der Exzellenzverbund kurz vor der Begutachtung im Forschungswettbewerb Exzellenzstrategie plötzlich seine Geschäftsführung verlor, da mussten wir schon erst einmal innehalten und uns sammeln. Aber dann haben wir zusammen diesen großen Erfolg der Weiterförderung erreicht.
Mein Großvater hat über die Schar seiner sieben Enkel immer wieder gesagt ‚Alleine hab’ ich angefangen, und jetzt bin ich so viele‘. Man muss sich ja nur die Siegerfotos anschauen: 2019, als Freie Universität, Humboldt-Universität, Technische Universität und Charité als Berlin University Alliance erstmals gemeinsam im Forschungswettbewerb Exzellenzstrategie erfolgreich waren, hatten wir das Selfie der vier Leitungen im Vordergrund, auf der Bühne der Urania. 2026, nach dem zweiten Erfolg, zeigt das Bild eine große Gemeinschaft, die in der Akademie der Künste feiert und dann auch getanzt hat. Da ist so viel Schwung und Begeisterung so vieler Universitätsmitglieder aus allen Statusgruppen zu sehen, die sich an allen Häusern für die inhaltliche Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Exzellenzverbunds engagieren – Menschen, die wesentlich dafür waren, dass wir erfolgreich begutachtet wurden und nun gemeinsam in die zweite Phase starten.
Prof. Dr. Günter M. Ziegler (FU), Prof. Dr. Karl Max Einhäupl (Charité), Prof. Dr.-Ing. Sabine Kunst (HU) und Prof. Dr. Christian Thomsen (TU Berlin) nach Bekanntgabe der Förderung der BUA als Exzellenzverbund 2019
Bildquelle: Freie Universität Berlin
Welchen Beitrag hat die BUA dazu geleistet, dass Wissenschaft und Forschung in Berlin heute international ganz anders wahrgenommen werden als noch vor einigen Jahren?
Die BUA hat bewirkt, dass Vielfalt und Exzellenz, die es schon vor der BUA in der Brain City Berlin gab, noch besser gebündelt wurden – und dass die Strahlkraft des Wissens- und Innovationsraums Berlin in die Welt noch größer geworden ist. Das hat die Präsidentin der University of Oxford, Irene Tracey, auch den Gutachter*innen im Forschungswettbewerb Exzellenzstrategie vermittelt. Und weil Wissenschaft im weltweiten Wettbewerb stattfindet, ist diese Weiterentwicklung des Wissens- und Innovationsraums Berlin durch den Exzellenzverbund ein ganz großer Vorteil im Wettbewerb um die klügsten Köpfe.
Die vier Partnereinrichtungen bringen jeweils eigene Traditionen, Stärken und Perspektiven in die BUA ein. Was war Ihnen aus dem Profil der Freien Universität heraus für die Entwicklung des Verbunds besonders wichtig?
Die Freie Universität ist eine wertebasierte Universität – inzwischen sage ich auch: eine „wertegetriebene Universität“, denn das ist unser Treibstoff. Die Freie Universität ist eine Internationale Netzwerkuniversität. Wissenschaft braucht den intensiven Austausch über Länder und Grenzen hinweg, um sich weiterzuentwickeln und um angesichts der dynamischen Veränderungen in der Welt sich so anzupassen, dass sie weiterhin gesellschaftliche Wirkung entfalten kann: aus der internationalen Vernetzung schöpft Wissenschaft, schöpfen wir Stärke und Resilienz. Die Freie Universität ist auch eine politische Universität. Sie ist seit ihrer Gründung und bis heute ein Ort, an dem gesellschaftliche Diskurse intensiv geführt werden und an dem wir so auch wieder auf vielfältige Weise in die Gesellschaft hineinwirken. Dieses Profil geht nicht im Verbund verloren. Vielmehr fließen diese spezifischen FU-Perspektiven in den Verbund ein und stärken ihn.
Und umgekehrt: Welche Entwicklungen an der Freien Universität wären ohne die BUA so nicht denkbar gewesen?
Im gleichen Maße, wie wir FU-spezifische Themen und Perspektiven in die BUA getragen haben, hat die BUA dazu beigetragen, dass wir als Freie Universität unser Profil geschärft haben. Die Strategiefelder der Forschung etwa, in denen wir die Forschungslandschaft an der FU denken und weiterentwickeln werden, gehen auf Konzepte zurück, die wir zuerst in der BUA und mit Berlin Research 50 etabliert haben. Diese Konzepte bildeten auch die Grundlage für die Forschungspolitische Strategie des Landes Berlin. Und auch im Bereich Transfer wären wir ohne die BUA nicht so stark und breit aufgestellt.
Die Tatsache, dass die Gründungsberatung der FU ein Teil von Science & Startups ist, und Science & Startups mittlerweile ein Teil von JUNI geworden ist, der Startup Factory für wissenschaftsbasierte und Tech-Startups in Berlin and Brandenburg, ist eine Voraussetzung dafür, dass wir an der FU so stark und erfolgreich sind.
Die Zusammenarbeit in der BUA findet heute auf vielen Ebenen statt – von gemeinsamen Forschungsprojekten bis hin zur Nachwuchsförderung. Wo sehen Sie die nachhaltigsten Veränderungen?
Im Zentrum steht für mich ein neues Modell, Wissenschaft zu betreiben – verbundförmig, interdisziplinär, institutionenübergreifend, in der ganzen Breite von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung. Die Gutachter*innen haben der BUA in ihrer Begehung im vergangenen Herbst ein „erhebliches transformatives Potenzial“ attestiert und sie aufgefordert, „eine führende Rolle bei der Initiierung grundlegender systemischer Veränderungen auf nationaler und internationaler Ebene einzunehmen“.
Ich sehe das genauso und bin überzeugt, dass wir dieses transformative Potential realisieren werden – indem wir ein Modell etablieren, das auch andere für sich nutzen wollen. Letztlich ist alles, was wir machen, nachhaltig aufgesetzt – von der Entwicklung von Karrierewegen bis zum gemeinsamen Open-Access-Verlag Berlin Universities Publishing, vom Knowledge Exchange mit der Gesellschaft und den Strukturen für internationale Zusammenarbeit bis hin zur gemeinsamen Nutzung von Forschungsinfrastrukturen (Sharing Resources): Das ist alles auf Dauer angelegt. Und in all diesen Bereichen ist viel und Herausforderndes zu tun, ganz im Sinne dieses transformativen Potenzials.
Mit der Gründung des Exzellenzverbunds gingen Befürchtungen einher, es könnten Doppelstrukturen entstehen. Seither hat die Berlin University Alliance eine Reihe von Synergien geschaffen – etwa bei der gemeinsamen Nutzung von Forschungsinfrastrukturen. Sehen Sie die Befürchtungen ausgeräumt?
Ja. Denn wir schauen sehr genau, was wir effektiver gemeinsam machen können, wo wir Strukturen zusammenlegen können. Das ist das Gegenteil von „Doppelstrukturen aufbauen“. Seit Gründung der BUA legt der Exzellenzverbund einen Schwerpunkt auf Sharing Resources, die gemeinsame Nutzung von Forschungsinfrastrukturen wie teure Großgeräte. Dass wir damit richtig gelegen haben, bestätigen leider die vergangenen Monate: Derzeit wissen wir etwa noch gar nicht, welches Budget uns für die BUA zur Verfügung stehen wird – aus Vorsicht verplanen wir deshalb nur rund 75 Prozent des beantragten Budgets. Und in der Grundfinanzierung der Hochschulen halten die versprochenen Zuwächse nicht Schritt mit den Kostensteigerungen etwa für Gehälter, Energie und Instandhaltung von Gebäuden.
Mit „Beyond Boundaries“ hat die BUA ein Zukunftskonzept vorgelegt, das den Wissenschaftsraum Berlin noch stärker als Ganzes in den Blick nimmt. Welche weiteren Entwicklungsschritte sind damit verbunden?
Das BUA-Konzept von 2018 hieß „Crossing Boundaries“, und es ging um die Zusammenarbeit zwischen den vier Häusern. Wir sind schon mit der Zusammenarbeit mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Berlin, den BR50, weit darüber hinaus gegangen. Mit „Beyond Boundaries“ geht es jetzt auch um den Transfer in die Gesellschaft, in die Wirtschaft und in die Politik, es geht um die Resilienz der Demokratie. Da haben wir viel vor und viel zu tun. Und nur gemeinsam eine Chance.
Wenn Sie die Entwicklung der BUA in einem Satz zusammenfassen müssten: Was ist da in Berlin in den vergangenen sieben Jahren entstanden?
Ich würde sagen, ein starkes und stark-vernetztes und höchst erfolgreiches Ökosystem aus Universitäten, außeruniversitärer Forschung, Kultur und Wirtschaft. Und ein Vorreitermodell mit einer großen Attraktivität. Dass auch andere in Deutschland einen solchen Weg gehen wollen, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.



